Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Fatwa und Tohuwabohu beim «Salon du Livre à Paris»Israel als Ehrengast bei der französischen Buchmesse
Mit einem Paukenschlag begann die diesjährige französische Buchmesse. Kaum hatten die Ehrengäste, der französische Staatspräsident Nikolas Sarkozy und sein israelischer Amtskollege Shimon Peres die Halle betreten, stürzte unter Riesengetöse eine Dekorationswand in die Tiefe. «Tohuwabohu, wie bei den Juden schon im ersten Buch Mose...», war der trockene Kommentar eines Messegastes. Doch war keinem etwas passiert. Die Eröffnungsfeierlichkeit konnte wie geplant fortgesetzt werden. Schon lange vorher hatte das literarische Ereignis Frankreichs, der «Salon du Livre à Paris», seine Schatten vorausgeworfen: Boykott, Wut, Hass, Drohungen. Auf der anderen Seite Bemühungen um Beruhigung, Abwenden eines möglichen Chaos. Der Anlass? Zum 28. Mal eröffnete der«Salon» als Verkaufsmesse seine Pforten, in diesem Jahr mit dem Ehrengast Israel im Jahr des60. Geburtstages des Staates. Vierzig israelische Autoren waren von den Organisatoren der Messein Abstimmung mit der Kulturabteilung der israelischen Botschaft in Frankreich ausgesucht worden. Voraussetzung war die hebräische Erstveröffentlichung und eine schon vorhandene Übersetzung ihrer Werke ins Französische. Gefragt waren Romanciers, Jugendbuchschriftstellerund Cartoonisten, unter ihnen so bekannte Autoren wie Aaron Appelfeld, David Grossmann, Amir Gutfreund, Sayvon Liebrecht, Mira Maguen, Amos Oz, Zeruya Shalev, AvrahamB. Yehoshua. Der israelische Fotograf Daniel Mordzinski offerierte eine gesonderte Ausstellungseiner Werke im Rahmenprogramm. Steimantsky, die bekannte, in Israel mehrfach vertretene Buchhandlung, war mit einem eigenen Standvertreten und die große französische Buchhandlungskette«Gilbert & Joseph» verkaufte hauptsächlich zweisprachige Bücher. Israelische Literatur wird in Frankreich von großen wie kleinen Verlagen verlegt. Wie die Direktoren der großen Verlage betonten, reize die Leser die Vielfalt, der Facettenreichtum, die Originalität der Literatur. Seit 2001 gäbe es, so Rosie Pinhas-Delpuech, Direktorin für ausländische Literatur bei «Actes Sud», einen explosionsartigen Verkaufsanstieg israelischer Literatur in Frankreich, der die Buchlandschaft an sich ebenso verändert habe, wie die Stoffe selbst. Jean Mattern, verantwortlich für ausländische Literatur bei «Gallimard», meinte, es gebe bei anderen ausländischen Schriftstellern weitaus mehr Schwierigkeiten, diese an den französischen Leser zu bringen. Die gute Zusammenarbeit und der Erfolg dieser Literatur in Frankreich waren auch der Anlass, zwei Tage vor der Messe ein Kolloquium französischer und israelischer Verlagshäuser zu veranstalten. Man hatte dem Ehrengast Israel einen Pavillon innerhalb der Buchmessenhalle zur Verfügung gestellt. Buchhandlungen in Frankreichdekorierten ihre Schaufenster mit israelischer Literatur, Zeitungen brachten Extrabeilagen und CDs mit Lesungen israelischer Autoren, Fernsehsenderbeschäftigten sich mit ihnen. Plakate an Pariser Straßen und Bushaltestellen wiesen mit ihrem Motiv auf das Volk des Buches hin. Schon bei der Frankfurter Buchmesse 2007verkündete der Präsident der französischen Buchgesellschaft, Serge Eyrolles, voller Stolz, Israel werde im Jahr 2008 Ehrengast sein. Also alles Friede und Freude? Weit gefehlt! Schon Wochen vorher rief die arabische Welt zum Boykott der Messe auf. Die islamische Konferenz für Erziehung, Kultur und Wissenschaft untersagte den Vertretern ihrer gut fünfzig Mitgliedsländer, die Messe zu besuchen oder gar daran teilzunehmen, ebenso wie die Buchmesse im italienischen Turin Anfang Mai. Der Aufruf, oder besser: der Befehl, ging soweit, dass Schriftsteller des Jemen, das gar keinen Stand auf der französischen Messe hat, die Messe sogar als Privatbesucherboykottieren sollten. Einzelne Autoren aus Marokko und dem Libanon wollten trotzdem kommen, durften und konnten dies jedoch nicht unter dem Banner ihres Landes. Denn für viele arabisch publizierende Schriftsteller aus den arabischen Ländern ist das Ausland, ist Frankreich, die einzige Möglichkeit, ihre Bücher zu verkaufen, da sie oft in ihrem eigenem Land nicht vertrieben werden dürfen. Diesen Autoren wurden offen Repressalien seitens der Konferenz angedroht. Zum Wortführer hatte sich, wie schonhäufiger bei Demonstrationen und Auseinandersetzungen um Israel, der Islamologe Tariq Ramadan aufgeschwungen. Der selbsternannte«Sprecher der islamischen Welt», dessen Herkunft schon allein fragwürdig ist, der nicht in die Vereinigten Staaten einreisen darf, der keinen Lehrstuhl in den Niederlanden bekommt und der bereits wegen antisemitischer Äußerungen vor Gericht stand, der die Hamas und ihre Tatenunterstützt, der sich bei seinen hasserfüllten Aussagen von anderen diabolisiert fühlt, dieser Tariq Ramadan geißelte die Messeorganisation, ein Land zu ehren, das die Palästinenser ins Exil treibe, sie unterdrücke und morde, und das auch noch in seinem Jubiläumsjahr. Aber erwolle keinen Boykott, wie man es ihm unterstelle, wozu er aber aufgerufen hatte. Doch leider war Tariqs Stimme nicht die einzige: Führende palästinensische Autoren bezeichneten Israel als Henker. Alaa al-Aswani, ein auch in Frankreich sehr bekannter Bestsellerautor, der Israel der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt, wollte mit Photos von Kindern, die Opfer der israelischen Politik geworden seien, auf der Messe auf sie aufmerksam machen. Geschehen ist das indes nicht. Es gab aber auch arabische Autoren, die den Kampf gegen eine Kultur, gleich welchen Landes, grundsätzlich ablehnten, wie etwa Tahar Ben Jellon. Trotz der «Abschlachterei» der Menschen im Gazastreifen solle man den Dialog mit beiden Seiten suchen. Die Kritik, dass kein einziges Buch von arabischen Israelis in ihrer Muttersprache auf der Messe vorgestellt wurde, was anfangs noch heftig diskutiert und als Diskriminierung betrachtet worden war, war schnell im Sande verlaufen: Es seien auch keine russischsprachigen oder Bücher in jiddischer Sprache ausgewählt worden ebenfallsbedeutende Sprachgruppen im modernen Israel, wie die israelische Seite betonte. Doch nicht nur Araber riefen zum Boykott auf. Auch Vertreter des Gastlandes selbst, etwader Autor Aaron Shabtai und der Leiter des Literaturmagazins der israelischen Tageszeitung«Haaretz», Benny Ziffer, waren dabei. Die Ehrung eines Landes, das täglich Verbrechen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung verübe, sei im höchsten Grade zu verachten. Der Autor Ilan Pappe erklärte, dass er nicht auf eine Messe ginge, dessen Thema der Geburtstag Israels sei. Marek Halter, ein bekannter französisch jüdischer Schriftsteller, verurteilte indes die Boykottversuche mit dem Aufruf «Zu Hilfe, man verbrennt Bücher» auf das Heftigste. Er erinnerte an die Nazizeit, die Bücherverbrennungen und den Ausspruch Sigmund Freuds: «Nach der Bücherverbrennung sind es die Juden, die man verbrennt». So sei auch die Auslöschung der israelischen Literatur der erste Schritt zur Auslöschung des Staates Israel. Halter verurteilte besonders die italienischen Intellektuellen, darunter den Schriftsteller Dario Fo, «die sich zu Komplizeneiner solchen Schändlichkeit machen». Die Debatten pro und kontra Ehrengast Israelnahmen zu, spiegelten sich in allen Medien wider. Die Verschärfung der Boykottaufrufeerinnerte an den Meinungsterror anlässlich der Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen oder bei Absage der Aufführung einer Mozart-Oper in Berlin. Zum Tage der Eröffnung des «Salon du Livre» wurde dies wohl den Redakteuren und Journalisten der linksliberalen«Le Monde» zu bunt: Mit der Überschrift «Salonin Geiselhaft» bezichtigten sie die Boykotteure der Fatwa, die ausgerechnet von den Ländern ausginge, die «alles andere als Champions der Freiheit in Wort und Schrift» seien. Dieser Kampf gegen Geschriebenes sei die Waffe von Diktatoren. Auch sei es ein Paradox, da gerade jene Autoren eingeladen worden seien, die gegen die Palästina-Politik Israels wären. Daher seien sie die stärksten Anwälte für den Staat Israel. Die französische jüdische Wochenzeitung«Actualité Juive» betonte daher in einem Leitartikel, dass man die Länder an einer Hand abzählen könne, die «so tollkühn sind, sich so nackt zu präsentieren, wie Israel». Denn es seien beider Messe eine Mehrzahl von Autoren dabei, die unterstrichen hätten, dass sie zwischen den politischen und kulturellen Vertretern des Landes unterschieden haben wollen. Doch wie sich auch im Buch Bereschit schonim Vers 2 das Tohuwabohu, das Chaos, zur Ordnung wandelt, stellten sich auf der Messe trotz Drohungen und der so turbulenten Eröffnung schnell wieder Ruhe und Normalität ein. Kleine Demonstrationen an den darauffolgenden Tagen, von Vertretern einer internationalenzivilen Kampagne für den «Schutz» des palästinensischen Volkes, einer Splittergruppe der jüdischen Union Frankreichs, blieben friedlich. Flugblätter, die sie den Besucher in Massenanboten, wurden manchmal ganz ostentativ vor ihren Augen zerrissen. Am Hauptmessetag, dem Sonntagnachmittag, wurden zahlreiche Diskussionsforen angeboten. Viele israelische Autoren nahmen daran teil. Israelische Politik und Kultur gehörten zu den Hauptthemen. Im Ehrenpavillon konnte man sich wegen der vielen Menschen kaum noch bewegen. Das Interesse für diesen Staat und seine Kultur war groß. Ich hatte mich eben mit dem Schriftstellerund Historiker Saul Friedländer unterhalten, ob er Sorge wegen der arabischen Haltung habe, was er ganz entschieden von sich wies. Da ertönte die Ansage per Lautsprecher: Wegen eines technischen Problems sollte das Publikum die Halle verlassen. Nun geschah das, was fast an ein Wunder grenzt. Langsam und ruhig leerte sich der Pavillon, die Menschen verließen die Podien, alle Buchhändler rundherum deckten ihre Stände ab. Manche bedauerten, nicht doch noch dieses oder jenes Buch gekauft zu haben. Innerhalb kurzer Zeit war die siebentausend Quadratmeter große, vollbesetzte Halle ohne Panik und Geschreileer, auch dank der Ruhe und Gelassenheit von Polizei und Sicherheitsvertretern. Viele verließen das Gelände der Ausstellung, doch viele warteten mit aufgespannten Schirmen im Regen, rauchten die lang ersehnte Zigarette, schwatzten, tauschten ihre Bücher aus. Und dann kam «das Licht», verfolgt man das erste Buch der Juden, Bereschit, das erste Buch Mose, weiter: Nach eineinhalb Stunden wurden die Tore wieder geöffnet, es war glücklicherweise falscher Alarm. Der Versuch, Bücher und Menschen zu schädigen, die Drohung, hat nichts genützt. Die Besucher strömten wieder hinein, um noch die letzte Öffnungsstunde auszunutzen. Bis zum letzten Moment blieb der Pavillon Israels der meistbesuchte der Halle. Die Käufer standen Schlange. Die Bombendrohung wurde in den Medien kaum erwähnt und hat keinen Schatten auf die Messe und den Ehrengast geworfen. Was allerdings die Haltungen, Meinungen und Drohungen mancher Vertreter einiger arabischer Länder, der Boykotteure und der Islamkonferenz angeht, muss man erneut und ernsthaft die Frage stellen, ob sie jemals zu einem Frieden im Nahen Osten beitragen können und wollen. Bedauerlicherweise muss man sich auch über die Enthaltsamkeit der französischen Schriftstellerwundern: Bei ihnen herrschte absolute Stille!
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