Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Gläserne Erinnerung in DresdenFalsche Bedenken gegenüber den Denkorten von Marion Kahnemann
Die Dresdner Künstlerin Marion Kahnemann gehört zu den Preisträgerinnen, deren Arbeiten 2008 von der Stiftung Zurückgegeben in Berlin gefördert werden. Die Auszeichnung gilt einer ganz besonderen Kunstinstallation, die an drei ausgewählten Plätzen in Dresden zu Nachdenken und kreativer Verstörung anregen soll. «Ziel meines Kunstprojektes ist es, nicht nur die öffentliche Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung zur Zeit des NS-Regimes zu visualisieren und damit bewusst zu machen, sondern auch für heutige Ausgrenzungsmechanismen zu sensibilisieren», sagt Kahnemann, die Mitglied der Repräsentantenversamlung der Jüdischen Gemeinde Dresden und jüdische Vorsitzende der örtlichen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist. «Diese Orte sollen daran erinnern, wie eine ganze Bevölkerungsgruppe durch schrittweise Ausgrenzung zunehmend unsichtbar gemacht wurde und damit das Gewissen nicht mehr belastete.» Die Bildhauerin will mit drei Bänken aus Acrylglas mit der Inschrift «Nur für Arier» im Großen Garten, auf der Brühlschen Terrasse und im Blüherpark in unmittelbarer Weise im heutigen Alltag auf die Diskriminierung von jüdischen Bürgern verweisen, denen seit Ende der 1930er Jahren der Zugang zu diesen Grünanlagen nicht mehr gestattet war. Die Stadt Dresden verweigert aber die Aufstellung für diese Bänke mit der Begründung, dass das provokante Zitat «Nur für Arier» Vandalismus quasi vorprogrammiere, eine Grünanlage aber doch lebenswerte Strukturen zu bieten habe. «Obwohl die Kunstkommission der Stadt Dresden, die dem Bürgermeister für Kultur unterstellt ist, meine Idee im Prinzip befürwortet, sind die staatlichen und städtischen Ämter, die als Verwalter der drei Gärten eingesetzt sind, nicht bereit, die Realisierung des Projektes zu genehmigen. Je nach Amt werden verschiedene Argumente angeführt, unter anderem die folgenden: Die Bänke werden sofort zerstört und man hat schon genug Probleme mit Vandalismus. Zerstörte Bänke werden den Tourismus und damit das Bild Dresdens nach außen belasten. Diese Orte sind für eine politische und historische Auseinandersetzung nicht geeignet, weil es sich um Orte der Erholung und des touristischen Interesses handelt.» Man möchte meinen, dass es die Öffentlichkeit mobilisieren könnte, wenn diese Bänke tatsächlich Ziel von Aggressionen würden und es zu grundsätzlich positiven Denkprozessen kommt. Marion Kahnemann: «Falls Leute anfangen sollten, das Glas zu zerkratzen, was, wenn ich realistisch bin, leider zu erwarten ist, wird die Aufschrift „Nur für Arier" für den Betrachter immer deutlicher sichtbar, da es sich um eine negative Schrift handelt. » Wegen der Gefahr von Vandalismus hat die Künstlerin bereits auf die Bruchsicherheit der Bänke aus Acrylglas geachtet. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, soll neben den Bänken ein Textband aus Eisenguß mit dem Hinweis auf die entsprechenden Polizeiverordnungen von 1938 und 1940 und passend zu den Besonderheiten des jeweiligen Ortes in Deutsch und in Englisch eingelassen werden. Die vorauseilende Furcht vor Vandalismus und Negativwerbung hat in der Vergangenheit immer wieder zu Vorbehalten gegenüber Kunstprojekten und Denkzeichen geführt, auch in der langwierigen Debatte um das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Inzwischen hat sich gezeigt, dass derartige umstrittene Projekte von der Öffentlichkeit gut angenommen werden. Marion Kahnemann lässt sich von ihrem Vorhaben jedenfalls nicht abbringen und sucht Verbündete, um eine öffentliche Diskussion in Gang zu bringen: «In diesem Zusammenhang wäre es für mich schwer nachvollziehbar, wenn wir nur die rechte Zerstörung als Problem sehen würden und davor in vorauseilendem Gehorsam kapitulieren, wo die NPD doch immerhin mit 9,2% in den Sächsischen Landtag gewählt wurde und auch im Stadtparlament sitzt! Dass wir doch nicht kapitulieren, dafür könnten die Bänke ein Zeichen setzen, besonders im 70. Jahr nach der so genannten „Reichskristallnacht".» |