Die unsichtbaren Fäden der kollektiven Erinnerung

Die Ausstellung «60 Jahre Pressefotografie aus Israel» im Berliner Willy-Brandt-Haus

 

Drei israelische FallschirmJäger kurz nach der Einnahme der Klagemauer, die zuvor 19 Jahre unter jordanischer Kontrolle stand; Jerusalem 7. Juni 1967. Foto: David Rubinger

Hätte nicht seine Frau Einspruch erhoben, dann hätte David Rubingers berühmtestes Foto vielleicht nie den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Jenes Bild aus dem Sechs-Tage-Krieg 1967, das drei Fallschirmjäger vor der kurz zuvor eroberten Klagemauer in der Altstadt Jerusalems zeigt, erschien dem 1924 in Wien geborenen Rubinger nämlich schlichtweg als «goa nix». Er hätte vermutlich ein anderes zur Veröffentlichung ausgewählt, etwa das des Feldrabbiners Schlomo Goren auf den Schultern seiner Kameraden - in jedem Falle eines, das ihm aktionsreicher, glückstaumelnder erschien. Doch Rubinger hörte auf seine Frau und so machte das Bild Karriere: Das Foto der drei dicht beieinander stehenden jungen Soldaten wurde von unten aufgenommen, was die Männer überlebensgroß erscheinen lässt. Alle drei Augenpaare blicken auf einen unbestimmten Punkt außerhalb des Bildraumes, einer von ihnen hat aus Ergriffenheit, aus Erschöpfung vielleicht, seinen Helm abgenommen. Der Bildausschnitt ist klein, auf die Menschen zugeschnitten. Auf dem Foto nicht zu sehen ist das palästinensische Mughrabi- Viertel, das zu dem Zeitpunkt noch dicht an die Mauer heranreichte und später abgerissen wurde.

Das Bild vor der Klagemauer, seit seiner Erstveröffentlichung unzählige Male reproduziert, ziert bis heute Publikationen zum Sechs-Tage-Krieg, politische Broschüren, und ist Dauerbrenner der Postkartenindustrie. Es gehört zu den ikonischen Kraftfeldern israelischer Fotografie, deren Wirkmächtigkeit für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bis heute in Israel zu spüren ist und die entscheidend die Optik auf das Jahr 1967 geprägt haben.

Dieses und andere Fotos aus der Zeit der Staatsgründung bis heute sind derzeit im Rahmen der Doppelausstellung «60 Jahre Pressefotografie aus Israel - Paul Goldman und David Rubinger» im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen. Neben den Arbeiten Rubingers, der 1939 mit der Jugend-Aliya nach Palästina emigrierte und heute in Jerusalem lebt, zeigt die Ausstellung Fotografien seines bereits verstorbenen Kollegen Paul Goldman, der 1900 in Prag geboren, im Jahr 1940 nach Palästina ausgewandert war. Beide Fotografen, die im Auftrag internationaler Presseagenturen arbeiteten, gehören zu den Pionieren israelischer Pressefotografie, deren Motive in Israel zwar äußerst bekannt sind, die aber wie im Fall von Goldman als Person in Vergessenheit geraten sind.

Dem Berliner Publikum ermöglicht die Ausstellung, wie bereits die wunderbare Boris- Carmi-Ausstellung 2004, die Begegnung mit zwei weiteren israelischen Pressefotografen, die trotz nationalen Renommees, hierzulande weitgehend unbekannt geblieben sind und kaum den Weg in den Ausstellungskanon des Mediums gefunden haben. Zugleich lässt die Ausstellung den Besucher etwas über die bedeutende Rolle der Fotografie in der bewegten Geschichte Israels erahnen: Sie dokumentierte nie einfach nur Tatsachen, sondern erschuf (wie das Bild der drei Soldaten) Augenblicke, rückte Situationen ins Bewusstsein, klammerte gleichzeitig aber auch aus und lenkte so den Zugang zur eigenen Geschichte. Oder wie der Fotograf und Kurator Schlomo Arad über die Fotos Goldmans sagte: Sie sind die «unsichtbaren Fäden, aus denen das kollektive Erinnerungsvermögen dieser Nation geflochten ist.»

Wie das große Vorbild Robert Capa, der den Fotografen als beteiligten Chronisten verkörperte, waren Rubinger und Goldman stets mittendrin im Geschehen und repräsentieren daher im besten Sinne 60 Jahre israelische (Fotografie-) Geschichte: Von den letzten Jahren des britischen Mandats, den Schrecken der unzähligen Kriege, die der Staatsgründung folgten, über das hoffnungsvolle Treffen zwischen Menachem Begin und Anwar al-Sadat 1977, bis hin zu vereinzelten Bildern aus der Gegenwart finden sich fotografische Zeugnisse in der Ausstellung. Von Goldman stammen die Fotos aus der britischen Mandatszeit, Aufnahmen der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Untergrundorganisation Irgun und den Briten, von den Ausgangssperren und Aufbauarbeiten des Landes, in dem man versuchte, sich ein alltägliches Leben einzurichten. Die Bilder aus den Kibbuzim, von den tanzenden und arbeitenden Pionieren, sind längst Ikonen geworden, verzichten in der Version von Goldman jedoch auf pathetische Ausleuchtung. Doch nicht nur der kraftvolle Idealismus, hoffnungsvolle Neubeginn, sondern auch die Kehrseite, die Mühen eines neuen Lebens in einem unbekannten Land werden in der Ausstellung sichtbar: Gerade Rubingers Fotos erzählen von einem Leben «in Transit», zeigen die großen Einwanderungswellen nach Israel, die Schoa-Überlebenden aus Deutschland, die im Zuge der Umsiedlungsaktion «Operation Magic Carpet» eingetroffenen jemenitischen Juden, die Einwanderer aus der UdSSR. Erschöpfte, angstvoll angespannte Gesichter, ein provisorisches Leben in hastig errichteten Übergangslagern - und ein todtrauriges Foto eines alten russischen Ehepaars auf seinen Koffern, das gerade seine neue Wohnung bezogen hat und in deren Gesichtern auch der Verlust eines zurückgelassenen Lebenszusammenhangs zu lesen ist. Auch ein palästinensisches Ehepaar in Festagskleidung auf der Flucht befindet sich unter den Fotos. Diese Bilder, zeitlich Jahrzehnte voneinander getrennt, kennen zugleich keine Jahreszahl.

Einen weiteren Teil der Ausstellung bilden Nahaufnahmen der politischen Protagonisten Israels: Die rauchende Golda Meir, David Ben-Gurion im Kopfstand begriffen, ein Kisten packender Schimon Peres oder Ehmud Olmert beim Geschirrspülen beschwören vertrauensvolle Nähe zwischen dem Politiker und seinem Fotografen. Goldmans Aufnahmeserie von Ben-Gurion auf dem Kopf, die den etwas ungelenken Weg bis zum finalen Kopfstand und den Premier und seinen Bodyguard in Badehose zeigen, hat leider nur als Ausschnitt auf das Ausstellungsplakat gefunden. Aber auch das gehört zum Handwerk des Fotografen - das Ausschneiden, Weglassen und Auswählen des richtigen Augenblicks.

War die Fotografie in den frühen Tagen Israels, in denen das Bedürfnis nach (Vor-) Bildern groß war und die imaginäre Kraft der Fotografie in massenhafter Bildproduktion erprobt wurde, Medium der Selbstdarstellung, Selbstvergewisserung des jungen Staates, so regt die retrospektive Auseinandersetzung mit frühen Bildikonen, wie sie in der Ausstellung zu sehen sind, heute zur Selbstbefragung und Hinterfragung nationaler Mythen an: Was die Fotos zeigen und was sie möglicherweise weglassen, kann dabei eine entscheidende Frage sein.

 

Sonja Galler

«Jüdische Zeitung», April 2008