Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Hoffnung und SkepsisRusslands neuer Präsident hat bei den Juden einen Symphatie-Bonus
Auch wenige Tage nach der Wahl von Dmitrij Medwedjew zum Nachfolger von Präsident Putin herrscht im Moskauer Jüdischen Zentrum ein ständiges Kommen und Gehen. Der moderne sechsstöckige Bau ist eines von vielen neu errichteten Zentren der jüdischen Gemeinde in Russland. Am Eingang gibt es wegen möglicher Anschläge strenge Kontrollen, aber in dem hellen Gebäude herrscht eine freundliche Atmosphäre. An einem Tisch in dem großen Restaurant des Zentrums, wo gerade für das Schabatt- Mahl gedeckt wird, sitzt Alana, eine junge Dame mit blonden Locken. «Ich habe Herrn Medwedjew gewählt. Wir sind alle für ihn. Er ist sehr sympathisch. Seine Mutter ist Jüdin.» Woher sie das weiß? «Gucken Sie ins Internet. Dort können sie es lesen.» Fast alle russischen Zeitungen schweigen zu diesem Thema. Es gehört nicht zum guten Ton, in Russland öffentlich über eine Herkunft zu spekulieren. Aber im Internet wird über das Gerücht eifrig diskutiert und auch die israelische Zeitung Haaretz berichtete darüber. Weiter hieß es dort, die Führer der jüdischen Gemeinde in Russland wollten sich nicht zu dem Thema äußern, aus Angst, dem Kandidaten um das Amt des Präsidenten, Medwedjew, zu schaden. Ein Jude im höchsten Staatsamt, das wäre Futter für russische Rechtsradikale. Alana lacht verlegen. Es ist kein einfaches Thema, zumal, wenn man von einem deutschen Korrespondenten dazu befragt wird. Was die Medwedjews Qualitäten sind? «Er hat nach wie vor engen Kontakt mit Putin und ist nun schließlich sein Nachfolger.» Man sehe ja, was Putin geschafft habe. Mit der Wirtschaft gehe es jetzt voran. Das Moskauer Jüdische Zentrum, in dem eine Synagoge, Unterrichtsräume und eine Sporthalle untergebracht sind, liegt nicht weit vom Prospekt Mira entfernt, auf einem Platz, wo schon früher eine hölzerne Synagoge stand. Die fiel 1993 einem Brand zum Opfer. Den Neubau finanzierten Sponsoren. Ihre Namen kann man auf großen Kupfertafeln am Eingang lesen. Die größte Tafel trägt den Namen von Roman Abramowitsch, dem Milliardär und Gouverneur der fernöstlichen Region Tschukotka. Das Zentrum ist auch zu einem Anlaufpunkt für Rückkehrer geworden. Vor der Synagoge erzählt ein 24-Jähriger, er sei vor einigen Monaten aus Kanada nach Russland zurückgekehrt. Zwölf Jahre habe er dort mit seinen Eltern gelebt. Nun will er in Moskau leben und Geld verdienen. In Kanada habe er als Immobilienmakler gearbeitet. Eigentlich komme er aus der russischen Teilrepublik Dagestan und gehöre zu den «Berg-Juden». Moskau mag er. Das sei eine «sehr lebendige und interessante Stadt». In Kanada könne man sich erholen", aber es sei auch langweilig. Außerdem fühle er sich dort fremd. Die Jüdischen Gemeinden in Russland haben seit einigen Jahren wieder Zulauf. Vor allem aus Israel und Deutschland, aber auch aus Kanada kommen Juden zurück, die Anfang der 1990er Jahre ausgewandert sind. Im Jahre 2003 kehrten aus Israel bereits mehr Juden in die GUS-Staaten zurück als dorthin auswanderten, erklärt Andrej Goltzer, der Sprecher des russischen Ober-Rabbiners Berl Lasar. 1,2 Millionen Juden leben nach Schätzung der Gemeinde heute in Russland, der Großteil in Moskau und St. Petersburg. Vor Überfällen von Skinheads hat der junge Rückkehrer keine Angst. «Ich glaube an das Schicksal. Ich kann auch in Kanada von einem Auto überfahren werden oder in Israel in einem Bus sterben.» Zur Präsidentschaftswahl ist er nur gegangen, weil die Verwandten gewählt haben. «Ich habe für Medwedjew gestimmt.» Auch Grigori, ein Bankangestellter, der vor kurzem aus Kanada zurückgekehrt ist, hätte für Medwedjew stimmen. Aber er habe keinen russischen Pass mehr und konnte deshalb nicht wählen. Für Juden sei die Lage unter Putin besser geworden. «Natürlich ist das mit Chodorkowski schrecklich.»
Der 60jährige Aleksandr sitzt mit seinem sechsjährigen Enkel an einem Tisch vor dem großen Bücherschrank in der Synagoge. Er lehrt den Kleinen das jüdische Alphabet. «Ich bin mit denen einverstanden, die sagen, dass es keinen Sinn hat, zur Wahl zu gehen, weil das Resultat vorherbestimmt ist.» Obwohl, der Kandidat Medwedjew sei ihm «sehr sympathisch. Doch die Frage ist, woher kommt er?» Auf der Galerie der Synagoge stehen zwei ältere Damen. Die eine von ihnen, untersetzt und mit grüner Wollmütze, heißt Raissa. Ganz ernst sagt sie: «Wir sind wählen gegangen, unsere Kinder nicht. Wir haben noch Disziplin. Wir haben ja alles durchgemacht. Den Krieg ...» Ein älterer Herr mit Pelzmütze kommt gerade aus den Sporthaale. Dort stemme er noch Hanteln, wie er stolz verkündet. Seinen Namen möchte der 79-Jährige aber nicht sagen. Wie er lebt? «Allein. Meine Frauen sind beide schon gestorben.» Von den 138 Euro Rente könne er nicht leben. Aber der Bruder in den USA helfe ihm. Für die Juden in Russland sei das Leben einfacher geworden. Ab dem Sommer soll es einen visafreien Reiseverkehr zwischen Russland und Israel geben. «Und wer Mitglied des Jüdischen Zentrums ist», der Alte zeigt stolz seine weiße Plastikkarte, «bekommt bei Trans Aero fünf Prozent Rabatt auf das Flugticket.» Zur Wahl ist der Alte aber nicht gegangen. «Es gibt keine richtige Wahl.» Politiker wie Garri Kasparow und Michail Kasjanow seien nicht zugelassen worden. Dabei macht der alte Herr nicht den Eindruck, als sei er ein überzeugter Liberaler. Sein Idol ist der jüdische Schlagersänger Iossif Kobson. Der gehört zum Moskauer Establishment. Roman Abramowitsch findet er «zu reich» und mit Chodorkowski sei «nicht alles klar». Obwohl, man müsse anerkennen, dass Abramowitsch einer der Hauptsponsoren des Jüdischen Zentrums ist. Reuven Kuravski, Religionslehrer in einer jüdischen Schule, hat keine Probleme zu sagen, wem er seine Stimme gegeben hat. «Dmitri Medwedjew!» Warum? «Ich glaube, er wird den Kurs fortsetzen, der für unser Jüdisches Zentrum wichtig ist.» Das Zentrum sei in den letzten zehn Jahren aufgeblüht. «Von den anderen Kandidaten hätte ich nicht gewusst, was ich erwarten soll.» Kuravski, der mit seinem schwarzen Hut und seinem langen Bart ein potentielles Ziel von rechten Gewalttätern ist, hofft, dass die neue Regierung mehr zum Schutz von Juden unternimmt. In seinem Beisein sei ein Freund zusammengeschlagen worden. Die Täter säßen jetzt allerdings hinter Gittern. «Das russische Volk verhält sich gegenüber den Juden normal. Alles hängt davon ab, was die Regierung und das Fernsehen sagen. Wenn die dort sagen, dass wir alle freundschaftlich zusammenleben sollen, wird das auch auf den Straßen so sein.» |