Neue Belastung der christlich-jüdischen Beziehungen

Der Streit um die Revision der Karfreitagsfürbitte überschattet auch den Deutschen Katholikentag

 

Der Papst und Rabbiner Mark Winer Foto:WUP

Mehr und mehr Juden reagieren ungläubig, ja empört auf die Verfügung des Papstes, mit der er soeben von eigener Hand die Karfreitagsbitte für die Juden im Missale Romanum von 1962 verändert hat. Papst Johannes XXIII. hatte damals die traditionelle Fassung dieses Gebets entschärft.. Nach dem «Motu proprio» Benedikts XVI. vom Juli 2007 und der Freigabe des alten Messritus als „außerordentliche Form" hatten weltweit Vertreter des Judentums eine Abänderung der alten Form dieses Gebets gefordert. Der daraufhin von Papst autorisierte neue Text, eigentlich als Kompromiss gedacht, lautet in deutscher Übersetzung: «Lasst uns auch beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen. Allmächtiger ewiger Gott, der du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen [vgl. 1 Tim 2,4], gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in deine Kirche ganz Israel gerettet wird [vgl. Röm 11,25f]. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.»

Die italienischen Rabbiner interpretieren diese als beleidigend empfundene Neufassung als schweren Rückschlag für den seit vierzig Jahren unter Mühen geführten Dialog mit der katholischen Kirche und beschlossen eine «Denkpause». Die konservative Rabbinerversammmlung Nordamerikas, die «Rabbinic Assembly», kritisierte den neuen Wortlaut ebenfalls, und in Deutschland haben prominente jüdische Vertreter, die sich seit Jahren im interreligiösen Gespräch engagieren, ihre Teilnahme am Deutschen Katholikentag im Mai in Osnabrück abgesagt, so Rabbiner Walter Homolka (Abraham Geiger Kolleg Potsdam) und der Frankfurter Sozialwissenschaftler Micha Brumlik. «Durch die Veränderung der außerordentlichen Form des wiederzugelassenen lateinischen Messritus wird die ordentliche Form in der Landessprache entwertet», sagte Homolka. «Denn die jetzt in Kraft gesetzte Fassung Benedikt XVL. ist die neueste Form, mit der es sich kritisch auseinanderzusetzen gilt. Hätte er auf die Aussage der ordentlichen Form zurückgreifen wollen, wie einfach wäre es gewesen, ihre lateinische Fassung für die tridentinische Messe vorzuschreiben.» Brumlik konstatierte kurz und knapp: «Entweder sie machen das rückgängig, oder der Dialog auf offizieller Ebene wird einfrieren.» Er bezeichnete die neue Form der Karfreitagsfürbitte als «eindeutig antijudaistisch». Der jüdische Glaube werde darin als defizitär bezeichnet. Inzwischen hat auch der frühere Rektor des Leo Baeck College in London, Rabbiner Jonathan Magonet, die Einladung nach Osnabrück ausgeschlagen.

In einer Stellungnahme des Gesprächskreises «Juden und Christen» beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) vom 29. Februar heißt es unter anderem: «Die von Papst Benedikt XVI. am 4. Februar 2008 promulgierte Karfreitagsfürbitte ‚Für die Juden' in der Fassung für den außerordentlichen Ritus hat internationale Proteste von Juden und Christen ausgelöst. Sie trifft jenen Nerv, der für Juden, gleich welcher religiösen Richtung, an ein historisches Trauma rührt: Bekehrung zum Glauben an Jesus Christus! Denn das Gebet für die Juden hatte seit dem Mittelalter am Karfreitag zu harten Demütigungen und gefährlichen Ausschreitungen gegen die ‚perfiden' und ‚verblendeten' Juden geführt. Dieses Vokabular traditioneller Judenfeindschaft kommt in der neuen Fürbitte zwar nicht vor, aber die dort formulierte Hoffnung auf die Erleuchtung der Herzen der Juden und ihre Erkenntnis Jesu Christi hat alte jüdische Ängste wieder wachgerufen.»

«Irritierende Fragen sind durch diese Fürbitte aufgeworfen worden. Wenn im Tridentinischen Ritus von 1570 (zuletzt im Römischen Messbuch von 1962) von Verblendung und Finsternissen die Rede war, jetzt aber um Erleuchtung gebetet wird, meldet sich die Frage, ob dies nicht lediglich eine freundlicher klingende Formulierung derselben Sache ist. Wenn die Juden zur Erkenntnis und damit Anerkenntnis Jesu Christi als Erlöser aller Menschen gelangen sollen, müssen sie sich dann zum Glauben an ihn bekehren - sei es im Laufe der Geschichte oder erst an deren Ende? Oder werden sie den Erlöser der Welt schauen, wenn die Geschichte, die Zeit des Glaubens, zu Ende ist? Ist das Ja der Juden zu Jesus Christus - wann und wie auch immer sie es geben - Bedingung für ihr Heil? Oder gibt es zwei Heilswege: für die Völker mit dem Eintritt in die Kirche, während es für Israel ein Weg zum Heil ohne Kirche ist? Bleibt es beim Gott anheim gegebenen Hoffen und Beten der Kirche für die Rettung ganz Israels, oder soll und muss die Kirche durch die Evangelisierung - gewiss ohne jede Nötigung und ohne jeden Zwang - die Juden zum Glauben an Jesus Christus und das Evangelium einladen?» [...]

«Es wurde auch als unnötige Beschädigung dieses Vertrauens und als Ärgernis empfunden, dass Papst Benedikt, so weit bekannt ist, weder vor Veröffentlichung seines Motu proprio im vorigen Jahr noch vor der Promulgation der neuen Karfreitagsfürbitte jüdische Dialogpartner zu Rate gezogen hat, um sich zu vergewissern, ob sein Vorhaben deren religiöse Gefühle verletzt. Zahlreiche briefliche und öffentliche Stellungnahmen - etwa die Erklärung unseres Gesprächskreises vom April 2007 - haben die Brisanz des Vorhabens unmissverständlich deutlich gemacht. Umso weniger verständlich ist es, dass trotzdem die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden kommentarlos in Kraft gesetzt wurde und die zu erwartenden heftigen Reaktionen in Kauf genommen wurden. So war die nachfolgende Erklärung von Kardinal Kasper wenig überzeugend, die Aufregung beruhe auf Missverständnissen, weil der Text doch nur die endzeitliche Hoffnung der Kirche ausdrücke»

Manch eines der jüdischen Mitglieder des Arbeitskreises hätte sich noch klarere Worte gewünscht, etwa: «Juden aller Denominationen lehnen jede Form der Vereinnahmung und Mission seitens des Christentums ab und sollten - 1.600 Jahre nach Konstantin und Theodosius, 1.000 Jahre nach den Kreuzzügen, 900 Jahre nach den Laterankonzilien und 63 Jahre nach der Schoa - einen Respekt erfahren, der erst die Grundlage für einen wahren Dialog zwischen Judentum und Kirche bedeuten kann.» Die Stellungnahme des Gesprächskreises schließt jetzt mit den Worten: «Wir hoffen darauf und bitten Papst Benedikt darum, dass er seine Entscheidung revidiert und für den gesamten Römischen Ritus nur die Karfreitagsfürbitte von 1970 zulässt.» Und der Deutsche Koordinerungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit fragt: «Hat die katholische Kirche zwei sich widersprechende Israel-Theologien?»

Die ersten Reaktionen von Seiten der Kurie machen einen staunen: Der im Vatikan für die Beziehungen zum Judentum zuständige deutsche Kurienkardinal Walter Kasper verteidigt die Fürbitte um eine Bekehrung der Juden als «endzeitliche Hoffnung», die keine Aufforderung zur Judenmission beinhalte. Für den ehemaligen Rottenburg-Stuttgarter Bischof berührt der Streit um das Karfreitagsgebet die Frage der Religionsfreiheit. Jede Glaubensgemeinschaft habe ein Anrecht darauf, ihre Auffassungen zu äußern. Dem Vernehmen nach hat Kardinal Kasper seine Teilnahme am Deutschen Katholikentag inzwischen ebenfalls abgesagt - um so unliebsamen Fragen aus dem Wege zu gehen? Der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands, Rabbiner Henry G. Brandt, will dagegen trotz grundsätzlicher Kritik zum Katholikentag fahren: «Es gibt auch jetzt noch Verhandlungsspielraum.»

 

«Jüdische Zeitung», März 2008