Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Viele Zufälle begleiten mein Leben»Geburtstagsbesuch bei der Berliner Fotografin Helga Simon
Eigentlich sollte es ein ganz normales Interview werden. Zwei Stunden vielleicht. Doch niemals hätten zwei Stunden für das Leben der Helga Simon gereicht, die in diesem Monat ihren 80. Geburtstag feiert. Eine Boulevardzeitschrift hat sie kürzlich zwanzig Jahre älter gemacht, als sie gemeinsam mit dem 104jährigen Johannes Heesters abgelichtet wurde. Inzwischen hat sich das Blatt entschuldigt und feiert Helga Simon als «Berliner Institution». Das ist sie zweifellos. Sie ist seit den frühen 1950ger Jahren «Haus- und Hoffotografin» der Berliner Jüdischen Gemeinde, aber auch der politischen Höhepunkte oder der Ballszene des alten West-Berlin, der «Reichen und Schönen», der Stars und Sternchen und solcher, die es in Berliner Nachtclubs werden wollten. Niemals verstand sie sich als Foto-Künstlerin, wie etwa Helmut Newton, den sie kennengelernt hat und der sogar ihren Namen kannte. Stattdessen hat Helga Simon Politisches akribisch dokumentiert und Privates in Erinnerung gehalten. Betritt man ihre über 180 Quadratmeter große Wohnung in Berlin-Charlottenburg bekommt man schon im Vorraum einen Eindruck davon: Fotos von Helga Simon mit Eberhard Diepgen oder dem Ehepaar Herzog, die Simon in einer Karikatur von Will Halle und als Ölgemälde von Harry Noack. In ihrem Arbeitszimmer über dem Konterfei von Klaus Wowereit ein Riesenposter von Bill Clinton mit dem Spruch «best wishes for Helga». Das Motiv hat sie selbst bei der Eintragung des US-Präsidenten ins Goldene Buch der Stadt aufgenommen. Gleich daneben das Atelier. Hier finden sich zwischen den mit Samttapeten bespannten Wänden unzählige echte wie unechte Blumen und Pflanzen, Stofftiere und Puppen, italienische Möbel mit Blattgold verziert, alte Telephonapparate, die allesamt funktionieren. Besonders stolz ist Helga Simon auf ein ausgestopftes Tigerbaby, ein «echtes», wie sie sagt, das in den 1970ger Jahren stolze 300,- Mark gekostet hat. Es liegt auf einem der vielen dicken Teppiche: «Ich hatte früher einen Teppichfimmel», lacht sie. Seit 45 Jahren lebt und arbeitet Helga Simon hier, zehn Jahre länger fotografiert sie schon. Geboren wurde sie im Oskar Ziethen Krankenhaus, «an einem Sonntagmorgen um 9 Uhr». Der jüdische Vater, Moritz-Eugen, war Bankbeamter, Träger des Eisernern Kreuzes I. Klasse aus dem Ersten Weltkrieg und schwerst kriegsverwundet. Das hat ihn, wenn auch nicht sehr lange, vor der Deportation bewahrt, bevor er mit dem 24. Ost-Transport am 9. Dezember 1942 mit 1.060 anderen Berliner Juden ohne Wiederkehr nach Auschwitz kam. Auch der Großvater wurde im KZ ermordet, in Sachsenhausen. Helgas evangelische Mutter war eine für ihre Zeit sehr engagierte Geschäftsfrau. «ESK-Moden» in der Kastanienallee 101 war seit der Mitte der 1930ger Jahre ein populärer Mode-Salon, ein zweites Geschäft in der Schönhauser Allee 44 konnte betrieben werden. Else Simon lebte in einem immerwährenden Widerstreit der Gefühle: Einerseits brachten ihr die Frauen der Wehrmachtssoldaten Stoffe aus Frankreich in die Läden und sicherten so die Existenz der kleinen Familie, andererseits saßen zu Hause der längst von der Dresdner Bank entlassene jüdische Mann und das «halbjüdische» Kind. In der «Reichskristallnacht» schmierten Nazis «Kind: JUDE» und den Davidstern an die Scheibe des Geschäftes und das obwohl sich Vater und Mutter geeinigt hatten, Helga «zu ihrer eigenen Sicherheit» taufen, später auch konfirmieren zu lassen. Die Schmierereien bewogen den Direktor der Mittelschule in der Eberswalder Strasse Helga von der Schule zu weisen. Nun besuchte sie eine Privatschule. Im Zuge der Deportation ihres Vaters fiel die einzige Tochter der Simons den Behörden auf: Helga wurde, gerade konfirmiert, zur «Erörterung ihrer Abstammung» vorgeladen. Erschienen ist sie nicht: Die Mutter packte das Nötigste zusammen und fuhr mit ihr zu den «arischen» Verwandten in die Nähe von Insterburg in Ostpreußen. Zwei Jahre blieben sie dort, bis zum Winter 1944/45. «Ich hatte sogar einen „richtigen" Ausweis, ohne das eingestempelte J», erinnert sich Helga Simon: Ihre Mutter hatte einen Polizisten kennen gelernt und sich mit ihm «angefreundet». Ob sie dies nur getan hatte, um den Ausweis für das Kind zu bekommen oder sich wirklich mit dem Mann befreundete - Helga Simon weiß es nicht. Im Januar 1945 dann wieder eine Flucht, bis Flederborn im pommerschen Landkreis Deutsch-Krone. Dort rettete ihr Schäferhund der fast 17-Jährigen das Leben: Bei einem Fliegerangriff auf ihren Treck warf sie sich in den Schnee, der Hund sich über ihren Kopf - und wurde getroffen. Tot lag er auf ihrem Gesicht. Die Mutter wollte kurz noch zum Sammelplatz zurück: Sie hatte in der Aufregung ihre Tasche mit allen überlebensnotwendigen Papieren liegenlassen. Dieser Abschied, der keiner war, ist der letzte und endgültige von ihrer Mutter. Zwei Portraits von ihr, eines als Fotografie und eines als Gemälde, sind heute die einzigen zwei Bilder im Wohnzimmer der Helga Simon in ihren mit Fotos und Ölgemälden sonst fast überladenen Räumen. Helga schlug sich alleine bis in ein Flüchtlingslager bei Demin durch. Einige Monate konnte sie bei der Verwalterin und deren Mann unterkommen, bis «die Russen» auch vor Demin standen und das Paar sich in einem nahe gelegen Fluss ertränkte. Eine Nachbarin nahm sie auf, mit ihr zusammen betrieb Helga einen schwunghaften Handel mit den hamsternden Berlinern. Eier, Zucker und Truppenverpflegung von «den Russen» wechselte gegen Feuerzeuge den Besitzer, die neu für die Russen waren. «Einmal hat mir einer tausend Mark gegeben, weil auf dem Feuerzeug „Tausendzünder" stand», erinnert sie sich lachend. Unter den Hamsterern aus der Stadt waren zwei Schwestern, die sich mit Helga anfreundeten. Sie überredeten die junge Frau mit nach Berlin zu kommen und sich bei einer neu gegründeten Hilfsorganisation nach ihren Eltern zu erkundigen. Schnell fand Helga Unterlagen über Vater und Großvater, nur die Mutter blieb verschollen. Schweren Herzens entschloss sich Helga, sie für tot erklären zu lassen. Ein unverständlicher Schritt? Er brachte Helga eine gesicherte Vollwaisenrente. In Berlin traf sie auf Probst Heinrich Grüber, der damals begann die «Gesellschaft für ehemalige Opfer rassischer Verfolgung» aufzubauen. Er brachte sie schließlich mit Heinz Galinski zusammen, der seinerseits die wieder gegründete Jüdische Gemeinde organisierte. Die Begegnung mit ihm sollte zu einem entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben werden. Als noch nicht ganz Zwanzigjährige entschloss sich Helga, die nach dem Ende des Krieges die Mittlere Reife erworben hatte, dem Berufsweg ihrer Mutter zu folgen und absolvierte eine Mode-Ausbildung am Lette-Verein. Nach vier Semestern schloss sich ein praktisches Jahr in einem Mode-Salon an, doch als das Praktikum beendet war, konnte sie nicht übernommen werden: Noch gab es für ein Mode-Geschäft ganz einfach viel zu wenig zu tun. Mit Sorge beobachtete Galinski die junge Frau, die durch den Verlust der Eltern und die unsichere soziale Lage körperlich und seelisch sehr angeschlagen war. Er riet ihr, sich im Jüdischen Krankenhaus aufnehmen zu lassen. Schnell erholte sich Helga und begann, den Schwestern zu helfen, ging mit Genesenden spazieren oder vertrat nachts in der Telefonzentrale der Klinik. Ihr machte die Arbeit Spaß und da mit Mode vorerst kein Geld zu verdienen war, begann sie eine zweite Ausbildung: zur Krankenschwester. Mit zwei Lehrschwestern teilte sie ein Zimmer. Wie sollte man da seinen 21. Geburtstag feiern? So fragte sie den Lebensgefährten ihrer Schulfreundin, ob sie nicht in dessen Wohnung in der Behmstrasse feiern könne. Da man im Nachkriegs-Berlin nicht gerade mit Fröhlichkeit gesegnet war, stimmten beide nicht nur zu, sondern luden auch noch einen jungen Mann ein: Der gebürtige Schwede Siegurd Wallström, Schnittmeister bei der DEFA, hatte einen Fotoapparat dabei. Er machte Aufnahmen von Helgas Fest, die sie in den nächsten Tagen ihren Kolleginnen und den alten Kommilitoninnen vom Lette-Verein zeigte. Die Bilder gefielen und so wollte jede ein paar Aufnahmen von sich machen lassen, manche auch mit etwas weniger auf dem Körper, als seinerzeit schicklich war. Wallström war allein erziehender Vater in Ost-Berlin, für jedes Bild bekam er eine West-Mark. Ein gutes Geschäft, das alsbald florierte, von Helga organisiert. Sie verwahrte den Fotoapparat in ihrem Zimmer im Krankenhaus, denn bei den Kontrollen an den Zonengrenzen der Vier-Mächte-Stadt hätte so ein wertvolles Stück auch leicht konfisziert werden können. Helga Simon half dem Profi, lernte sehr viel von der Technik des Fotografierens, was sie gut mit ihren Erfahrungen aus der Mode-Branche zusammenbringen konnte. Eines Tages versäumte Wallström einen Termin: Die «große Chance» für Helga: So konnte Simon ihre erste eigene Fotoserien machen - Portraits einer Kollegin und Heinz Galinski meinte begeistert: «Helga, Du bist ein Naturtalent!» Eines Tages war der Schwede weg. Aus dem unschicklich-wenigen Stoff an manchen Mädchenkörpern waren Nacktaufnahmen geworden. Wallström wurde «verpfiffen». Von einem Tag zum anderen hatte Helga zwar noch ihren Fotoapparat, eine «Rettina», die ihr ein Patient für hundert Mark verkauft hatte, aber keine Hilfe, keinen «Mentor», kein Labor mehr. Auf der Suche nach einem neuen fand sie ein kleines Foto-Geschäft im Osten, nahe der Zonengrenze an der Wollankstrasse. Die Besitzerfamilie wohnte auf der Westseite und so wurde der Laden kurzerhand vom Ost-Berliner Magistrat geschlossen. Helga hatte sich inzwischen mit dem Junior-Chef angefreundet, «einer von drei Männern, die ich in meinem Leben geheiratet hätte». Für ihn besorgte sie im Westen eine Stelle im Foto-Studio Tempel. Doch just am ersten Arbeitstag wurde der Geliebte krank - und Helga sprang wieder einmal ein. Doch sie sprang nicht nur ein - sie schlug auch ein und wurde nach den ersten Arbeiten von den Tempels eingestellt. «Wäscheangeln» hieß das, was sie in den nächsten drei Jahren hauptsächlich fotografierte: In «Remde's St. Pauli», einer Nachtbar am Kurfürstendamm, fotografierte sie Tänzerinnen, denen als Showeinlage auf der Bühne mittels einer Angel von den männlichen Gästen aus Ost wie West die Kleidungsstücke vom Körper «geangelt» werden konnten. Tagsüber hat sie im Foto-Studio Tempel gearbeitet, nachts bei Remde, wo die Tempels «Hausfotografen» waren. Bei Remde war Helga Simon an dem Umsatz beteiligt, den er über ihre Fotos erzielte. Sie verdiente so viel, dass sie sich 1953 ihr erstes gebrauchtes Auto kaufen konnte, einen Ford «Eifel», Baujahr 1938, nachdem sie nach nur zehn Fahrstunden den Führerschein gemacht hatte. Immer mehr Aufträge aus der Jüdischen Gemeinde kamen dazu, so dass sie ihre Stelle als Krankenschwester aufgab und sich ganz dem Fotografieren widmete. Eine Weile blieb sie noch im Jüdischen Krankenhaus wohnen, wo auch Galinski sein Büro hatte. Durch die Dokumentation von Gemeindeveranstaltungen und religiösen Riten kam Helga Simon in Kontakt zur Berliner Politik, die sie bis heute fotografiert. Mit der Eröffnung des Gemeindehauses in der Fasanenstrasse und dem Büro-Umzug Galinskis dorthin nahm diese Arbeit sie noch mehr in Anspruch. Später kamen über die Gemeinde Arbeiten für die WIZO, jüdische Institutionen, verschiedenen Stiftungen und gemeinnützige Organisationen dazu. Auch als Architekturfotografin machte sich Helga Simon einen Namen: So fotografierte sie beispielsweise dreißig Jahre lang für den Berliner Architekten und Träger des Bundesverdienstkreuzes Friedrich-Karl Gettkandt. Sie dokumentierte damit das Lebenswerk eines der Stadtarchitekten, die nach dem Krieg, insbesondere durch ihre Wohnbauten, entscheidend das Bild der neuentstehenden Stadt mitbestimmt haben. Auch die Gründung der «Friedrich-Karl Gettkandt-Stiftung» für sozial schwache Senioren, die Gettkandt nach seiner aktiven Laufbahn ins Leben rief, hat Simon dokumentiert. Helga Simon lehnt sich zurück und lächelt ein wenig in sich hinein. «Ich glaube, ich habe damals zwanzig Stunden am Tag gearbeitet», erinnert sie sich. Denn auch in der nächtlichen Ballszene hatte sie sich einen Namen gemacht. So fotografierte sie in den Nächten die Bälle, Feste, Models und Besucher im Ballhaus «Resi», im Café «Hutmacher», dem «Zigeunerkeller», im «Haus Wien», auf den «Mozart-Terassen», im Café «Keese» oder die Wahlen zur «Miss Berlin». Als die Erotik-Messe «Venus» nach Berlin kam, war Simon die erste Frau, die als Fotografin zugelassen wurde. Schon in den 1950ger Jahren lernte sie Rolf Eden kennen, in seinem «Eden Salon», später dem «Big Eden» und dem «New Eden», war Helga Simon drei Jahrzehnte «zu Hause». Auch den «1. Berliner Schwulenball» hat sie im Bild festgehalten. Der Veranstalter, Andreas Höhne, Betreiber der legendären «Andreas Kneipe» am Wittenbergplatz, ist ihr bis zu seinem Tod ein guter Freund gewesen. «Seine Bälle waren damals viel aufregender als seinerzeit die Presse-Bälle», erinnert sich Simon: «Er hat sogar die Stars des „Les Folies Bergère" aus Paris nach Berlin gebracht. Das war eine unglaubliche Sensation!» Mitten in unserem Gespräch, schon kurz vor Mitternacht, klingelt das Telefon und jemand bestellt Abzüge. «Meine Freunde wissen, dass ich nie vor drei Uhr nachts ins Bett gehe», meint sie entschuldigend, «ich war und bin eben ein Nachtmensch». So hat es der damals immerhin schon fast Siebzigjährigen nichts ausgemacht, bei der Reichstagsverhüllung 1995 durch Christo und Jeanne-Claude jede Nacht mit Hunderten Fans auf der Wiese zu verbringen und «alle diese wunderbaren Lichtstimmungen aufzunehmen». Als die beiden Künstler davon erfuhren, besuchten sie Helga Simon in ihrem Atelier. Bis heute hat sie das Fotografieren nicht losgelassen. Sie hatte alle Vorsitzenden und Vorstände der Jüdischen Gemeinde, alle Bundespräsidenten, alle Regierenden Bürgermeister, alle Staatsgäste, unzählige Sportler und zahllose Filmstars auf den Berlinalen festgehalten oder endlose Reihen von Heranwachsenden ihrer Berliner jüdischen Gemeinde über Jahrzehnte begleitet. Ja, ihrer Gemeinde, denn die nach den «Rassengesetzen» der Nazis als «Halbjüdin» geltende ist kurz nach ihrer ersten Begegnung mit Heinz Galinski zum Judentum konvertiert. «Meine neue Vorsitzende, Frau Süsskind, habe ich schon kennen gelernt, als Lala dreizehn Jahre alt war und nun ihre Wahl als erste Frau an der Spitze der Gemeinde fotografiert. Das hat mich sehr berührt!» Auch bei der Amtseinführung der ersten Berliner Rabbinerin nach der Schoa, Geza Ederberg, ist sie ebenso dabei gewesen, ebenso wie bei der Vereidigung von Angela Merkel zur Bundeskanzlerin. «Ich finde es toll, das Frauen in die Domänen der Männer „einbrechen". Ich war damals eine der ersten, eine Vorreiterin sozusagen», verkündet sie stolz. Auch wenn sie sich über solche Erfolge freut, ist Helga Simon «immer neutral geblieben, das muss man als Fotograf». Nie habe sie sich für eine politische Partei entschieden, so seien die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die WIZO und der Freundeskreis Europa ihre politischen Heimaten. Ich scheue mich ein wenig, typische Standardfragen zu stellen. Außerdem ist es kurz nach Mitternacht. Doch will ich es wissen. Wie viele Fotos es in all den Jahren gewesen sind, weiß Helga Simon gar nicht zu sagen. «Aber ich habe Filmbücher, von Anfang an ist jeder Film darin verzeichnet. Als ich bei Nummer 1.000 angelangt war, habe ich einfach noch mal angefangen zu zählen und dann noch mal, als ich bei Nummer 10.000 war. Ach ja - und als ich mit der digitalen Fotografie begonnen habe, ein drittes Mal.» Da war sie schon 77 Jahre alt. «Das war ungefähr zu der Zeit, als ich den Computer gekauft habe», überlegt sie in sich gekehrt. Heute arbeitet an ihrem PC ab und zu ein junger Mann, «der kann die Hintergründe so austauschen, dass man es nicht merkt. Ich würde nicht einmal die Falten eines Menschen wegretuschieren wollen, obwohl ich alle technischen Neuerungen mitgemacht habe». Nun ja, schließlich habe sie ihr letztes Auto verkauft, einen Mercedes 280 S, den sie seinerzeit nach den Maßen ihrer Leiter gekauft hatte - schließlich ist die kleine Frau als «Fotografin mit der Leiter» bekannt: Der Straßenverkehr wurde ihr dann doch «zu bunt» - und das von einer Frau, die noch vor der Etablierung der Farbfotografie schon in den 1950er Jahren dabei war. Ob sie ein Lieblingsbild habe? «Nein!» antwortet sie, sich selbst ganz sicher: «Alle! Sonst hätte ich sie nicht gemacht.» Ihr größter Wunsch sei einen Bildband «50 Jahre Berlin» zur Nachkriegsentwicklung der Stadt zusammenstellen zu können, oder noch mal eine thematische Ausstellung aus ihrem Archiv zu machen. Mehrere hat es schon gegeben, in den Berliner Synagogen, im Centrum Judaicum oder im Gemeindehaus an der Fasanenstrasse zu den «Jüdischen Kulturtagen». Oder eine «Lieblings-Fotostory»? Gerne erinnert sie sich an das Bild von Zarah Leander und Marika Rökk: Die Diven galten als verstritten - Helga Simon ist es gelungen, sie nach Jahren auf ein gemeinsames Foto zu kriegen. Und dann war da dieser Kandidat in der Fernsehshow «Trauscheingegner», der von Simons Fotos seiner Lebensgefährtin so begeistert war, dass er sie nach neun Jahren doch geheiratet hat, live vor einem Millionenpublikum. Oder eine ihrer besten Freundinnen, die einem US-Besatzungssoldaten so lange Fotos der Simon in die USA nachgeschickt hat, bis seine Freunde erklärten, sie würden das Mädchen heiraten, wenn er es nicht täte. Schließlich noch die junge Frau, die bei ihr Bewerbungsfotos hatte machen lassen und im verfluchten siebenten Jahr in einer Fernbeziehung lebte. Vier Aufnahmen waren noch auf dem Film: Simon stattete die Bewerberin mit Federboa, Perlenkette und etwas Make-up aus - und als der Ewigverlobte genau diese vier Fotos bekam, folgte prompt der Heiratsantrag. Es versteht sich von selbst, dass Helga Simon Ehrengast dieser Trauung war. Ziemlich dumm kommt mir meine letzte Frage vor: ob sie sich Gedanken darüber mache, was aus ihrem Archiv einmal werden solle. «Nein!» war die sehr resolute Antwort der kleinen Frau mit der großen Schleife im Haar. Es klang nicht so, als habe sie darüber nicht nachgedacht, sondern genau so, als ob sie noch lange nicht aufhören werde. Ein Leben zwischen Jüdischer Gemeinde und Berliner Nachtclubs. So verwundert es nicht, dass es zum 80. Geburtstag von Helga Simon gleich zwei Geburtstagsempfänge geben wird: den einen in der «Heinz-Galinski-Schule» der Gemeinde, deren Bau sie natürlich komplett dokumentiert hat, und einen zweiten im «Café Keese». «Viele solcher Zufälle begleiten mein Leben», meint sie, nun schon weit nach Mitternacht. |