Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Einmal jährlich ein TropfenVerspricht ein Brandenburger Integrationsprogramm ein Zukunftskonzept gegen den Ärztemangel?
Die Antwort auf den Ärztemangel Die Versorgungsdefizite im medizinischen Bereich in Deutschland verschärfen sich. Ganz speziell in Ostdeutschland. Mancherorts kann bereits keine flächendeckende hausärztliche Versorgung mehr sichergestellt werden. Fast 30.000 Ärzte fehlen laut Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV) aktuell im kurativen Bereich in Deutschland. Die Berichte der Tagespresse erwecken den Eindruck, dass in den letzten Jahren eine regelrechte Landflucht unter den Medizinern zwischen Ostsee und Erzgebirge eingesetzt hat. Die vakanten Stellen, besonders eklatant ist der Ärztemangel bei den Allgemeinmedizinern, sollen laut Vorschlag vieler Arbeitsmarktpolitiker mit Ärzten aus dem Ausland besetzt werden. Etwa 20.000 nach Deutschland zugewanderte Mediziner arbeiten hier bereits, ein Viertel mehr als noch vor sieben Jahren. Etwa 1.600 davon kommen aus Russland und der ehemaligen Sowjetunion, es sind jüdische Kontingentflüchtlinge, Spätaussiedler und deren Angehörige. Sie stellen die größte Gruppe an ausländischen Ärzten, noch vor den gebürtigen Griechen, Österreichern, Polen und Iranern. Doch noch bestehen viele rechtliche Hürden und es mangelt an einer bundeseinheitlichen Regelung zur Anerkennung und Eingliederung dieser ausländischen Ärzte aus dem Nicht-EU-Raum.
VorhandenesPotential nutzen Jutta Schnippering, Koordinatorin für die Akademikerprogramme für Humanmediziner der Otto-Benecke-Stiftung, führt dazu aus: «Seit einigen Jahren werden jüdische Kontingentflüchtlinge als Asylberechtigte behandelt. Für deren Angehörige gibt es aber noch keine Regelungen. Für beide Gruppen besteht nach wie vor das Problem der Staatsbürgerschaft, die sie erst nach mehreren Jahren erhalten. Sie bekommen also sehr schnell eine Arbeitserlaubnis, aber keine Berufserlaubnis. Und für die Approbation, der staatlichen Zulassung zu Heilberufen, ist die Kenntnis- bzw. Gleichwertigkeitsprüfung maßgeblich. »Ohne deutsche Staatsbürgerschaft können sich die Mediziner aus dem Nicht-EU-Ausland außerdem nicht niederlassen oder Chefärzte werden. Schnippering fragt deshalb: «Warum bürgert man sie nicht so schnell ein wie die Spätaussiedler? Wir brauchen Ärzte, aber die Regelungen verhindern das.» Das Thema komme selten an die Öffentlichkeit, sagt die Koordinatorin. Die Zuwanderer ihrerseits seien zurückhaltend und sprächen das Problem nicht an. In dieser Situation startete das Land Brandenburg im Frühjahr in Eigeninitiative ein zehnmonatiges Qualifizierungsprogramm speziell für zugewanderte Ärzte aus Russland und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und will mittels vereinfachter bürokratischer Handhabung damit beginnen, die klaffenden Lücken in der Versorgung seiner ländlichen Gebiete und in den staatlichen Krankenhäusern zu stopfen. Gerade in den Grenzregionen zu Polen fehlen Fachkräfte. Zwanzig Mediziner, jeweils zur Hälfte jüdische Kontingentflüchtlinge und Spätaussiedler - außerdem ist eine Ärztin aus Ex-Jugoslawien in der Gruppe - werden seit 3. März in einem zehnmonatigen Vorbereitungskurs für die Anerkennungsprüfung für Ärzte geschult. Im Februar 2009 sollen sie schon in Brandenburger Krankenhäusern und Praxen im Einsatz sein. Für einige von ihnen ist es die letzte Chance, sich noch in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Die meisten der Kursteilnehmer sind zwischen zwei und sechs Jahren in Deutschland, sie leben von Arbeitslosen- und Sozialhilfe oder arbeiten berufsfremd. Dabei sind sie Internisten, Gynäkologen, Pathologen, Hautärzte - alles gefragte Spezialisierungen in Deutschland. Entsprechend hoch ist die Motivation. Hürde «Gleichwertigkeitsprüfung» Das Programm ist ein Pilotprojekt. Geht es gut, dann könnte es zum Modell für Ostdeutschland werden und andere Bundesländer zur Imitation anregen. Das spezifische Weiterbildungsprojekt für zugewanderte Ärzte hat Brandenburg gemeinsam mit der Otto-Benecke-Stiftung entwickelt. Von März bis Dezember 2008 absolvierendie zwanzig zunächst einen dreimonatigen Sprachkurs in «Ärztedeutsch», danach ein viermonatiges Praktikum und abschließend die dreimonatige Prüfungsvorbereitung. Finanziert wird das Qualifizierungsprojekt mit 150.000 Euro aus Mitteln des Landes und des EU-Sozialfonds. Um alle Plätze im Kurs zu belegen, wurde sogar zwei Ärzten, die als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, in einem Umverteilungsverfahren der Bundesagentur für Arbeit die Teilnahme und der Zuzug aus anderen Bundesländern nach Brandenburg ermöglicht. «Integration geht nur über Arbeit», dieser Satz geht Korinna Lindner fast schon gebetsmühlenartig über die Lippen. Sie ist Deutschlehrerin bei der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen (GFBM) in Berlin, die den Qualifizierungskurs in ihren Räumen beherbergt und Fachpersonal bereitstellt. Lindner steht vor der nicht einfachen Aufgabe, die Kursteilnehmer innerhalb von drei Monaten auf ein gutes sprachliches Niveau zu bringen. Gerade die im Jahr 2004 eingeführte, mündlich erfolgende «Gleichwertigkeitsprüfung» oder auch «Kenntnisprüfung», die bei den jeweiligen Landesärztekammern abgelegt werden muss, stellte bisher für die Kursteilnehmer eine unüberwindliche Hürde beim Eintritt in den Arztberuf dar. Ohne die Prüfung können die Migranten, in einigen Fällen Chef- oder Oberärzte aus Russland, nicht einmal die Arbeit eines Krankenpflegers ausüben. Denn selbst die verlangt eine Ausbildung von mindestens einem Jahr in Deutschland. «Alle haben schon einmal, direkt nach ihrer Einreise nach Deutschland, einen sechsmonatigen Sprachkurs gemacht, aber bereits wieder viel vergessen, weil die Anwendungsmöglichkeiten im Alltag fehlen», skizziert GFBM-Lehrerin Lindner das erste Kernproblem der Gruppe. Die jüngste Kursteilnehmerin ist Jahrgang 1974; der Großteil jedoch jenseits der 40, einige über 50 Jahre. Die Enttäuschung und Empörung über die schleppende Integration und den sozialen Abstieg schlügen sich psychisch besonders bei den Älteren nieder und schüfen Barrieren beim Spracherwerb, erklärt Petra Mihailovic von der GFBM-Geschäftsstelle. Bei der bisherigen Arbeit mit russischsprachigen und russisch-jüdischen Ärzten hat Mihailovic die Erfahrung gemacht, dass sich diese sehr leistungsbereit präsentieren und in der Regel erstaunlich schnell berufliche Positionen fänden. Das trifft aber eben nicht auf alle zu. In der deutschen Integrationslandschaft stehen weiterhin schwer zu überwindende Hürden. Nachholende Integration So sehen Weiterbildungsprogramme in Deutschland für zugewanderte Ärzte bisher keine Unterstützung für die Altersgruppe über 50 Jahre vor. In einigen Fällen werden auch schon mal Qualifizierungsgesuche von Jüngeren bei der Bundesagentur für Arbeit abgelehnt, meist mit der Begründung der mangelnden Sprachkenntnisse. Kursteilnehmer Vadim Romanow, der für den Kurs mit seiner Familie aus dem mecklenburgischen Schwerin nach Brandenburg gezogen ist, sieht in dem Programm des Landes Brandenburg seine vielleicht letzte Chance beruflicher Integration. «Die Leute hier haben Probleme», sagt der Gynäkologe über die Teilnehmer und stellvertretend für die Gruppe arbeitsuchender Mediziner aus Russland. Ältere und alleinerziehende Mütter hätten nur wenige Chancen auf staatliche Förderungen. Zudem erschweren es die unterschiedlichen Regelungen über die Erteilung von Berufserlaubnissen in jedem Bundesland dem Arzt zusätzlich, in Deutschland berufstätig zu werden. So bekam Romanow in Mecklenburg-Vorpommern keine Berufserlaubnis für ein notwendiges Praktikum. Eine ihm angebotene Hospitation in einem Krankenhaus wurde von der Arbeitsagentur nicht finanziert. «Die Leute sind bereit, überall hinzugehen», meint der 52jährige russischjüdische Neurologe Michael Ermakov, ein anderer Kursteilnehmer. Er hat schon hundert Bewerbungen in ganz Deutschland verschickt. Ein Praktikum hat er bekommen, aber für die Erteilung der Berufserlaubnis braucht er die «Gleichwertigkeitsprüfung». Deshalb zog er jetzt aus Schleswig-Holstein nach Brandenburg und nimmt an dem Programm teil. «Das Qualifizierungsprojekt in Brandenburg ist ein klassisches Modell von nachholender Integration», merkt Dagmar Maur, Leiterin der Akademikerprogramme der Otto-Benecke Stiftung, kritisch an. Die Stiftung betreut das Programm inhaltlich. Bisher lag die Schwerpunktförderung erwachsener Akademiker bei den Spätaussiedlern. Jüdische Kontingentflüchtlinge werden erst seit etwa drei Jahren durch die Stiftung gefördert. Ein «Rund-umsorglos- Paket» sei von ihr jedoch nicht zu leisten, sagt Maur. Viele Ärzte hätten die seit Jahren vorhandenen Chancen der Weiterbildungsförderung, wie beispielsweise die von der Kulturakademie Dresden oder des Mibeg-Instituts für Medizin in Köln angebotenen Fachsprachkurse, schlichtweg nicht genutzt.
Mehr Beratung notwendig Die Suche nach Förderprogrammen und Finanzierungsmitteln beschreiben die meisten zugewanderten russischen und russisch-jüdischen Ärzte, die heute bereits im Berufsleben stehen, als sehr mühsam. Nachholbedarf bei der Betreuung und Aufklärung über Integrationsprogramme besteht nach wie vor. Die 40jährige Elena Grigorjan aus Berlin, die im Jahr 2002 mit ihrer Familie nach Deutschland kam und heute in einer Geriatriestation in Potsdam arbeitet, erfuhr erst nach zwei Jahren Schritte anders getan. Ich habe alles allein gemacht oder bekam Tipps von Bekannten», beschreibt Grigorjan ihre Erfahrung. Auch die 44jährige Gynäkologin Irina Berkowitsch (Name von der Redaktion geändert), die seit elf Jahren mit ihrer Familie in München lebt, beschreibt ihre Berufintegrationsphase als äußerst negativ. Immerhin genoss Berkowitsch ein Jahr finanzielle Unterstützung durch ein Stipendium der Otto-Benecke-Stiftung. In den letzten Jahren habe sich die Betreuung russisch-jüdischer Ärzte verbessert, bewertet Tatjana Erschow, Leiterin des Tolstoi-Hilfsund Kulturwerks in München, die aktuelle Situation. In den Anfangsjahren der russischsprachigen Einwanderung seien sowohl die jüdischen Kultusgemeinden als auch staatliche Stellen überfordert gewesen. Erschow hebt den Umstand hervor, dass fast keine Abwanderung russisch-jüdischer Ärzte von Deutschland ins Ausland festzustellen sei. Im Februar 2009 sollen die Teilnehmer des Weiterbildungskurses in Brandenburg mit der Arbeit als «Assistenzärzte» beginnen. Bis zur Anerkennung als Facharzt dauert es dann noch fünf Jahre. Das Problem der Staatsbürgerschaft stellt sich für viele Kursteilnehmer nach wie vor. Aber daran denken die Wenigsten in diesem Augenblick. Andreas Hauk vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie des Landes Brandenburg hofft, dass das Land etwas vom Weiterbildungsprogramm wiederbekommt: «Ärztemangel wird kein spezifisches Problem von Brandenburg bleiben. Die qualifizierten Leute, die schon hier in Deutschland sind, dürfen nicht durch den Rost fallen», so Hauk. «Das Programm kommt sehr spät. Künftig muss es anders weitergehen. Eigentlich ist der Bund für die Arbeitsmarktförderung zuständig", gibt Hauk zu bedenken. Im nächsten Jahr sollen Konzepte für spezielle Programme für Akademiker auf dem Tisch der Bundesregierung liegen. Hauks Vorschlag ist dabei, die Otto-Benecke-Stiftung für alle zugewanderten Akademiker zu öffnen. Die Regelungen für die Ärzte seien dabei noch relativ leicht zu handhaben. |