Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «…und die Hakoah lebt!»Nach 70 Jahren kehrt der jüdische Sportverein in den Wiener Prater zurück
Ein angesehener Universitätsprofessor kämpfte mit den Tränen: Der groß gewachsene, sportliche Leistungsmediziner musste sich vor den 500 Ehrengästen, unter ihnen Österreichs Parlamentspräsidentin Barbara Prammer und Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, erst wieder sammeln. Es war ein großer Tag für den Hakoahner Paul Haber: Die neu erstandene, hochmoderne Anlage des traditionsreichen, jüdischen Sportvereins, trägt den Namen seines Vaters, Karl Haber. «Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat mein Vater versucht, das arisierte Areal für den Sportklub Hakoah wiederzubekommen, doch ohne Erfolg. Leider hat er den heutigen Freudentag nicht mehr erlebt.» Das war aber nur einer der Beweggründe für die Emotionalität des Präsidenten des Sportclubs Hakoah: «Wir haben diesen 11. März 2008 nicht zufällig als Datum für die Eröffnung des neuen Hakoah- Sportzentrums gewählt», erklärt der Sportarzt und ehemalige Wettschwimmer. «Vor 70 Jahren wurde der Verein von der SA zerschlagen. Aber das Dritte Reich ist untergegangen - und die Hakoah lebt!». Die «Blau-Weißen», wie die Hakoah-Sportler wegen ihres Dresses und ihres Symbols, dem blauen Davidstern auf weißem Grund, genannt werden, beziehen wieder Teile ihrer früheren Heimstatt.
Weltruf Doch bis zur feierlichen Eröffnung dieses modernen, lichtdurchfluteten «Karl Haber Sport-& Freizeitzentrums » auf einer Gesamtfläche von rund 20.000 Quadratmetern war es ein langer Weg. Gegründet wurde die Hakoah im Jahre 1909. Sie erhielt regen Zustrom, da damals rund 180.000 Juden in der Hauptstadt Österreichs lebten. Gleich zu Beginn entstand eine Leichtathletik- und Schwimmsektion, die sehr bald durch nationale und internationale Erfolge auf sich aufmerksam machte. Zum berühmtesten Aushängeschild wurden allerdings die erfolgreichen Hakoah-Fußballer: Sie errangen in der Saison 1924/25 den österreichischen Meistertitel. Zu einem der Höhepunkte in der Vereinsgeschichte zählt das Spiel gegen den Finalisten des englischen Football Association Challenge Cup - West Ham United. Nach einem Unentschieden in Wien besiegte die Hakoah im Rückspiel am 4. September 1923 die Gastgeber mit 5:0, was eine bis dato erstmalige Niederlage eines englischen Fußballklubs gegen ein europäisches Festlandteam bedeutete. In nahezu allen Disziplinen des Breiten- und Spitzensports waren Hakoahner ganz vorne mit dabei. Das galt für das Tischtennis-Team genauso wie für die Handballmannschaft. Die Tennissektion stellte beispielsweise eine österreichische Meisterin und Hakoah-Ringer Micky Hirschl errang 1932 zwei olympische Bronzemedaillen. Aber auch das Eishockeyteam gehörte zeitweilig zu den besten Mannschaften Wiens. In der Zwischenkriegszeit war die Hakoah mit rund 3.000 aktiven Sportlerinnen und Sportlern der mitgliederstärkste Sportverein der Welt.
Schönberg und Torberg Der Name des Vereins Hakoah, Hebräisch für «die Kraft», entwickelte sich zum Programm: Der Verein verkörperte auch das neue Selbstbewusstseins des liberalen Judentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So schrieb beispielsweise der Komponist Arnold Schönberg an den Verein: «Jahrhundertelang war Wissen unsere einzige Macht. Wenn wir jetzt wieder trachten, unseres Körpers mächtig zu werden - keine Angst. Von uns wird die Wissenschaft trotzdem nicht weichen.» Eines der bekanntesten Vereinsmitglieder war der Schriftsteller und begeisterte Wasserballer Friedrich Torberg. In seinem Buch «Die Mannschaft» setzte der überzeugte Hakoahner seiner Truppe ein literarisches Denkmal. Ursprünglich wollte er zum Fußballverein gehen, der Andrang war aber bereits 1921 so groß, dass keine Mitglieder mehr aufgenommen wurden. So landete der junge Autor schließlich bei der Schwimmsektion. In dem Essay «Warum ich stolz darauf bin» beschreibt Torberg eine heitere Episode, die zu einer der meisterzählten Anekdoten im Zusammenhang mit der Hakoah wurde: Die Anhänger von «Vorwärts 06» feuerten das Hakoah-Team bei einem Spiel lautstark an, weil nur deren Sieg ihren eigenen Klub vor dem Abstieg in die nächstniedrigere Liga retten konnte. Besonders ein an der Barriere lehnender «Vorwärts»-Anhänger schrie sich die Kehle heiser. Meist spornt man in so einer Situation den Spieler an, indem man seinen Namen ruft. Den kannte der Fan offensichtlich nicht. Daher brüllte er ständig «Hoppauf! Hoppauf! » - und dann kam ihm eine Erleuchtung: Sein nächster Zuruf lautete: «Hoppauf, Herr Jud!»
Langer Weg, harter Kampf Ein früher Arierparagraph brachte es auch mit sich, dass viele Sportler bei der Hakoah trainierten, weil sie es anderswo nicht mehr durften. Lange vor dem so genannten «Anschluss» waren Juden von der Mitgliedschaft in Sportvereinen ausgeschlossen. Am 12. März 1938, mit dem Einmarsch der Hitler- Truppen in Österreich, wurden die Sportstätten des Vereins von den Nazis beschlagnahmt, der Name Hakoah getilgt, alle sportlichen Leistungen für ungültig erklärt. Schon als drei Klasseschwimmerinnen zu den Olympischen Spielen 1936 nach Berlin geladen waren, aber sich weigerten, mit dem Hitlergruß ins Stadion einzumarschieren, wurden ihnen alle Titel aberkannt. Viele Sportler flohen ins Ausland, andere wurden deportiert und ermordet. Jene, die sich retten konnten, fungierten in ihren neuen Heimatländern oft auch als Pioniere für Sportarten, die in diesen Staaten erst im Anfangsstadium standen. Nur wenige Hakoahner hatten Krieg und Verfolgung überlebt. Sie gründeten den Verein neu oder trainierten bei anderen Sportvereinen mit. Unmittelbar nach 1945 hat vor allem Karl Haber versucht, den Platz wieder zurückzubekommen. «Doch alles war vergeblich», weiß auch Architekt Thomas Feiger, der allein seit 1994 insgesamt für sieben Standorte Baupläne erarbeitet hatte. Erst im so genannten «Washingtoner Abkommen» von 2001, in dem Restitution und Entschädigung für jüdisches Eigentum auf internationalen Druck hin geregelt wurden, konnte die teilweise Rückgabe des ehemaligen Geländes des jüdischen Sportvereins festgeschrieben werden.
70.000 Tonnen Schutt «Der Sportclub Hakoah hat nur ein Drittel des ursprünglichen Platzes zurückerhalten», weiß Architekt Feiger, der nicht nur für die Planung und Errichtung des Sportzentrums verantwortlich zeichnet, sondern auch im Herbst 2008 die angrenzende Schule ihrer Bestimmung übergeben kann. Der Grundstein für ein jüdisches Elternheim wurde Ende letzten Jahres gelegt. «Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man auf diesem Gelände einfach Schutt abgeladen und vieles davon war schwer kontaminiert. Insgesamt mussten wir 70.000 Tonnen Schutt entsorgen.» Wenn man die helle, großzügige, mit viel Sicherheitsglas ausgestattete klimatisierte Mehrzweckhalle betritt, kann man sich das nicht mehr vorstellen. In den letzten 18 Monaten wurde eifrig gebaut, nachdem sich die Stadt Wien und der Bund die Kosten von 7,2 Millionen Euro geteilt hatten. «Die neue Dreifachhalle eignet sich für beinahe alle Indoor- Sportarten und verfügt über eine Zuschauertribüne für mehr als 300 Personen», erzählt Feiger. Da man die Hallen dritteln und auch akustisch trennen kann, sind die einzelnen Bereiche sowohl für Tischtennis als auch für Landhockey tauglich.
Offen für alle
Ronald Gelbard, Geschäftsführer des neuen «Karl Haber Sport &-Freizeitzentrums», ist stolz auf die Philosophie des Vereins: «Ins Zentrum kann sich jeder einschreiben, er muss dazu nicht Mitglied der Hakoah werden, wir sind ein offener Verein. Jeder Sportbegeisterte ist hier willkommen: Ich habe sogar einen Bogenschützenverein, der bei mir schon angefragt hat», berichtet Gelbard. 300 zahlende Mitglieder gab es bereits vor der Eröffnung. Auf einer «Wall of Fame» im Eingangsbereich werden namentlich jene Spender gewürdigt, die bereits zur Wiederentstehung beigetragen haben. «Es gibt noch viel Platz für Namenstafeln», lacht Gelbard. So ungezwungen und gemütlich wie in einem Countryclub soll es in Zukunft hier zugehen, wünscht sich der Projektleiter. Obwohl die sportliche Ertüchtigung auch hier an erster Stelle steht, erhofft man sich doch eine familiäre Atmosphäre, in der auch für Gerätetraining und Wellness ausreichend Raum geschaffen wurde. Ein koscheres Restaurant soll einen längeren Aufenthalt durch ein reichhaltiges, kulinarisches Angebot schmackhaft machen. Natürlich kommen auch die Outdoor- Sportarten im 14.000 Quadratmeter großen Außenbereich mit Schwimmbad, Tennis sowie einem Beachvolleyballplatz nicht zu kurz.
An Erfolge anknüpfen Um dem Schwimmsport innerhalb der Hakoah wieder neuen Glanz zu verleihen, konnte Österreichs erfolgreichster Schwimmstar als Förderer gewonnen werden: Markus Rogan, der bereits olympisches Silber und europäisches Gold nach Hause brachte, engagiert sich bereits seit zwei Jahren für die Hakoah. «Ich bemühe mich noch immer um einen Sponsor für ein 25-Meter-Becken im Innenbereich, weil wir in Wien zu wenig Trainings-Wettkampfstätten haben. Meine kleine Schwester trainiert schon bei Hakoah, aber derzeit gibt es nur ein 12,5-Meter- Becken im Freien», erklärt der Spitzensportler. «Die größten Schwimmer der Geschichte waren meist jüdischer Abstammung. Der Sport hat hier eine lange Tradition, an die wir jetzt unbedingt anknüpfen wollen», resümiert Rogan. |