Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Mehr Verbindendes als TrennendesBrückenbau und Vernetzung zugleich: Limmud als Konzept des jüdischen Lernens
«Limmud» ist auf Hebräisch, was auf Deutsch lernen, studieren heißt. Zivilisationsgeschichtlich könnte man dieses jüdische Lernen sogar als bahnbrechend bezeichnen, denn jüdische Kinder, die Mädchen eingeschlossen, sollen schon vor 3.000 Jahren das Lesen und Schreiben erlernt haben. Dieser Lerneifer definierte sowohl die eigene Gemeinschaft, auf andere Weise aber auch deren Verhältnis zu den benachbarten Nichtjuden. Rabbi Shimeon Ben Shetach, der Schwager des Makkabäerkönigs Yanai, führte im 1. Jahrhundert v.d.Z. «Limmud Chova», die Lernpflicht für alle jüdischen Kinder ab dem fünften Lebensjahr ein. Daraus wurde in der Diaspora die Entscheidung, «Limmud» bereits mit drei Jahren beginnen zu lassen, jedenfalls in orthodoxen Familien. Das Lernen ist aber nicht nur historisch und theoretisch, auch nicht für jede Person, aber dennoch für die jüdische Kultur, Geschichte und Alltagsleben die wichtigste aller Tugenden, weit mehr als es der Gelderwerb oder die Kampfeskraft je sein könnten. Das alles könnte beispielsweise vor fast drei Jahrzehnten eine Gruppe jüdischer Enthusiasten in England angeregt haben, dieses traditionelle Limmud-Konzept in unser modernes Leben zu transportieren. Dank solcher Gründungsmütter und Väter werden seither Jüdisches, Zeitgeist und Geschichte, Reformpädagogisches und organisatorische Fertigkeiten erfolgreich koordiniert und somit ein breiter Bildungsweg in die schon absehbare jüdische Zukunft geebnet. Andere sahen in diesem Bemühen eher einen Affront gegen altbewährte, nicht selten längst abgestumpfte Regelwerke, die die etablierte jüdische Gemeinschaft des Königreichs überspannten und sie verschmähten die Ansätze dieser jüdischen Bildungsreformer. Das Misstrauen und die Anfeindungen haben sich im Laufe der Zeit und angesichts des Erreichten fast vollständig abgebaut. Heute gilt die britische Limmud-Strategie generell als richtungweisend. Die konservative jüdische Presse des Landes feiert in Limmud «das jüdische Edinburgh Festival», das «Juwel» in der Krone der jüdischen Gemeinschaft. Limmud gilt mittlerweile als eine Haupttriebkraft bei der Erneuerung und Belebung der britischen jüdischen Gemeinschaft - und bereits jetzt gibt es Dutzende von Ablegern. Israels Zeitung «Haaretz» schwärmte schon 2006: «Limmud hat das englische und das Weltjudentum zum Besseren hin gewendet». Als sie das Konzept Limmud in England entwickelten, konnten die Gründer nicht ahnen, dass sich beispielsweise zwischen dem 21. und 27. Dezember 2007 im Uni-Campus Warwick über 2.500 begeisterte lerngierige Limmudniks zur 27. Lehr- und Lernwoche versammeln würden. Weihnachten ade, rundum war Jüdischkeit angesagt. Jüdisches Lernen ist dem Sinne nach alles andere als ein rein repetierendes an und für sich, sondern vielmehr dem Wesen nach ein intensiver, nicht selten scharf geführter Dialog angesichts gegensätzlicher Sichtweisen über alle Themen aus Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Ob spirituell, intellektuell oder emotional - gemeinsam und in Gruppen lernend können Menschen nach und nach in ihren Mentalitäten, Haltungen und Gefühlen neue Qualitäten entwickeln. Limmud setzt im Idealfall Chancengleichheit voraus, Kinder sollen Lehrer unterbrechen und mit Gegenmeinungen konfrontieren, widersprüchlichste Fragen und Gedanken werden zwecks interpretativer Vertiefung ausgetauscht. Es geht um Meinungs- und Methodenvielfalt, um «Bridging», also Brückenbau und «Networking», also Vernetzung, Lernende und Lehrende werden als einander ergänzend angesehen, aus Angebot und Nachfrage, Bedarf und Bedürfnisse wird in der Kontinuität eine differenzierte, kommunikative, lernbegeisterte, kreative jüdische Gemeinschaft geformt, die sich auch gesellig auf hohem Niveau zu erweitern versteht. Es gilt das Motto aus den Sprüchen der Väter: «Finde einen Lehrer, finde jemanden, mit dem du gemeinsamen lernen kannst, und beurteile jedermann positiv». In den letzten zwölf Jahren stiegen die Zahlender Teilnehmer um jährlich 28 Prozent. In Warwick 2007 war der Jüngste drei Monate alt und die Älteste, Ruth Gruber, eine elegante scharfsinnige Dame mit ungewöhnlicher Biographie, referierte gleich drei Mal in übervollen Sälen und ließ dabei ihre 96 Lebensjahre glatt vergessen. Das Modell Limmud hat keine sozialen, pädagogischen oder religiösen Hierarchien. Liebevoll werden alle Teilnehmer «Limmudniks» genannt. Es gilt «Give and get», jeder Lernende wird zugleich als potentiell Lehrender angesehen. Toleranz, Gleichheit und Gerechtigkeit grundieren diese temporäre jüdische Heimat für alle, die auf einer jüdischen Erkundungsreise sind. Manche sagen dazu «wärmende Blase», «kleines globales Schtetl», «bildungsorientierter Kibbuz». Traditionelle jüdische Werte, gegenseitiger Anstand, Liebe, Hilfsbereitschaft, Kompetenz - diese verbindenden und stimulierenden Ideen programmieren das Wachstum innovativer Kräfte. Diese eigenwillige soziokulturelle Großfamilie reproduziert sich, das Wort und das Konzept von Limmud als vernetzender Gemeinschaft mit dem Ziel einer weltumfassenden Revolution der jüdischen Bildung. Doch anders als im Beit Midrasch sind hier nicht nur zwei, sondern viele Autoritäten aufeinander bezogen, das führt auch zu besonderen Managementqualitäten. Limmud England ankert in der Gegenwart und greift beherzt in die Zukunft. Die Mischung aus Grundsätzen der Basisdemokratie und ethischen Prinzipien von Freiwilligkeit und Uneigennützigkeit, aus Erkenntnis aus und über die breit gefächerte moderne jüdische Vielfalt, ist deutlich identitätsstiftend. Das Verbindende wiegt schwerer als alles Trennende. Aktive Volonteers sind Teilnehmer. Sie entscheiden über Inhalte und Abläufe, so auch über ihre liberalen, konservativen und orthodoxen Betstuben oder Gesprächsräume für Säkulare. Wer will, kann gemeinsam und auch getrennt den Schabbat miteinander verbringen und muss nicht erst nach dem dritten Stern am Samstagabend anreisen. Das britische Oberrabbinat erteilte für Warwick seinen Hechscher. Über 2.500 Esser konnten sich dank der umfassendsten Catering-Aktion Englands und Europas in jüdischer Gegenwart auf die Kaschrut verlassen, auf ein kulinarisches Urteil soll verzichtet werden. Für die Beaufsichtigung der Küche war ein Maschgiach von Chabad Lubawitsch zuständig. Limmud ist ein Puzzle, dessen Versatzstücke oft erst passend gemacht werden müssen. Über 500 Freiwillige, meist zwischen 25 und 35 Jahre alt, bereiteten 2007 ganze 12 Monate die Jahreskonferenz vor, 150 von ihnen regelten schließlich den Ablauf vor Ort. Zu koordinieren waren mehr als 800 unterschiedliche, zeitlich parallel und nacheinander stattfindende Veranstaltungen, über 350 Referenten, das heißt An- und Abreisen, Vorträge, Filmvorführungen, Musiksessions, Tanzabende, Yoga, spirituelle Sitzungen, Kochübungen, Spaziergänge, ein breites Kinderprogramm für über 200 Kinder, Freiräume für Gespräche, zum Essen, Schlafen und Eventualitäten. Limmud England produziert eine pausenlos zu konsumierende Übervielfalt. Das ist zum Markenzeichen geworden. Limmudniks sind im Idealfall Konsumenten, Akteure und Produzenten in einer Person. Seit 2007 gibt es in England einen hauptamtlichen Geschäftsführer, der die wachsenden Aktivitäten (im Jahr 2007 waren es 12 verschiedene Treffen), das gestiegene Interesse an der Dezember-Konferenz und die internationale Verbreitung koordinieren soll. Im Jahr 2008 werden mindestens 700 Ehrenamtliche gebraucht, was einen entsprechenden organisatorischen Aufwand mit sich bringt. Der Vorstand wechselt regelmäßig, wer leitet, muss hohe Sachkompetenz und die Bereitschaft zu permanenter Arbeit mitbringen. Immerhin hatte 2007 jede zuständige Person rund 25.000 E-Mails zu beantworten, insgesamt wurden über eine Million elektronischer Mitteilungen ausgetauscht. Sicherheit ist ein anderes Thema. Dafür hatte man im Dezember eine Firma engagiert. Seit 1998 ist Limmud Englands wichtigster jüdischer Exportschlager. Mehr als 30 Treffen in 13 Staaten, etwa 3.000 Freiwillige sind das bisherige Ergebnis. In Südafrika, mehreren Bundesstaaten der USA, Frankreich, den Niederlanden, Polen, Argentinien, Israel, Deutschland, Türkei (hier trafen sich rund 1.000 jüdische Teilnehmer) und anderen Ländern haben sich Limmud-Gemeinschaften formiert. Für 2008 sind neue Treffen geplant, auch in Berlin, in den USA und in 15 postsowjetischen Staaten und Städten, eines auf der Krim. Dank dieses Limmud-Konzepts bilden sich neben und in regionalen jüdischen Gemeinschaften Netzwerke aus teamfähigen Aktivisten. Da Inhalt und Stil variieren, da unterschiedliche Ansichten und Lebensformen und das respektvolle Austragen von Meinungsverschiedenheiten die Treffen prägen, wird allen jüdischen Richtungen Raum gegeben, seien diese religiös, politisch oder lebensweltlich differenziert. Indem die nebeneinander existierenden, sich ergänzenden oder ausschließenden und übergreifenden Erfahrungen, Lebensformen und Vorstellungen auf den Treffen gebündelt und an einem Ort und in einer Zeit vermittelt werden, entstehen ein interaktives Geflecht und ein hoher persönlicher Einsatz. Limmud wird globalisiert zu einer auch regional gemeinschaftlichen jüdischen Erfahrung, bestehende Grenzen sind überschritten, die Erschließung neuer Erkenntnisse und die Verbreitung neuer Ideen aus jüdischer Geschichte, Gegenwart und Zukunft erfolgt. Der wiederholte und damit dauerhafte Dialog stabilisiert die «Cooperative Identity», eine vielschichtige Limmud-Identität, der Typus des «Limmudnik» macht Verdrängtes, Ausgeklammertes, Unbekanntes und Ungewusstes aus individueller, gesellschaftlicher oder spiritueller Sicht direkt und vermittelt für alle erfahrbar. Dazu dienen nicht nur verschiedene Veranstaltungsformen, die gleichen Grundprinzipien verpflichtet sind, sondern vor allem die Limmud-Aktivisten. Für England ist die jährliche Limmud-Konferenz in der Weihnachtszeit nach Aufwand und Dauer am Umfassendsten. Das seit 2004 jährlich stattfindende Limmud-Fest wird 2008 mit etwa 700 Teilnehmern neue Wege zu praktischer Bildung um ein Musikfestival gruppieren. Schon in 14 regionalen Zentren gibt es einmal pro Jahr den Limmudtag mit jeweils 300 bis 800 Teilnehmern. Das stärkt örtliche jüdische Gemeinschaften und regionale jüdische Führungskräfte. Unter der Bezeichnung «Livo» laufen zwei bis drei herausragende kulturelle Londoner Jahresereignisse, zudem gibt es an manchen Orten wöchentliche Lernprogramme wie Melton (The Florence Melton Adult-Mini-School für Erwachsene in London) mit gegenwärtig etwa 500 Teilnehmer. Die nationale Ausbreitung steht an, ebenso ein «Year round Limmud» und «Jüdisch reisen». Nicht zu vergessen unzählige «Chavruta», also kleine Lerngemeinschaften, in denen meist zwei Person sich im Dialog Texte aneignen. Limmud hat das Potenzial, sagte jemand im Dezember, «unserer jüdischen Gemeinschaft die Einsicht zu vermitteln, dass es keinen internen Konflikt gibt, der so bitter sein könnte, dass er nicht im direkten Dialog anzusprechen wäre.» Das und die Aufforderung «Take Limmud back home!» sollte heute in jeder jüdischen Gemeinschaft und zwar grenzüberschreitend aufgegriffen werden. |