Immer der Nase nach

Das Jüdische Museum Berlin zeigt Klischees von «Juden und anderen». Aber was will es uns damit sagen?

 

 Foto:JMB

Die Sammlung ist beeindruckend: Porzellanteller, Bierkrüge und bösartigste Karikaturen, auf denen - durch stereotype Darstellungen deutlich als solche erkennbar - hässliche Juden Geld zählen, mauscheln oder streiten. Und natürlich immer wieder Spazierstöcke, deren Knäufe sich bestens dafür eignen, mit langen, gebogenen Nasen das stereotype Judenbild schlechthin darzustellen. Die Ausstellung «Antijüdischer Nippes und populäre „Judenbilder" », in der von Oktober 2005 bis Februar 2006 das Jüdische Museum Hohenems die «Sammlung Finkelstein» zeigte, überzeugte allein durch die unglaubliche Bandbreite ihrer Exponate. Gemäß dem Postulat, dass eine Ausstellung zum Nachdenken anregen soll, am besten, indem sie den Besucher verstört, war hier eine gelungene Ausstellung zu sehen. Wer die von einem Jahrmarktstand stammende, annähernd zwei Meter hohe Zielscheibe mit ihren Blechfiguren betrachtete, musste zwangsläufig die Fassung verlieren. Traf der Schütze ins Schwarze, direkt neben den Kopf eines unverkennbar «jüdisch » aussehenden Mannes, fing auf der rechten Seite des Bildes ein Hund an, den Juden zu attackieren und auf der linken wurde dieser auch noch von einem Jungen in den Hintern getreten. Die Exponate der «Sammlung Finkelstein» illustrierten also, wie einfallsreich und perfide Judenfeindschaft und Antisemitismus in den vergangenen Jahrhunderten waren und demonstrierte zugleich, wie das Beispiel der Zielscheibe zeigt, auch die herrschende Bereitschaft zur Gewalt. Die gezeigten Objekte zerstörten die aus der musealen Umgebung gewohnte Zweisamkeit von Objekt und Betrachter. Die Anziehung der Objekte bestand im Ekel, der von ihnen ausging.

Das Jüdische Museum Berlin nun zeigt derzeit die Ausstellung «typisch! Klischees von Juden und anderen». Schon Wochen vor der Eröffnung wurde die gesamte Hauptstadt von Plakaten geschmückt, die für die Schau werben sollten. Und die Plakate waren gut. Obgleich nur mit wenigen Strichen gezeichnet, wurde auf weißem Hintergrund durch die Verwendung gängiger Klischees sofort erkennbar, was dargestellt werden sollte. Ein Jude (Hut, große Nase, Schläfenlocken), eine japanische Frau (Schlitzaugen, typische Frisur, kleiner Mund) und ein Deutscher (Gamsbarthut, Schnauzbart). Moment, - der Deutsche ist ja einer aus Bayern - ... womit wir allgemein verständlich bei der verhängnisvollen Verkettung von Kategorisierung - Vorurteil - Klischee/ Stereotyp und Feindbild wären. Die Ausstellung selbst - vielleicht hätte schon die großangelegte Werbekampagne stutzig machen sollen - geht leider sehr viel unverständlicher und langweiliger vor. Vor allem, weil sie eine Vielzahl an Objekten präsentiert, wie sie auch in Hohenems hätten gezeigt werden können. Das ist nicht verwunderlich, da hier in Berlin mit der Schlaff-Sammlung eine Art Zwillingskollektion der Sammlung Finkelstein präsentiert wurde. Anders als bei der Ausstellung «Macht der Bilder» des Jüdischen Museums Wien aus dem Jahr 1995, die ebenfalls die Schlaff-Sammlung als Grundlage hatte und deren wegweisender Katalog bis heute ein Standardwerk über antisemitische Vorurteile und Mythen ist, konzentriert sich die aktuelle Berliner Ausstellung jedoch nicht auf Abbildungen judenfeindlicher Stereotypen der Vergangenheit.

Was sie stattdessen zeigen möchte, ist allerdings nur schwer erkennbar. Das Thema jedenfalls böte eine Vielzahl von Ansätzen. Neben einer längst überfälligen Darstellung, wie klassische judenfeindliche Klischees in die Gegenwart transformiert werden, hätte die Ausstellung auch dazu dienen können, einmal Gemeinsamkeiten und vor allem Unterschiede von Klischees von «Juden und anderen» zu beleuchten. Hier jedoch verharrten die Ausstellungsmacher in Unentschlossenheit. Weder konnten sie sich wirklich dazu entscheiden, ob dies nun eine Ausstellung über Klischees von Juden bzw. jüdische Klischees ist oder nicht noch, ob sie nun historisch oder gegenwärtig arbeiten wollen. Sehen wir nicht täglich in den Nachrichten, wie tradierte Judenbilder neu verpackt ins Wohnzimmer flimmern, wenn reiche Juden überall auf der Welt wieder einmal für Unfrieden sorgen? Vermuten wir nicht bei jedem, der irgendwie so aussieht, als könne er aus der arabischen Welt kommen, einen Sprengstoffgürtel unter dem Mantel, selbst wenn sich die verdächtige Wölbung bei näherem Betrachten am Ende meist als urdeutscher Bierbauch entpuppt? Aber statt gängige Klischees aufzunehmen und vorzuführen, dass ausnahmslos jeder in gewissem Maße für diese anfällig ist, irrlichtert die Ausstellung umher und zeigt Bilder, wie sich der Schauspieler Maurice Schwartz in den Shylock verwandelt. Das ist interessant. Mehr aber auch nicht. Zumal die als Synthese der Triptychen fungierenden Kunstwerke durchweg harmlos wirken. Es gab schon Ausstellungen, bei denen aufregendere «typisch jüdische» Körperteile aus der Wand ragten als Dennis Kardons «Jewish Noses». Ein anderer Weg, den die Ausstellung hätte beschreiten können, wäre gewesen, einmal den komplexen Vorgang zu beschreiben, wie es zu Vorurteilen und Klischees überhaupt erst kommt. Doch auch der Zusammenhang von der wahrnehmungspsychologisch notwenigen Einteilung der Welt in Kategorien und den daraus entstehenden Stereotypen und Vorurteilen, die dann die Grundlage für die Erschaffung von Feindbildern liefern, bleibt im Dunkeln. Dass ein Gros dieses Mechanismus andererseits stets auch die Grundlage für das «Wirgefühl» einer Gruppe ist, wird in der Ausstellung zwar angesprochen, jedoch ebenfalls nicht wirklich transparent.

Und deshalb bleibt am Ende der Ausstellung nicht viel mehr als die Erkenntnis, dass es Klischees von Juden und anderen gab und gibt. Und dass es immer wieder Künstler gab und gibt, die diese Klischees halbherzig aufbrechen möchten. Wer hätte das gedacht. Wer aus der Ausstellung etwas für sich und andere mitnehmen will, wird 24,90 Euro für den Katalog ausgeben müssen.


Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», April 2008