Unzugängliches Schoa-Massengrab

Vermutetes Massengrab in Lieberose kann aufgrund der Rechtslage nicht gesichtet werden

 

Bernd Boschan Foto:Thomas Klatt

Am nördlichen Ortseingang von Lieberose verweist ein unauffälliges Schild auf die KZ-Gedenkstätte direkt neben dem städtischen Friedhof. In einer alten abbruchreifen Baracke am Fuße des Mahnmals ist das Museum untergebracht. «Geöffnet von Mai bis September, mittwochs von 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr und sonntags von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr, Führungen nach Anmeldung», liest man an der Holzwand. Hügelaufwärts klappern ein paar verlassene Fahnenstangen im Wind. Sie stammen noch wie die gesamte Anlage aus DDR-Zeiten. Nur einmal im Jahr zum Holocaust-Gedenktag werden sie noch benutzt. Die Gedenkmauer dahinter ist verwittert. Das Rot des sozialistischen VVN-Dreiecks verblasst. An der Innenseite eines kniehohen Rondells daneben sind einzelne Erinnerungstafeln von Opfern und ihren Familien angebracht, Namen aus Ungarn, Polen, Griechenland, Russland und Israel. Im Zentrum des Kreises liegt eine meterbreite Bronzescheibe zur Ehrung der Toten und Mahnung der heute noch Lebenden, Trauergestalten im Stil des sozialistischen Realismus. Kleine Kieselsteine liegen auf dem Metall. Hier ist die Asche derjenigen begraben, die man bereits gefunden hat, 1971 in einer nahe gelegenen Kiesgrube bei Staakow, 577 Ermordete. Bauarbeiter fanden die sterblichen Überreste rein zufällig. Nach Entfernung des Zahngoldes, dessen Spuren sich später in der Stasi-Finanzbehörde verliert, wurden die Knochen einfach eingeäschert. Nach der Religion der Toten wurde damals offensichtlich nicht gefragt. In der DDR waren die KZ-Opfer vor allem zuerst politische Antifaschisten.

Doch hier müssen noch mehr Tote liegen, ist sich der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen Günter Morsch sicher. Er war in den letzten Jahren schon oft in Lieberose und hat im Auftrag des Brandenburger Innenministeriums nach ihnen gesucht. Nach Öffnung der Sowjetarchive in Moskau hat er dort jetzt noch einmal verlässliche Zahlen gefunden. Alles wurde damals von der deutschen KZ-Bürokratie penibel festgehalten: Name, Herkunft, Beruf, Geburtstag. Demnach waren die meisten Häftlinge ungarische, aber auch polnische und deutsche Juden, daneben auch sowjetische Kriegsgefangene. Aus halb Europa wurden sie hierher zusammengetrieben. Bis zu 10.000 Häftlinge gingen durch das Lager.

 

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Das KZ Lieberose-Jamlitz wurde 3 km von Lieberose entfernt Ende 1943 als Außenlager des KZ Sachsenhausen errichtet, um dort für die SS-Division Kurmark einen Truppenübungsplatz zu bauen. Es sollte der größte in ganz Europa werden. Das kleine Lieberose sollte im Dritten Reich sogar zur Garnisonsstadt ausgebaut werden. Dazu ließ Himmler sich eigens KZ-Häftlinge zuteilen. Die Nazis hatten Deutschland zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits als «judenfrei» erklärt. Doch die Rüstungsindustrie und das Militär brauchten billige Arbeitssklaven. Gegen alle Rassenideologie lief das so genannte «Jäger-Programm» an. Auf Erlass Hitlers wurden ab Februar 1944 über 100.000 jüdische Häftlinge zum großen Teil aus oder über Auschwitz heimlich ins Alt-Reich transportiert. Bald wurden sie nicht nur zur Produktion von Flugzeugen, sondern in allen möglichen kriegswichtigen Bereichen angefordert. «Die deutsche Bevölkerung durfte aber unter keinen Umständen mit jüdischen Häftlingen konfrontiert werden. Himmler musste zusichern, dass diese Juden fernab der Bevölkerung eingesetzt werden», hat Morsch recherchiert. Lieberose-Jamlitz am Rande des Spreewaldes war so ein Ort. Auf Befehl Himmlers durften diese Juden nach getaner Zwangsarbeit aber auf keinen Fall mehr am Leben bleiben. Von Anfang an wurde auf die Häftlinge keine Rücksicht genommen. Jeden Tag starben rund 30 KZ-Insassen an Krankheit und Unterernährung. Das Sachsenhausen-Außenlager «Liro», wie die Abkürzung der Nazis hieß, war faktisch von Anfang an ein Vernichtungslager durch Arbeit. In den ersten Februar-Tagen 1945 wurde Lieberose vor der heranrückenden Roten Armee evakuiert, einer der berüchtigten Todesmärsche in Richtung Sachsenhausen. Acht Tage hat er gedauert. Keine Geheimaktion, sondern ein Leidensgang am helllichten Tage. Einzelne aus der deutschen Bevölkerung hätten noch versucht zu helfen, andere dagegen hätten selbst noch in den letzten Lebenstagen die Gefangenen geschmäht oder sogar misshandelt, weiß Morsch. Den Krieg überlebten am Ende nicht mehr als 400 der Häftlinge von Lieberose-Jamlitz. Der Historiker kann die damaligen Zustände gut rekonstruieren. Genau 1342 Kranke und Nicht-Transportfähige mussten zurückgelassen werden. Von ihnen hat wohl keiner überlebt. Es waren meist ungarische Juden, die zwischen dem 2. und 4. Februar 1945 getötet wurden. Es muss Widerstand unter den Gefangenen gegeben haben. Nach der verzweifelten Attacke eines ungarischen Häftlings-Arztes mit einem zum Messer umgeschliffenen Löffel auf den Lagerleiter Kersten ist es zu einem ersten spontanen Maschinenpistolengemetzel der Wachmannschaften gekommen. Eine zweite Exekutions-Welle per Pistolengenickschuss folgte am Tag danach. Diese Toten wurden dann per Lastwagen in die bereits erwähnte Kiesgrube Staakow gebracht. Das jüdische Leichenkommando warf die getöteten Mitgefangenen über den Kiesgrubenrand, verschüttete sie und wurde anschließend selbst exekutiert. Ein präzises Mordprogramm. Aus den Akten ergibt sich eine makabre Opfermathematik: Wenn man die bereits in den 1970er Jahren gefundenen Leichen abzieht, dann müssen heute noch immer über 700 meist jüdische Tote in Lieberose-Jamlitz verscharrt sein - vermutlich das größte bisher nicht gefundene Massengrab der Shoa auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Zu DDR-Zeiten wurde nicht nach weiteren Opfern gesucht. Der einstige Truppenübungsplatz der SS wurde von der Roten Armee übernommen und weitergenutzt. Militärische Geheimhaltung ging vor Geschichtsaufarbeitung, bis zum Abzug der sowjetischen Westgruppe 1994.

Seit Mitte der 90er Jahre aber sucht Morsch zusammen mit einer Arbeitsgruppe des Innenministeriums nach den sterblichen Überresten der KZ-Opfer. Nach dem deutschen Gräbergesetz sind die Behörden dazu verpflichtet. Doch wo die Totengrube nun genau liegt, ist unbekannt. «Wir haben mehrere Verdachtspunkte mit Boden-Radar, Überfliegungen und Probegrabungen überprüft und haben von den Verdachtspunkten bis auf einen alle falsifizieren können», sagt Morsch. Neben der Krankenbaracke, von der heute noch die halbverfallenen Kellergewölbe sichtbar sind, sollte damals eine neue Baracke entstehen. Die Baugrube war bereits ausgehoben. Es ist nur wahrscheinlich, dass sie zum Massengrab wurde. Die letzte mögliche Verdachtsfläche liegt also direkt auf dem ehemaligen KZ-Gelände. Seit den 1950er Jahren wurden hier Eigenheime und bis in die 1970er Jahre sogar Schrebergärten errichtet. Die DDR-Behörden sahen in der Neubebauung offensichtlich kein ethisch-moralisches Problem. Jamlitz hat heute 600 Einwohner, ein typisch brandenburgisches Schlafdorf. Nur zum Feierabend oder am Wochenende beleben sich die Straßen. Wenn man Bewohner auf dem ehemaligen KZ-Gelände spricht, zeigen sie keinerlei Anzeichen von Scham, gerade dort ihr Haus gebaut zu haben. Schließlich habe man ja das Grundstück ordnungsgemäß und rechtens gekauft.

Letzte Gewissheit über den Verbleib der Toten kann jetzt nur noch eine Grabung geben, doch die ist bislang nicht möglich. Denn das fragliche Flurstück ist Privatbesitz. Es gehört Hans-Jürgen H., der es von seinen Eltern geerbt hat, seit Jahren aber in Bayern lebt und das verfallene Haus nebst rund 5.000 Quadratmeter großer Freifläche gar nicht mehr nutzt. Allen Anfragen der Behörden hat sich der Besitzer in den letzten Jahren verweigert. Der Antrag des Amtes Lieberose/Oberspreewald zur Schlitzgrabung ist vom Amtsgericht Guben abgelehnt worden. Jetzt liegt die Beschwerde des Amtes Lieberose beim Landgericht Cottbus.

«Der Besitzer des Grundstückes kann sich darauf berufen, dass das Grundstück Teil seiner Wohnung ist und entsprechend bedarf es, um überhaupt auf das Grundstück zu kommen, einer Ermächtigungsgrundlage. Das Gräbergesetz, das als mögliche Anspruchsgrundlage in Betracht kommt, bietet diese Ermächtigungsgrundlage nicht. Das Gräbergesetz regelt nur den Fall, dass tatsächlich ein Grab vorhanden ist. Die Suche nach einem vermuteten Grab ist vom Gräbergesetz jedoch nicht erfasst», erläutert Christian Fisch, stellvertretender Pressesprecher beim Landgericht Cottbus in trockenem Juristendeutsch. Die Suche nach nur vermuteten Massengräbern hat der deutsche Gesetzgeber also gar nicht vorgesehen. Lieberose-Jamlitz stellt einen juristischen Präzedenzfall dar. Das Landgericht Cottbus berät seit über einem halben Jahr nun schon alle juristischen Möglichkeiten bis hin zum Polizeigesetz, das ein Betreten des Privatgrundstückes jedoch nur für die Suche bei aktuellen Verbrechen zulässt!

Doch hier handelt es sich nicht um einen Fall von Kindesmissbrauch oder Mord, sondern um das vermutete Massengrab von mehreren Hundert ungarischen Juden vor über 60 Jahren. Das Argument einer geschichtlich-moralischen Verpflichtung, dass die Angehörigen der Opfer in Ungarn endlich nach Jahrzehnten Ungewissheit Klarheit über das Schicksal ihrer Verwandten haben möchten, lässt der Gerichtssprecher nicht gelten. Es gehe vielmehr um die sorgfältige und damit langwierige Prüfung aller Argumente, damit keine Verfahrensfehler begangen werden. In Deutschland ist privates Eigentum offensichtlich ein sehr hohes Rechtsgut, das die Suche nach den jüdischen Shoa-Opfern wenn nicht verhindert, so doch über Jahre verzögert. Selbst wenn das Landgericht nun positiv für die Suche entscheiden sollte, kann der Besitzer des Grundstückes Revision einlegen. Bis zu einer Entscheidung des Gerichtes will der Zentralrat der Juden in Deutschland keine Stellungnahme zum Fall abgeben. Es soll nicht der Eindruck entstehen, als sei das Gericht in seiner Entscheidung nicht unabhängig, heißt es aus dem Zentralrat. Auch prominente Juden lassen sich nur zögerlich zum Fall befragen.

 

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Kompetente Historiker wie Julius Schoeps vom Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrum und Andreas Nachama von der Stiftung Topographie des Terrors rufen zur Besonnenheit auf. Auf jeden Fall müsse eine Lösung im Konsens insbesondere unter Einbeziehung des Rabbinats gefunden werden. «In Israel werden bei Bauarbeiten und Grabungen fast täglich Knochen gefunden und immer ist ein Vertreter des Rabbinats anwesend, um die Einhaltung der jüdischen Gesetze zu kontrollieren», regt Nachama an. Es seien schon zu viele Fehler gemacht worden: dass das ehemalige KZ-Gelände einfach wieder bebaut werden durfte, dass die toten Juden 1971 von der DDR einfach eingeäschert wurden, dass in der DDR die KZ-Gedenkstätte drei Kilometer entfernt vom eigentlichen Lager errichtet wurde. Die Geschichte sei schon schlecht genug, man könne heute gar nichts gut machen, meint Rabbiner Nachama. «Opfer ist Opfer, und jedes Opfer hat ein Anrecht auf Würde. Was mit den toten Juden passiert, darf nicht der Brandenburgische Staat entscheiden, sondern die Rabbinen», meint Schoeps. Selbst wenn es jetzt gelingen sollte, die restlichen Opfer zu finden, was soll mit ihnen geschehen? Eine Exhumierung, die Rückführung nach Ungarn? Oder sollte ein weiteres Mahnmal errichtet werden? «Ich persönlich finde es unwesentlich, die Leichen auszugraben, ganz abgesehen davon, dass es nach dem jüdischen Gesetz gar nicht geht, Juden umzugraben. Mir nutzt es nichts zu wissen, dass da drei Kommunisten, zwei Russen oder drei Juden liegen», meint die jüdische Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras. Ein Holocaust-Gedenkpatent gibt es offensichtlich nicht.

Der parteilose Amtsdirektor Lieberoses Bernd Boschan hofft, dass die jahrelange Suche bald ein Ende hat. Wird man fündig, dann wird das Flurstück wohl zur Begräbnisstätte umgewidmet werden müssen. Die Angehörigen erhalten dann endlich letzte Gewissheit. Seit 2003 erinnern Gedenksteine und Stelen auf dem ehemaligen KZ-Gelände an die Opfer, die bereits gefunden wurden. Es sind zwei deutlich voneinander getrennte Stelenreihen. Errichtet wurden sie unter anderem mit Unterstützung des evangelischen Kirchenkreises und des Freundeskreises engagierter Bürger, die eine aktive Geschichtsaufarbeitung wollen. Denn Lieberose hat ein doppeltes Erbe zu tragen. Nach dem Krieg wurde aus dem KZ das sowjetische NKWD-Speziallager Nr. 6. Auch hier starben Tausende. Auch für diese Opfer hat die Gemeinde einen Ehrenfriedhof errichtet. Amtsdirektor Boschan vermutet, dass auch aus dieser Zeit noch Tote in der Lausitz-Erde liegen. Beiden Opfergruppen, jüdischen KZ-Insassen und internierten Deutschen wolle man am Ort gerecht werden. Ein Ranking, wer nun in welchem Lager mehr gelitten habe, will er nicht zulassen. Noch weniger möchte er, dass seine Stadt zum Heldengedenkort für rechtsgerichtete Jugendliche wird. Zum letztjährigen Volkstrauertag hat er einer Delegation Neonazis Platzverweise erteilen müssen. Auch wenn Lieberose klein ist und im Grunde kaum Geldmittel zur Pflege der Gedenkstätte bereitstellen kann, so versuche man in der Stadt der Toten würdig zu gedenken, etwa durch Schülerprojekte oder ehrenamtliche Führungen im dringend renovierungsbedürftigen Museum. Sollten die vermissten Shoa-Opfer gefunden werden, dann gäbe es sicherlich auch eine erhöhte Aufmerksamkeit für Lieberose und damit vielleicht endlich mehr Geld für eine angemessene Gedenkstättenarbeit vor Ort, hofft der Amtsdirektor.

Thomas Klatt

«Jüdische Zeitung», März 2008