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Wer ist Jude?

Für diese seit der jüdischen Aufklärung nicht widerspruchsfrei zu beantwortende Frage aller Fragen musste das Oberste Britische Gericht jetzt eine Antwort finden. Am 16. Dezember kam der Streitfall «JFS gegen M.» vor das erst im Oktober 2009 installierte Supreme Court in London. Die JFS, eine jüdisch-orthodoxe Eliteschule im englischen Kenton, hatte dem zwölfjährigen, jüdischen Schüler M. Mitte 2009 die Aufnahme in die konfessionelle Schule verweigert. Begründung: Er sei kein Jude nach orthodoxem Verständnis. M.s Vater ist geborener Jude, seine Mutter eine zum jüdisch-progressiven Glauben Konvertierte. M. selbst praktiziert seit seiner Kindheit den jüdischen Glauben, ist aber auch nicht nach orthodoxen Regeln konvertiert. Die JFS, 1732 als «Jews' Free School» gegründet und eine der besten Schulen Großbritanniens, lehnte den jüdischen Schüler mit Verweis auf ihre Satzung ab. Nur nach orthodoxem Verständnis jüdische Kinder könnten an der JFS lernen. M. wäre demnach nur jüdisch, wenn dessen Mutter auch geborene Jüdin oder eine bei einem orthodoxen Rabbiner Konvertierte wäre.
Der Vater M.s klagte vor Gericht, verlor in erster Instanz, gewann jedoch die Berufung im Herbst. Die Ablehnung M.s sei als «rassische Diskriminierung» zu beurteilen, so das Gericht. Die JFS, eine private, aber staatlich subventionierte Schule, müsse das britische Diskriminierungsgesetz beachten. Konfessionelle Schulen dürften ihre Schüler zwar im Falle zu hoher Bewerberzahlen nach dem Kriterium «Religion» auswählen, nicht jedoch nach Kriterien wie «Ethnie» bzw. «Rasse». Die Argumentation des Berufungsgerichts erschütterte die jüdische Gemeinschaft weltweit.
Die JFS, so bestätigten Mitte Dezember die obersten Richter des Königreichs, hat das britische «Race Relations Act» verletzt. Dieses Gesetz besagt, dass niemandem der Zugang zu einer öffentlich regulierten Einrichtung wegen der «falschen» genealogischen Herkunft verwehrt werden dürfe. Ergo: M. ist Jude, und die orthodoxe Schule müsse das Jüdischsein M.s anerkennen. Im Richterspruch des Supreme Court heißt es zwar, dass die JFS im Fall M. die «Ethnizität» des Schülers zur Aufnahmebeurteilung herangezogen habe, und dies sei nicht rechtens. Die Richter wiesen jedoch explizit darauf hin, dass die JFS nicht «rassistisch im pejorativen Sinn» gehandelt habe.
Die Entscheidung der britischen Richter fiel mit fünf zu vier Stimmen denkbar knapp aus. Weltliche Institutionen in Europa können verständlicherweise bei der Frage «Wer ist Jude?» nicht die historische Dimension des europäischen Antisemitismus ausblenden. Deshalb wurde schon im Vorfeld des letzten Urteils heftig über die Zuständigkeit des Falles «JFS gegen M.» diskutiert. Die Londoner Zeitung «Jewish Chronicle» bezeichnete den Fall als «den bedeutendsten der neueren Geschichte der britisch-jüdischen Gemeinde».
Bereits früh versuchte das Berufungsgericht eine explosive Terminologie rechtstechnisch einwandfrei klarzustellen: den der Rasse. Demnach ist im «Race Relations Act» nicht von pseudowissenschaftlichen und biologischen Merkmalen die Rede, sondern vielmehr definiert der Begriff eine Bevölkerungsgruppe, die sich durch Geschichte und kulturelle Tradition, Sprache, Sitten und religiöse Bindung hinreichend von anderen unterscheidet. Nur durch Geburt könne man Mitglied einer solchen Gruppe werden, nicht durch einen Willens- oder Glaubensakt. Glaubensakte genügen etwa im Christentum, im Islam oder im progressiven Judentum, um Mitglied der jeweiligen Religion zu werden. Die jüdisch-orthodoxe Religion schließt jedoch ein ethnisches Moment ein. Aufgrund dieses Sachverhalts, so das Gericht, sei der neutralisierte Rasse-Begriff im Fall «JFS gegen M.» anzuwenden.
Das Verschmelzen des ethnisch-matrilinearen Elements - das Jüdischsein der Mutter als Voraussetzung für das Jüdischsein des Kindes - mit dem religiösen - die praktische Ausübung des Glaubens - ist juristisch ein kniffliger Fall. Der Rasse-Vorwurf gegen die jüdische Orthodoxie wird zwar durch einen qua orthodoxer Konversion möglichen Religionszugang prinzipiell entkräftet, im Grunde sind aber in Fällen wie dem von M. diejenigen aus «rassischer» Perspektive im Vorteil, die von einer jüdischen Mutter geboren wurden. Rassismus, ja oder nein?
Britische Menschenrechtsaktivisten begrüßten den Gerichtsbeschluss, wonach nun jüdische Schulen in Großbritannien nicht länger ethnische Gesichtspunkte als Aufnahmekriterien geltend machen dürfen. JFS-Direktor Russell Kent zeigte sich hingegen enttäuscht und kämpferisch: «Wir können die Überprüfung des „Jüdischseins" nur auf der Basis der orthodoxen jüdischen Religionsgesetze [der Halacha - d. Red.], vornehmen und nicht auf einer Reihe von Faktoren, die nach jüdischem Gesetz keine Relevanz haben.» Großbritanniens orthodoxer Oberrabbiner Jonathan Sacks forderte eine sorgfältige Prüfung der Auswirkungen des Beschlusses und begrüßte einen Vorschlag der Richter, wonach die Gesetzgebung im Hinblick auf jüdische Schulen im Vereinigten Königreich in Zukunft abgeändert werden könnte. Mehrere orthodoxe Führungskräfte wiesen außerdem darauf hin, dass es problematisch sei, moderne Rechtsprechung auf eine 3.500 Jahre alte jüdische Tradition anzuwenden. Sie warnten vor dem Einfluss, den das britische Urteil auf andere jüdische Organisationen haben könnte.
In Deutschland stellt sich das Problem bislang nicht, hier gibt es keine orthodox-jüdische Schule mit streng halachischen Aufnahmekriterien. So muss sich hierzulande auch kein rabbinisches oder Zivilgericht mit der Gretchenfrage auseinandersetzen. Anders in Israel: Dort werden die orthodoxen jüdischen Schulen staatlich finanziert und kontrolliert, in der Praxis greift der Staat jedoch nicht in deren Aufnahmepolitik ein. Mit dem Urteil aus London ist nun weltweit eine neue Debatte um jüdische Identität und um die Frage «Wer ist Jude?» entbrannt.