Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ein ganzes Leben in RomanenDie Werkausgabe von Edgar Hilsenrath ist abgeschlossen. Im April wurde der Schriftsteller 82 Jahre alt
Seiner Wohnung nach zu urteilen ist Edgar Hilsenrath eine bescheidene Person. Im Berliner Stadteil Friedenau bewohnt der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller neben Bad und Küche zwei kleine Zimmer. Es gibt nichts, was in seinem Mini-Wohnzimmer weiter auffallen würde - bis auf die Schreibmaschine. Die alte Grandma steht auf einem kleinen Tisch in der Ecke des Raumes. Auf ihr hat Hilsenrath angeblich alle seine Bücher geschrieben. Seine zehnbändige Werkausgabe hat der Dittrich- Verlag soeben abgeschlossen. Was sich auch schon in seinen Büchern in der direkten Art zu Schreiben und seiner teilweise expliziten Sprache andeutet, bestätigt sich im Gespräch mit dem am 2. April 82 Jahre alt gewordenen Autor: Er macht nicht viel Aufhebens um seine eigene Person. Mit seiner Baskenmütze auf dem Kopf sitzt Hilsenrath versunken in seiner schwarzen Couch und beantwortet knapp die ihm gestellten Fragen. Der ganz große Erfolg als Schriftsteller ist Edgar Hilsenrath bisher versagt geblieben. Zwar häufen sich seit dem 1989 verliehenen Alfred-Döblin-Preis die Auszeichnungen und Ehren. Die Verkaufszahlen gehen in die Millionen, und dennoch, er wird nicht in einem Atemzug mit Martin Walser oder Günther Grass genannt. Trotzdem stehen seine gesammelten Werke heute in den öffentlichen Bibliotheken. Dass es dazu kommen würde, das hätte wohl zu Anfang seiner Karriere nicht einmal Hilsenrath selbst vermutet. Während Grass in seinem Erfolgsroman «Die Blechtrommel» mit Oskar Matzerath ein an allen Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges unbeteiligtes Kind entwarf, ist der Protagonist Ranek von Hilsenraths Erstlingswerk «Nacht» ein um das Überleben kämpfender Ghetto-Jude, der beinah alles dafür tun würde, weiterzuleben. Dazu zählt auch, im Sterben Liegenden die Schuhe zu nehmen und sich um ein Löffel Suppe zu prügeln. Zu viel Ehrlichkeit für die 60er Jahre in Deutschland: Wenn schon jemand die Schoa überlebt, dann doch bitte gesittet und pietätsvoll. «Nacht» fand lange Zeit keinen Verleger. Als das Buch endlich im Kindler-Verlag unterkam, bemühte sich das Haus redlich um seinen Misserfolg. Der «Kindler»-Lektor und KZ-Überlebende Ernest Landau opponierte gegen den Roman und tat einiges für sein Scheitern. Er befürchtete, es könnte für weiteren Antisemitismus in Deutschland sorgen. Ähnliches spielte sich mit Hilsenraths groteskem Roman «Der Nazi und der Frisör» ab, mit dem Hilsenrath weltberühmt wurde. Über 60 Ablehnungen von deutschen Verlagen handelte sich das Buch ein, bis es schließlich im winzigen H.-Braun- Verlag erschien. Und dass, obwohl die zuerst erschienene Übersetzung in den USA bereits gute Verkaufszahlen aufwies. Auch für dieses Buch scheint für die Verleger in Deutschland gegolten zu haben: So darf man nicht über den Holocaust schreiben. Dass sich das Buch dennoch durchsetzte, liegt neben dem Geschick des Verlegers Helmut Braun an der einmaligen Qualität des Romans. Der Massenmörder Max Schulz tötet als SS-Mann seinen ehemals besten Freund, nimmt später dessen jüdische Identität an und wandert als überzeugter Zionist nach dem Krieg nach Israel aus. Es ist aber mehr als bloß eine Satire über einen Henker; unter der Decke der maßlosen und komischen Übertreibungen scheint an manchen Textstellen der Horror des Holocausts bis zum Leser hinauf. Hilsenrath selbst ist ein Überlebender. 1926 wurde er in Leipzig in eine wohlhabende jüdische Familie geboren, sein Vater war ein erfolgreicher Pelzhändler und seine Mutter hütete das Haus. Mit der Machtübernahme der Nazis begann für Hilsenrath die Diskriminierung durch seine Mitschüler. Erst Mitte 1938 emigrierte der damals Zwölfjährige mit seiner Mutter und seinem Bruder zu den Verwandten in das kleine jüdische Schtetl Siret, in der damals rumänischen Bukowina. Als die Deutschen den Krieg gegen die Sowjetunion erklärt hatten, deportierte das mit den Nazis alliierte rumänische Regime die jüdische Bevölkerung. Gemeinsam mit Bruder und Mutter sowie den anderen Schtetl-Bewohnern wurde Hilsenrath in das Ghetto Mogilev-Podolsk verschleppt. «Als wir dort ankamen, starben die Menschen wie die Fliegen» sagt Hilsenrath über den Ort, den er als «Vorhölle» bezeichnet. Unter den schrecklichen Bedingungen überlebten schätzungsweise nur 10.000 von zeitweise 50.000 Menschen das Ghetto. Es sind genau diese Erinnerungen, die Hilsenrath in zwölfjähriger Trauerarbeit in seinem realistischen Roman «Nacht» aufgeschrieben hat und die im Deutschland der Nachkriegszeit keinen Platz hatten. Noch heute holen Hilsenrath diese Erinnerungen ein. Aus dem Leben des Edgar Hilsenrath und seinen Büchern ließen sich noch Seiten füllen: Wie er als 18-Jähriger alleine nach Israel gelangte und dort nicht glücklich werden konnte. Sein Wiedertreffen mit seinem Bruder, seiner Mutter und seinem ebenfalls überlebenden Vater in Frankreich. Wie er in New York lebte, schrieb und sich als Kellner durchschlug, über seine Rückkehr nach Deutschland. Oder man fordert einfach den Leser auf, die vielen wunderbaren Bücher von Edgar Hilsenrath in die Hand zu nehmen. Dort findet sich in der einen oder anderen Art, wenn auch niemals autobiographisch, sein ganzes Leben wieder.
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