Kambiz Behbahani. Foto: M. Reininghaus

«Wir müssen ein Zeichen setzen»

Der Exil-Iraner Kambiz Behbahani über sein Heimatland und das Gedenken an die Schoa

 

Herr Behbahani, der «iranische Dialogkreis» hat dazu aufgerufen, am 27. Januar des Holocausts zu gedenken. Einen Tag später veranstaltet ein Bündnis in Berlin eine Demonstration, um vor dem iranischen Präsidenten zu warnen. Wollen Sie beweisen, dass es auch «gute Iraner» gibt?

Wir möchten am 27. Januar ein Zeichen setzen. Viele Iraner sind wütend darüber, dass in ihrem Namen Opfer beleidigt werden. In der iranischen Geschichte gab es niemals Feindschaft zwischen den Religionen. Heute leiden die Minderheiten im Iran, auch die religiösen. Wir sind sehr weit vom Zustand der Demokratie entfernt, die Menschenrechte werden nicht akzeptiert. Und es ist diese Propaganda, die die Menschen von den tatsächlichen Problemen ablenken sollen. Für uns ist es aber auch eine Gelegenheit, wie für alle anderen auch, unser Mitgefühl mit den Opfern zum Ausdruck bringen zu können.

Was sagen Sie zu der Demonstration gegen den iranischen Präsidenten? Auf den Plakaten, die dazu aufrufen, ist eine Fotomontage aus Ahmadinedschad und Auschwitz zu erkennen...

Vollkommen unabhängig von Protesten gegen Ahmadinedschad: Ein Plakat von ihm und Auschwitz ist meiner Meinung nach eine Erniedrigung der Opfer des Hitlerfaschismus. Man darf mit ihnen nicht beliebig umgehen. Das gleiche gilt, dies für den Fall, in dem die Regierung eines Landes die Schrecken des Holocausts missbraucht, um von inneren Problemen abzulenken, wie Ahmadinedschad das macht. Dagegen müssen wir als Iraner natürlich ein Zeichen setzen.

Inwiefern ist denn die Geschichte des Holocaust im Iran bekannt?

Die ältere Generation weiß Bescheid. Gerade weil der Vater von Schah, Reza-Khan, seine Sympathie zum Hitler-Regime nicht verbergen konnte, wurde er in die Verbannung geschickt. Viele Iraner wissen, was Faschismus ist. Dieses Wissen nimmt in der jungen Generation allerdings ab. Iran hatte historisch gesehen eine Tradition des friedlichen Zusammenlebens mit Juden. Ich habe bei meinen Besuchen im Iran aber auch nicht feststellen können, dass der Hass auf Juden die Massen bewegt. Die einzige Ausnahme sind Solidaritätsbekundungen mit den Palästinensern, die auch unter Linken, aber auch unter Geistlichen, eine gewisse Tradition haben. Von offizieller Seite wird auch versucht, die Feindschaft gegen den Staat Israel und die USA zu schüren. Das ist auch die Gemeinsamkeit der «Opposition» mit dem Regime.

Sie haben geschrieben, dass im Iran Schizophrenie herrscht. Wie sieht diese aus?

Der Iran präsentiert sich an der Schwelle des 21. Jahrhunderts als Land starker Gegensätze. Es herrscht im Lande ein duales System. Privat sind die Menschen freie, Männer und Frauen entziehen sich vor strenger Kontrolle der Sittenwächter. In der Öffentlichkeit müssen sie sich aber nach den strengen Regeln der Fundamentalisten verhalten. Der einsetzende Konflikt zwischen Tradition und Moderne schlägt sich in allen Lebensbereichen, vom Sport bis zur Literatur, vom Alltagsleben bis zur Politik, nieder. Die Menschen schauen Satellitenfernsehen und genießen die moderne, westliche Welt. In Teheran kann man etliche amerikanische Filme sogar in Originalfassung kaufen. Die Schizophrenie besteht darin, dass die Herrschenden nicht wahrnehmen wollen - oder auch können -, dass die Bevölkerung anders lebt, als man sich das wünscht.

Welchen Rückhalt hat die Regierung Ahmadinedschad in der Bevölkerung?

Die iranische Bevölkerung befindet sich in einer starken Wirtschaftskrise. Die Mieten sind so teuer, dass die meisten Menschen den halben Tag in irgendeinem Ministerium, als Lehrer oder Offizier arbeiten und danach Taxi fahren. Ahmadinedschad hat versprochen, das Geld, das aus dem Ölexport kommt, unter den Menschen zu verteilen. Leider kann man in Ländern, in denen es den Leuten schlecht geht, mit solchen Versprechungen großen Zuspruch ernten. Aber inzwischen warnen viele Politiker davor, die Folgen der Sanktionen nicht zu unterschätzen, weil die jetzige Regierung so tut, als könne niemand dem Iran etwas antun. Ahmadinedschad wird einer Organisation namens Hojjatieh zugerechnet, die noch in der Zeit des Schahs gegründet wurde, um die Baha'is zu verfolgen. Sogar Ajatollah Chomeini hat dieser Gruppe gesagt, dass sie sich aus der Politik heraushalten soll. Inzwischen ist sie aber so stark, dass man sich vor ihr fürchten muss. Ahmadineschad, so die Einschätzung von Beobachtern vor Ort, nehme lediglich die Befehle der ultrakonservativen rechten Fundamentalisten und Islamisten entgegen, zu denen unter anderem Ayatollah Mezbah Jazdi, Chefideologe der Fundamentalisten und Ayatollah Ahmad Janati, Chef des Wächterrats, gehören. Auch die Militarisierung des Landes nimmt rapide zu. Mit ihnen wollen das Militär und der Geheimdienst über die Zukunft des Iran entscheiden. Dazu gehören auch personelle Seilschaften, denn 3000 staatliche Posten wurden mit ehemaligen Pasdaran (Revolutionsgardisten) und Basiji (Freiwilligenschutz der Revolution) besetzt.

Vom Parlament weiß man allerdings, dass die Mehrheit gegen Ahmadinedschad ist. Er wird sich nicht lange halten können. Ich halte es sogar für möglich, dass irgendwann das Militär die Macht übernimmt.

Sie warnen aber davor, dass sich der mangelnde Rückhalt Ahmadinedschads umkehren könnte, sollte es zu einem Militärschlag gegen den Iran kommen.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist sehr müde. Müde von der Revolution, müde vom Krieg. Sie will Frieden. Vor allem die Jungen werfen den Alten vor, für die derzeitige Situation verantwortlich zu sein. Sie kannten die verheerende Situation unter dem Schah nicht, sie wollen Zugang zum Internet, zu freien Informationen. Aber ich muss auch hier sagen: Ich bin absolut gegen jede äußere Einmischung. Wenn es um Menschenrechte geht, muss man von außen Druck ausüben, aber ich bin gegen jegliche Art von militärischen Angriffen. Wir müssen den Dialog auf jeden Fall weiterführen. Wir haben ja den Irak vor Augen, wir sehen Afghanistan vor uns. Am Ende werden nur die Menschen auf der Straße noch mehr bestraft. Und Ahmadinedschad ist bereits das Strafgericht für Iran.

Welche Ziele verfolgt die iranische Regierung mit dem Atomprogramm?

Ehrlich gesagt, kann ich weder sagen: Die bauen die Atombombe, noch: Sie bauen sie nicht. Ich kann aber sagen: Der Iran braucht keine Kernenergie. Das Land könnte alles, was es an Energie braucht, durch Sonnen- oder Windenergie gewinnen. Ich habe aber auch Angst davor, dass der Iran, wie unlängst Nord-Korea, die Atombombe plötzlich als Trumpfkarte auf den Tisch legt.

Geht vom Iran eine reale Gefahr aus?

Ich glaube nicht. Bellende Hunde beißen nicht. Ich denke aber, man muss auf der Hut sein und diese Leute politisch unter Druck setzen.

Was ist mit der Unterstützung von Hisbollah und Hamas?

Irans Bevölkerung ist eigentlich dagegen, dass die iranische Regierung die Hisbollah unterstützt. Im letzten Libanonkrieg hat das vielleicht der Hisbollah genutzt, dem Iran nicht. Mit der Unterstützung irakischer schiitischen Milizen verhält es sich genauso. Ein persisches Sprichwort sagt: «Du brauchst erst Licht zuhause, dann in der Moschee.»

Das Gespräch führte Moritz Reininghaus

 

Kambiz Behbahani ist in Teheran geboren, kam 1973 nach Berlin, wo er Germanistik und Kommunikationswissenschaft studierte. Heute arbeitet er als freier Journalist. Von 1994 bis 1996 gehörte er dem Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen an.

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2007