Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Das Geschäft mit dem LeidDie Jüdische Gemeinde zu Berlin will mit toten Juden Geld machen
An unsere Redaktion wandte sich Frau Fira Gimpel in einer für sie sehr tragischen Zeit: Vor kurzem ist ihr Sohn gestorben. Erst 39 Jahre alt, ein unvorstellbarer Tod. Frau Gimpel lebt seit April 1975 in Berlin. Sie richtete an die Jüdische Gemeinde die Bitte, ihr bei der Begräbnisorganisation zu helfen. Wir zitieren: «Ich kam zum jüdischen Friedhof in der Heerstraße in Berlin. Warum gerade dort? Weil dort alle meine Familienangehörigen ruhen: Meine Mutter, mein Vater, mein Onkel, meine Tante. Selbstverständlich wollte ich, dass mein Sohn bei seinen Großeltern begraben wird, die ihn großgezogen haben. Als mein Schenja und ich nach Deutschland kamen, war er sechs Jahre alt und ich war alleinerziehende Mutter. Es waren zum größten Teil meine Eltern, die in dieser für mich sehr schweren Zeit meinen Sohn gepflegt und großgezogen gaben. Der Direktor des Friedhofes, Herr Sutulin, Landsmann von mir, der wie ich aus Tschernowitz kommt, sagte zu mir: „Fira, mir sind die Hände gebunden, Du musst zur Gemeinde gehen!" In meiner Anwesenheit rief er Frau Wolodarskaja aus der Kultusabteilung an, erzählte ihr mein Leid und bat sie, mir zu helfen. Die ersten Worte der Gemeindemitarbeiterin waren: „Sie wird doppelt zahlen!". Wir fuhren in die Gemeindeverwaltung, dort wurde mir erklärt, dass es zum einen gar keine Möglichkeit gäbe, ein Nichtmitglied der Gemeinde auf dem Friedhof Heerstraße zu begraben, nur auf dem Friedhof in Weißensee. Zum anderen dürfen sie von mir einen Zuschlag bis hin zu eintausend Prozent von der Summe verlangen, die normalerweise Verwandte der Gemeindemitglieder zahlen müssen. Mein Sohn war übrigens eine Zeit lang auch Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, aber wegen den unangemessenen finanziellen Forderungen der Gemeinde - ich erinnere mich ganz gut, wie mir gesagt wurde: „Ihr Sohn ist Masseur. Alle Masseure verdienen sehr gut" - sah er sich gezwungen, auf die Mitgliedschaft zu verzichten. Frau Wolodarskaja erklärte, die Gemeinde sei in Anbetracht meines Leids bereit, von mir „nur" zweihundert Prozent der Kosten zu nehmen. Als es dann um den Kostenvoranschlag für das Begräbnis ging, hat sie immer wieder betont: „Der Sarg kostet so und soviel, Sie werden das Doppelte zahlen. Das Grabgesteck kostet so und so viel, Sie werden das Doppelte zahlen...". Dann wurde mir gesagt, dass ich gleich am nächsten Tag einen Vorschuss bringen soll, denn ohne Geld würde mit mir überhaupt keiner sprechen! Ich sagte: „Gut! Reichen 2.500 Euro?" Da fiel Frau Lahn in das Gespräch ein, die Vorgesetzte von Frau Wolodarskaja. Sie erklärte, wir müssten sofort mindestens 5.000 Euro bezahlen. Die Frage des Begräbnisses auf dem Friedhof in der Heerstraße könnten nur die Vorstandsvorsitzende, Frau Lala Süsskind, oder der Kultusdezernent, Herr Benno Bleiberg beantworten. Telefonisch erklärte mir Herr Bleiberg, dass von einer Beisetzung auf dem Friedhof Heerstraße gar keine Rede sein könne. Am nächsten Tag fuhren wir wieder in die Gemeinde. Diesmal kam mit uns der angesehene Rabbiner Ehrenberg mit, der versprach, unser Gesuch zu unterstützen. Es gelang uns, einen Termin bei Frau Süsskind zu bekommen. Ich hatte ich den Eindruck, dass Frau Süsskind meine Argumentation überzeugt hatte: „Warten Sie noch ein wenig mit der Beisetzung, ich werde diese Frage mit dem Vorstand klären". Sie bat Herrn Bleiberg, Frau Lahn und Frau Wolodarskaja zu sich. Da erklärte Bleiberg mit aller Entschiedenheit, dass mein Sohn nicht auf dem Friedhof Heerstraße beigesetzt werden könne. Ich flehte ihn an, kniete vor ihm, schrie, weinte. Sie werden es nicht glauben: Es kamen mehrere Gemeindemitarbeiter hinzu. In der Nähe stand ein großer Kerl aus dem Sicherheitsdienst: Er hörte unserem Gespräch zu und weinte! Auch Rabbiner Ehrenberg versuchte Herrn Bleiberg umzustimmen, doch der erklärte: „Wenn es Ihnen so wichtig ist, dass alle Ihre Verwandten zusammenliegen, dann können Sie sie zum Friedhof Weißensee überführen". Es gab mehrere Zeugen, die diesen Vorfall beobachtet haben. Meine Freunde sammelten die 5.000 Euro und ich trug das Geld zur Gemeinde. Wir sagten, dass, obwohl mein Sohn kein Mitglied der Gemeinde gewesen sei, wir das Geld für die Bedürfnisse der Kinder spenden wollten. Herr Bleiberg dazu: „Ob Sie spenden oder nicht spenden, Ihr Problem wird dadurch nicht gelöst" und fügte hinzu, wenn er für mich eine Ausnahme machen würde, dann werden morgen mit der gleichen Bitte Hunderte zu ihm kommen. Dabei weiß ich ganz genau, dass auf dem Friedhof Heerstraße nicht nur Nichtmitglieder der Gemeinde beigesetzt wurden und immer noch werden, sondern auch Menschen, die mit dem Judentum gar nichts zu tun hatten. Mich hat in dieser Situation mehr noch das Verhalten von Frau Süsskind überrascht. Sie zuckte kleinlaut mit den Schultern und sagte, dass sie nichts mehr für mich tun könne. Ist denn in unseren Gemeinde Herr Bleiberg der Chef, wenn die Vorstandsvorsitzende eine Frage, wenn auch nicht die einfachste, nicht selbständig lösen kann? Wozu brauchen wir überhaupt so eine Gemeinde, in der in einem der tragischsten Momente im Leben eines Menschen nur über Geld geredet wird - und was kann für eine Mutter noch schlimmer sein, als ihren Sohn zu Grabe zu tragen?» Unsere Redaktion wandte sich an die Kultusabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit der Bitte, Stellung zu dieser Situation zu nehmen und uns zu erklären, ob es eine Verordnung gebe, die besagt, dass auf dem Friedhof Heerstraße/Scholzplatz nur Gemeindemitglieder beigesetzt werden können und ob es zutreffe, dass Nichtgemeindemitglieder für ein Begräbnis bis zu eintausend Prozent mehr auf dem Friedhof Weißensee zahlen müssen als Mitglieder. Die Antwort, die von dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzendem der Gemeinde und Kultusdezernenten, Herrn Benno Bleiberg, unterschrieben worden ist, kam bereits am nächsten Tag und wird hier gering gekürzt wiedergegeben: «Ihre Anfrage, ob eine Verordnung oder ein Beschluss existiert, der nur Gemeindemitgliedern die Beisetzung auf dem Friedhof Scholzplatz ermöglicht, kann mit ja beantwortet werden. Die Repräsentantenversammlung hat auf ihrer Sitzung vom 15.12.2004 den entsprechenden Beschluss gefasst. Fast 90 % der Angehörigen von Verstorbenen wollten die Beisetzung ausschließlich auf dem Friedhof Scholzplatz durchführen. Der Friedhof Scholzplatz ist äußerst begrenzt und wird aller Voraussicht nach noch in dieser Legislaturperiode gefüllt sein, so dass nur noch nicht belegte Doppelgrabstellen für Ehepartner zur Verfügung stehen werden. Da es in Berlin doppelt so viele jüdische Bewohner wie Gemeindemitglieder gibt, wäre es wahrscheinlich, dass schon in der vorangegangenen Legislaturperiode Gemeindemitglieder nicht mehr auf dem Scholzplatz beerdigt werden konnten. Dieses Wahlrecht sollte aber, soweit es geht, Gemeindemitgliedern erhalten bleiben, zumal dadurch sichergestellt werden kann, dass Familien von Gemeindemitgliedern auf einem Friedhof beerdigt werden können. Dies war und ist eine politisch gewollte Privilegierung der Mitgliedschaft innerhalb der Jüdischen Gemeinde. Bei der Familie Gimpel stellte es sich so dar, dass die Großeltern, die auf dem Scholzplatz beerdigt wurden, sehr wohl Mitglieder der Jüdischen Gemeinde waren, die übrigen Familienmitglieder jedoch ausgetreten sind. Damit haben sie sowohl auf die Mitgliedschaft als auch auf das Wahlrecht verzichtet. Zutreffend ist, dass halachisch keine Einwände bestehen würden, auch jüdische Bürger, die nicht Mitglieder der Jüdischen Gemeinde sind, auf dem Friedhof Scholzplatz zu beerdigen. Es existiert sogar ein Sonderfeld auf diesem Friedhof, das ermöglicht, nichtjüdische Ehegatten neben ihren jüdischen Ehegatten zu beerdigen. Zu Ihrer zweiten Frage der Gebühren ist auszuführen, dass die Friedhofsordnung in der Fassung vom 13.10.1999 in § 38 den jeweiligen Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ermächtigt, eine Gebührenordnung zu erlassen. Dort ist ein Zuschlag der anfallenden Friedhofsgebühren wegen Nichtmitgliedschaft von 100 % bis 1.000% enthalten. Hintergrund dieser Regelung ist, dass der Kultusverwaltung ein Ermessen eingeräumt wird, wenn jüdische Bürger, die nicht Mitglieder der Gemeinde sind, nun ihre ewige Ruhestätte auf einem jüdischen Friedhof suchen, zumindest das der Gemeinde zufließen soll, was durch ihre Nichtmitgliedschaft in den letzten 10 Jahren an eingesparter Gemeindesteuer der Jüdischen Gemeinde verweigert wurde. Ich mache darauf aufmerksam, dass diese oder ähnliche Regelungen in allen traditionellen Gemeinden (München, Frankfurt, Düsseldorf) zu finden sind, wobei bei diesen Gemeinden durchaus ein Pauschalbetrag für jüdische Nichtmitglieder der Gemeinde [von] bis zu 20.000 Euro erhoben wird, unabhängig von ihrem Status und ersparter Gemeindesteuer. » Somit ist das Verhalten Bleibergs juristisch einwandfrei. Natürlich ist auch der Wunsch des Gemeindevorstandes verständlich, das entgangene Steuergeld wenigstens einem toten Juden abzuknöpfen - das schrieb der Kultusdezernent fast in gleichem Wortlaut. Man sollte doch glauben, alles sei klar und es gäbe keine weiteren Fragen. Aber es blieben Fragen offen! Ist die Jüdische Gemeinde ein Bestattungsunternehmen, das aus dem Leid anderer Kapital schlagen darf? Solche Fragen lösen sich selbst dann nicht auf, wenn man vom moralischen Aspekt einmal absieht. Man hätte sich schweren Herzens mit der Antwort Bleibergs einverstanden erklären können, würden die Friedhöfe mit Gemeindemitteln finanziert werden. Aber im Grunde genommen werden sie durch deutsche Steuerzahler finanziert, also auch von Herrn Gimpel. Der brachte der Gemeinde, wenn auch indirekt durch staatliche Steuern, mehr ein als manch anderes arbeitsloses Gemeindemitglied. Unser Artikel wird Fira Gimpel leider nicht mehr helfen können! Aber ihre Geschichte sowie die Reaktion des neugewählten Gemeindevorstandes bestätigt zum wiederholten Male, dass nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse die Wahlparolen vergessen sind. Für die Führungspersönlichkeiten ist es viel einfacher, sich vor einem gewöhnlichen Juden durch Verordnungen zu verbarrikadieren, als das Problem menschlich zu lösen. Rüpelei war und bleibt auch die Art und Weise, mit der die Mitarbeiter der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit ihren Stammesbrüdern kommunizieren - sowohl unter dem vorigen Vorstand als auch unter dem jetzigen. |