Buchcover

«Zwei Leben und ein Tag»

von Anna Mitgutsch

Der neue sprachmächtige und komplexe Roman der Österreicherin Anna Mitgutsch, geboren 1948 in Linz, ist im Wesentlichen ein Buch über das Scheitern. Im Grunde scheitern alle Protagonisten in ihrem neuen Werk ohne Ausnahme, wenn auch unter verschiedenen Voraussetzungen und an unterschiedlichen Aufgaben. Schon zu Beginn des Romans wird deutlich, dass es Mitgutschs absolute Stärke ist, Personen miteinander in Beziehung zu setzen: der Text gewinnt immer dann eine zusätzliche Qualität, wenn die Ich-Erzählerin über ihre Gefühle für einen der beiden wesentlichen Menschen in ihrem Leben spricht: ihren geistig behinderten Sohn und ihren jahrelangen geliebten Partner, von dem sie sich erst kürzlich getrennt hat. Ähnlich wie die Autorin selbst hat Edith, die Protagonistin des Buches, lange in Überseeländern gelebt, ihre Beziehung ist unter anderem an dem «Mobilitätsanspruch» unserer Gesellschaft zerbrochen. Jetzt ist sie mit ihrem Sohn Gabriel nach Österreich zurückgekehrt und reflektiert über die zahllosen Aufbrüche ihres Lebens in langen Briefen an ihren Ex-Mann Leonard, die sie aber allesamt nicht abschickt. Auf einer weiteren Ebene schlägt Anna Mitgutsch eine imaginäre Brücke zu dem Schriftsteller Herman Melville, dem Schöpfer von Moby Dick, über den Leonard einst seine Doktorarbeit schrieb. Auf diese Weise kommt Ediths Ex-Mann ebenso zu Wort wie sein Forschungsobjekt, in dessen Familie der Wahnsinn das Leben der wichtigsten Angehörigen des erst sehr viel später gefeierten Autors zerstörte, der auf tragische Art und Weise seiner Zeit voraus war. Die eigentliche Hauptperson des Buches ist jedoch der junge Gabriel, der in seiner harmlosen Beschränktheit im Grunde «zu gut für diese Welt» ist, wie sich schließlich grausamst erweist, obwohl gerade er der «reine Mensch» sei, so die Autorin im Interview: «der überlegene Mensch - in einer idealen Gesellschaft». «Zwei Leben und ein Tag» ist eine formal überzeugende und äußerst vielschichtige Herausforderung für anspruchsvolle Leser.

Florian Hunger

 

«Zwei Leben und ein Tag»
Luchterhand, 349 Seiten
19,95 Euro

 

 

«Jüdische Zeitung», März 2007