Nivea, Levi’s und Albert Einstein im Gepäck

Das Jüdische Museum Berlin besucht Schüler in allen Bundesländern

 

Schüler der Walter-Gropius-Schule. Foto: JMB

Ein silberfarbener Kleinbus parkt vor demSchulgebäude. Große, von schwarzem Molton umhüllte Pakete werden von jungen Leuten aus dem Bus in die Schule getragen. Einige Schüler bleiben stehen und schauen neugierig zu, andere nehmen keine Notiz davon. Noch schlaftrunken trotten sie in ihre Klassenräume zur ersten Stunde.

In der ersten großen Pause hat sich der Eingangsbereich der Schule in einen Ausstellungsraum verwandelt. Fünf große, rote Würfel sind aus den schwarzen Paketen herausgeschält worden. In jedem Würfel sind vier Vitrinen integriert. In der einen gibt es Levi's-Jeans neben Nivea-Creme und einem Bild von Albert Einstein. In einer anderen sieht man einen Chanukka-Leuchter und einen Dreidel, jenen traditionellen Würfel, den jüdische Kinder während des Lichterfests drehen lassen. Und schon werden die Würfel von einem jungen Mann flugs auf den Kopf gestellt. Kleine Texte sowie Bilder zum Thema jüdische Religion, Exil und jüdisches Leben heute kommen zum Vorschein.

Umringt von Schülern versuchen Julia Heisig und Jan Martin Ogiermann vom Jüdischen Museum Berlin, sich das Rederecht zu erobern. Sie sind zwei Guides der 12-köpfigen Projektgruppe, die seit Sommer 2007 durch die Bundesländer tourt, um mit dem Projekt «on.tour - das JMB macht Schule » Schülern Einblicke in die jüdische Geschichte und Lebenswelt zu vermitteln. Dahinter steht die Idee, das Museum so vielen Schülern wie möglich näherzubringen, die Arbeit des Museums vorzustellen und vor allem die Besuchergruppen einzubinden, die bisher unterrepräsentiert waren. Dazu gehören, wie die Projektleiterin Ivana Scharf erklärt, gerade viele Real- und Gesamtschulen, da das Berliner Museum meist nur von Gymnasialklassen besucht wird. Von Ausstellungsdesignern in Zusammenarbeit mit der pädagogischen Abteilung des Museums wurde das Konzept einer transportablen Ausstellung entwickelt. Aufgenommen wurden dabei Segmente und Exponate aus der Dauerausstellung in Berlin. Und auch im Grundriss der Würfel scheint das Berliner Museum hervor: schiebt man die Würfel zusammen, ergibt sich die zickzackartige Struktur des Libeskind-Baus. Mit der inhaltlichen und formalen Konzeption wird so für die Schüler ein Wiedererkennungseffekt hergestellt, falls sie doch mal für einen Museumsbesuch nach Berlin aufbrechen.

«Haben das alles Juden erfunden?» Ungläubig steht ein 14-jähriger Junge vor der Vitrine, in der eine blaue Dose Nivea-Creme und eine Packung Fromm-Kondome liegt. «Die sind damit bestimmt reich geworden», wirft ein Mädchen ein. Und damit scheint der Damm gebrochen. Unzählige Fragen sprudeln aus den Schülern hervor, so dass die beiden Guides kaum mit der Beantwortung hinterherkommen. Stereotype Vorstellungen vom «reichen Juden» kommen dabei ebenso vor, wie Fragen nach der jüdischen Religion. Mittlerweile haben einige Schüler auf den Vitrinen Platz genommen - auch diese Funktion haben die Ausstellungsdesigner bedacht. Mit den Fragen der Schüler im Hinterkopf geben die Guides einen kurzen Abriss der jüdischen-deutschen Geschichte, vom Mittelalter über die jüdische Aufklärung, den Nationalsozialismus bis heute. Gleichzeitig erfahren die Schüler, dass die offensichtlichen Erfolgsgeschichten der Erfinder von Nivea-Creme und des nahtlosen Gummi-Kondoms keine waren. Sie wurden von den Nationalsozialisten enteignet und vertrieben. Am nächsten Würfel werden die wichtigsten Gebote der jüdischen Religion vermittelt, ein wichtiger Schwerpunkt der transportabeln Ausstellung. Besonders interessiert sind die Schüler an den Feiertagen: was ist Pessach und warum spricht man bei Chanukka vom «jüdischen Weihnachten»? Das geplante Konzept der Vermittlung scheint zu funktionieren. Im direkten Gespräch mit den Guides, die die Schüler sehr aufmerksam wahrnehmen, wird bei vielen ein Interesse für die jüdische Religion und Geschichte entfacht. Dabei ist es gerade der unmittelbare Kontakt und das Spielerische der Ausstellungsgestaltung, was das Konzept zu einem überzeugenden macht. Und einmal mehr wird deutlich, was das Eingehen auf Fragen und das Sprechen über Themen bewirken kann - Interesse und Aufmerksamkeit auch bei denen zu wecken, die anfangs noch gelangweilt das Ende der Ausstellungsvorstellung ersehnten.

Nicht ganz so einfach gestaltet sich der Workshop von Jasmin Bruck ein paar Räume weiter. Unter dem Thema «So einfach war das» sollen die Schüler einer neunten Klasse jüdischer Kindheit und Jugend nach 1945 in Deutschland nachspüren. In sechs Lebensgeschichten erzählen bekannte und unbekannte, gläubige und weniger gläubige Juden von unterschiedlichen Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten. Die Langeweile in den Gesichtern der Schüler verschwindet zwar als sie iPods erhalten, um sich mit einer Lebensgeschichte in Gruppenarbeit zu beschäftigen, sie kehrt allerdings zurück als es an die Vorstellung dieser geht. Selbst die Biografie der Musikerin Ekaterina Kaufmann, Sängerin der Band «Die Elfen» und vom Alter her den Schülern am nächsten, scheint kaum jemanden zu beeindrucken. Reichen iPod und Fotos nicht aus, um einen Zugang zu ermöglichen? Hier scheint es eher eine Bespielung der Schüler zu sein, als ein gemeinsames Gespräch.

Allein 2007 hat das Jüdische Museum so 6.500 Kilometer zurückgelegt, 24 Schulen in fünf Bundesländern besucht und dabei mit 3.700 Schülern in Workshops und der Ausstellung gearbeitet. Seit Januar 2008 ist der Bus wieder unterwegs und wird bis Oktober dieses Jahres unter anderem die Bundesländer Sachsen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt besuchen. Nicht immer ist das Team willkommen, auch unliebsame Begegnungen passieren. Diese zeigen, dass ein unterschwelliger, aber auch verbal geäußerter Antisemitismus in Deutschland vorhanden ist, der als Seismograph der gesellschaftlichen Situation wahrgenommen werden muss. Gerade deshalb ist die Arbeit dieses Projektes so wichtig. Denn es übernimmt nicht allein eine pädagogische und geschichtliche Funktion, indem es deutsch-jüdische Geschichte vermittelt, sondern es reagiert unmittelbar auf gesellschaftliche Entwicklungen an den jeweiligen Orten, gerade durch die fachliche Kompetenz der Guides.

 

Unter www.juedisches-museum-berlin.de können sich Schulen für das Projekt anmelden.

 

Ulrike Schneider

«Jüdische Zeitung», April 2008