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Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) München feierte am 8. Dezember letzten Jahres, mit der fünften Kerze, ihre erste Chanukka-Party in dem rund dreizehn Monate zuvor eröffneten Gemeindezentrum in unmittelbarer Nähe zum zentralen Marienplatz. Anat Rajber, Eventmanagerin, und Gady Gronich, unter anderem Leiter der Europasektion des Hadassah International Medical Relief Association, Vizepräsident der Zionistischen Organisation in Deutschland und Vorstandsmitglied der IKG München, zeichneten für die Durchführung dieser Veranstaltung verantwortlich, die - man darf es bereits im voraus erwähnen - einen durchschlagenden Erfolg zu verzeichnen hatte. Die Halle war zum Bersten überfüllt und die 600 zur Verfügung stehenden Sitzplätze bereits Tage zuvor ausverkauft. 70 bis 80 weitere Karten waren an der Abendkasse erhältlich, wobei der im Vergleich zu den letzten Jahren moderate Eintrittspreis von 15 Euro ein breites und bunt gemischtes Publikum anzog. Nach Schätzungen der Organisatoren lag der jüdische Anteil am Publikum zwischen 85 und 90 Prozent, wobei der hohe Anteil aus den GUS-Staaten stammender junger Erwachsener bemerkenswert war. Wenngleich der im Preis inbegriffene Begrüßungstrunk früher als im Programm angekündigt ausging und offensichtlich nirgends Ersatz aufzutreiben war, zeichneten sich die Pächter des Hausrestaurants «Fleming's» für das - getrennt zu berappende - kulinarisch leibliche, selbstverständlich koschere, Wohl der Gäste verantwortlich. Insofern durfte man sich, zweifelsohne auch eingedenk der Lokalität sowie des Anlasses selbst, durchaus auf einer jüdischen Veranstaltung wähnen. Die Rabbiner Diskin und Langnas entzündeten die Chanukkakerzen. Schließlich wurde «Ha-Tikwah», die Nationalhymne Israels, gesungen. Danach gaben acht junge Mädchen der Zionistischen Jugend Deutschlands (ZJD) eine kurze Tanzvorstellung mit modernen Hickhackbewegungen im Rapstil zu Hip-Hop-Musik zum Besten. Endlich spielte die aus Wien geladene Band auf, welche wiederum extra eine Sängerin aus Israel hatte einfliegen lassen. Ein Potpourri aus bekannten jüdischen Liedern stimulierte zu Beginn einige Jugendliche, sich ungelenk und uneinheitlich im Horaschritt zu üben: Für beide, unbeteiligte Zuschauer wie «Tänzer», sicherlich ein Gaudium jovialeren Charakters. Bereits nach wenigen Minuten jedoch wurde auf reguläre Diskorhythmen und Tanzmusik umgeschaltet und, abgesehen von einigen israelischen Schlagern, im weniger anspruchsvollen Stile von «Athah Thothakh» («Du bist eine Kanone») beschränkte man sich für die verbleibenden vier Stunden auf bekannte Klänge aus den USA. Spätestens hier, also rund 30 Minuten nach Beginn, schien aber auch das „jüdische Element", das vielleicht der eine oder andere Besucher auf einer Chanukka-Party gesucht haben mag, verloren gegangen zu sein: Ein Unterschied zu einer möglichen gleichzeitigen «nichtjüdischen» Parallelparty irgendwo in Deutschland war kaum mehr auszumachen. Natürlich stellt Gronich nicht ganz unrichtig fest, dass die meisten der anwesenden Gemeindemitglieder auf einer solchen Veranstaltung zum einen Bekannte treffen, zum anderen aber auch neue Freunde gewinnen möchten. Und - im Sonderfall München - statt wie in den Jahrzehnten zuvor in fremden Hotelsälen letztlich unter eigenem Dach feiern konnten. Trotzdem war das Absingen der «Thiqwah» auffällig: Eine Nationalhymne auf einer zu einem religiösen Anlass veranstalteten, wenngleich eher «profanen» Party? Hatte die Gemeinde, die zu etwa sechzig Prozent aus Personen besteht, die die Wahl hatten und sich trotz allem für Deutschland entschieden, nicht die falsche Nationalhymne angestimmt, wenn es schon eine solche sein musste? Nicht unbedingt abgenommen werden muss hier das auf immerhin freiwillig Zugewanderten anzuwendende Argument, es sei, so Rajber, in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, durchaus unüblich, die eigene Nationalhymne zu singen. Gronich ergänzte, dass man «Ha-Thiqwah» eigentlich nur aus Verbundenheit zu Israel sang, schließlich hatte man der ZJD, welche die Idee einbrachte, die Chance gegeben, programmgestaltend mitzuwirken. Natürlich könnte jetzt gleichzeitig die «Verbundenheit» zu Deutschland in Frage gestellt sein. Das allerdings stellte für Steven Guttmann, «Schaliach» (ursprünglich aus Israel Abgesandter, konkret hier jedoch aus den eigenen Reihen stammend) der ZJD, Sektion München, keine Relevanz dar. Die wesentliche Arbeit der ZJD bestünde darin, unter den jüdischen Jugendlichen die Liebe und Zuneigung zu Israel aufzubauen. Ziel des Ganzen sei es, die jungen Mitglieder des Verbandes zur Alija, der Einwanderung nach Israel, vorzubereiten beziehungsweise zu animieren. Dass die Mädchen statt israelischer Folklore dann eher US-amerikanischen Diskotanz präsentierten, lag laut Guttmann daran, es sollte «peppig» sein, was unausgesprochen wohl nicht in der Natur etwa israelischer Volkstänze läge. Dass man selbst in den Tanzpausen keinerlei israelische oder jüdische Musiktöne vernahm, sondern wiederum amerikanische Schlager auflegte, darauf hatten nach eigener Aussage weder die ZJD noch die Organisatoren direkten Einfluss, es war die Wiener Band, die diese Musik auswählte. Selbstverständlich kann man mit Gronich nur übereinstimmen, dass die Zusammenkunft von über 500 Juden zu einer geselligen Veranstaltung auch in München nichts Selbstverständliches ist. Insofern war die letztjährige Chanukka-Party nichts anderes als ein großartiger Erfolg. Notabene ganz in Einklang mit Martin Buber, der zur Kulturfrage schrieb: «Juden, in denen Judentum ohne Gemeinschaftsgefühl lebendig wurde, sind unfruchtbar.» Zweifellos war auf dieser Party ein Gemeinschaftsgefühl festzustellen. Allerdings fügte Buber diesem Satz unmittelbar hinzu: «Juden, in denen Gemeinschaftsgefühl ohne Judentum lebendig wurde, gehen in die Irre» - manch einer hätte sich vielleicht doch etwas mehr an Jüdischem auf dieser Party erhofft, wenngleich die Mehrheit hinsichtlich dessen vielleicht überhaupt keinen Wert legte und gar nicht anders sein wollte als der Rest, die überwältigende Mehrheit in Deutschland (etwa 99,75 Prozent). Etwas leichter mag es die hauseigene Theatergruppe «Lo-Minor» gehabt haben, die ihr dreijähriges Jubiläum am 21. Februar vor rund 150 Zuschauern feierte: Man kam ohne Hymne aus und die über 20 Mitwirkenden Laienschauspieler und -tänzer, den Namen nach sämtlich aus den GUS-Staaten stammend, sprachen durchwegs und ohne Ausnahme auf der Bühne deutsch. Angesichts der Tatsache, dass man privat überwiegend auf Russisch miteinander verkehrt, kann man hier entschieden von einer gelungenen Integration ohne gleichzeitiger Assimilation sprechen. Dieses Beispiel schien aber eher die Ausnahme. Es ist diese Ambivalenz des zeitgenössischen Judentums Deutschlands, auf eigenen Veranstaltungen, anders (etwa israelische Nationalhymne und keine deutsche) und dann eben doch wieder gleich sein zu wollen, die manchen Beobachter immer wieder Fragen stellen lässt, deren Beantwortung von offizieller Seite aber weiterhin ausbleibt. Um mit Buber abzuschließen: «Soziale Erziehung ohne nationale wäre ein Wirken im Traum». |