Zurück zur Tagesordnung

 

Papst Benedikt XVI. in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Mai 2006. Die Mitverantwortung der katholischen Kirche an der Schoa ist ein umstrittener Diskussionsgegenstand. Foto: dpa

 

Оstern ist vorbei, doch die Kritik an der Haltung des Papstes ist ungebrochen. Durch dessen Karfreitagsfürbitte gelangten «antijüdische Ressentiments bis hin zur Tötung der ‚Christusmörder' wieder zu Amt und Würden», schreibt der Soziologe Gerhard Amendt. Und tatsächlich: am Karfreitag wurde in Deutschland nicht nur an gut 50 Messorten für die Erleuchtung der Juden gebetet, sondern auch unbekümmert von den jüdischen Mördern Jesu gesungen, so bei der Karfreitagsprozession in der Münchner Innenstadt. Die Präsidentin des Zentralrats hat den Dialog mit der katholischen Kirche für beendet erklärt, so lange die umstrittene Fürbitte erhalten bleibt. «Gerade diesem deutschen Papst ... hätte ich zugemutet, dass er aufgrund seines Alters das Diskriminieren des Judentums, die Ausgrenzung des Judentums kennengelernt hat», sagte Charlotte Knobloch gegenüber Reuters TV.

In der Osternacht hat Benedikt XVI. mit der Taufe eines Moslems ein weiteres Zeichen für seine Unbekümmertheit gegenüber den anderen beiden abrahamitischen Religionen gesetzt. Unterdessen haben Walter Kardinal Kasper und Paul J. Kardinal Cordes bewiesen, welcher Geist die katholische Kirche derzeit beherrscht. Kurienkardinal Cordes: «Ja, einerseits verstehe ich es, dass die Juden in Deutschland immer wieder Gelegenheit nehmen, nehmen müssen, auf sich aufmerksam zu machen und die vergangene Geschichte wieder ins Licht zu rücken, dass man nicht vergessen darf, was sie erlitten haben, und dass man, sagen wir mal, auch die Spannungen, die zwischen den Juden und der Gesellschaft sind oder sein können, anspricht. Wenn man jetzt mal gerade von der Reise der Bundeskanzlerin absieht, ist es ja nicht überall in der Gesellschaft so, dass die jüdischen Menschen, die bei uns leben, akzeptiert sind. Und ich verstehe von daher die Tatsache, dass zum Beispiel eben der Leiter des Zentralrats wieder auf sich aufmerksam macht und auf das Problem der Juden.» Etwas pointierter Kardinal Kasper, zuständig für die Beziehungen zu den Juden: «Der Papst lässt das Gebet so. Es ist ja auch aus unserer Sicht theologisch vollkommen in Ordnung. Es ist nur schwierig für die Juden, das zu akzeptieren.»

Schwierig, ja. Nach den Rabbinern Walter Homolka und Daniel Alter, nach dem Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik und dem Psychologie-Professor Rolf Verleger hat auch Gerhard Amendt seine Teilnahme am Katholischen Kirchentag in Osnabrück abgesagt. Die Veranstalter ficht das allerdings nicht groß an. Die Lücken in Sachen Dialog wurden rasch gefüllt: «Alle 21 Veranstaltungen finden statt», sagte der Pressesprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Theodor Bolzenius. Erstaunlich ist dabei, dass ausgerechnet der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz des Zentralrats der Juden in Deutschland, Rabbiner Henry G. Brandt, mit in die Bresche springt. Was bedeutet es da noch, dass der Zentralrat den Dialog doch aufgekündigt hat? Haben das Wort von Charlotte Knobloch und die Kritik von Salomon Korn, Dieter Graumann und Nathan Kalmanowicz in den eigenen Reihen kein Gewicht mehr? Selbst der Arbeitskreis Christen und Juden beim ZdK geht schon wieder zur Tagesordnung über: Indiz dafür, dass der viel beschworene christlich-jüdische Dialog kaum mehr ist als ein christlicher Monolog, der Differenzen nicht aushalten kann. Mitte April besucht Papst Benedikt die USA. Wir dürfen gespannt sein, ob er womöglich dort auf die Fragen seiner jüdischen Gesprächspartner reagiert.


 

 

 

«Jüdische Zeitung», April 2008