Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Jenseits der HighlandsEin Glasgower Archiv sammelt und dokumentiert schottisch-jüdische Geschichte
Schottland - der Name weckt Bilder von Kilts und Dudelsäcken, romantischen Schlössern, Whiskys und Highlands. Die meisten Reiseführer bedienen solche Klischees. Ausgeklammert bleibt dabei das Schottland jenseits der Highlands, ein eher unromantisches Schottland, das sich mit den komplexen Problemfeldern westlicher Industriegesellschaften auseinandersetzt. So ist auch das «jüdische Schottland» in der deutschsprachigen Literatur nahezu Terra incognita. Seit dem 19. Jahrhundert hat die kontinentaleuropäische Geschichtsschreibung die britisch-jüdische Geschichte, die bis ins Mittelalter zurückreicht, nachhaltig ignoriert - Historiker hielten sie schlichtweg für belanglos. Neuere Arbeiten einer vergleichenden europäisch-jüdischen Geschichtsforschung beziehen zunehmend auch britische Perspektiven mit ein, doch kommen selbst darin die Juden Schottlands entweder überhaupt nicht, beziehungsweise nur am Rande vor oder werden unter «britische Juden» subsumiert. Das ist nicht nur ignorant, sondern auch irreführend: denn wie die allgemeine Geschichte, so unterscheidet sich auch die jüdische Geschichte Schottlands von der des übrigen Vereinigten Königreichs. Im Gegensatz zur anglo-jüdischen Geschichte ist die jüdische Geschichte Schottlands vergleichsweise jung: Quellen belegen, dass Juden in Edinburgh schon 1691 das Handels- und Niederlassungsrecht erhielten; eine jüdische Gemeinde gründete sich jedoch erst 1816 - die erste in Schottland, gefolgt von Glasgow im Jahr 1823. Weitere Gemeinden entstanden in Dundee (1874), Aberdeen (1893), Greenock (1894), Ayr (1904), Falkirk, Inverness (1905) und Dunfermline (1908). Vier davon existieren noch heute: Dundee, Aberdeen, Edinburgh und Glasgow. Letztere ist mit rund 6.000 Mitgliedern, vier orthodoxen und einer Reformsynagoge die mit Abstand größte jüdische Gemeinde Schottlands und Zentrum jüdischen Lebens schlechthin. Glasgow verdankt seine prominente Rolle in Schottlands jüdischer Geschichte und Gegenwart im Wesentlichen zwei historischen Entwicklungen: der Industrialisierung und der Migration osteuropäischer Juden im 19. Jahrhundert. Wer nach den russischen Pogromen der 1880er Jahre Richtung Westen floh, kam entweder direkt über die Häfen Hull, Grimsby und Leith (Edinburgh) nach Schottland oder über London. Dort tat man alles, um die Zuwanderungszahlen zu reduzieren, so dass viele Richtung Norden weiterzogen. In Glasgow mit seiner starken Schiffsbau-, Textil- und Tabak-Industrie gab es Arbeit und eine jüdische Infrastruktur. Selbst jenen, die hier nicht Fuß fassten, blieb die Hoffnung, ihren Weg nach Amerika mit einem der Emigrantenschiffe fortzusetzen, die wöchentlich im Hafen am Clyde ausliefen. Entsprechend rasch stieg die Zahl jüdischer Einwohner vor Ort: zwischen 1897 und 1902 hatte sie sich nahezu verdoppelt. 1914 ist von zehntausend jüdischen Einwohnern in Glasgow die Rede, was etwa neunzig Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Schottlands entsprach. Etwa zwei Drittel drängte sich in den Gorbals, Glasgows armem Einwandererviertel südlich des Clyde. Dessen Einwohnerschaft bestand aus verarmten Bauern, die nach den Highland Clearances, der gewaltsamen englischen Landnahme im 19. Jahrhundert, aus dem Norden Schottlands gekommen waren, aus Iren und Juden. Die Gorbals besaßen Schtetl-Charakter, mit vierzehn koscheren Metzgern, zwei Synagogen und einer traditionellen jüdischen Religionsschule. In den Gorbals und außerhalb entstanden nach und nach jüdische Sozial- und Wohlfahrtseinrichtungen. Kulturvereine gründeten sich, wie die «Jewish Literary Society» und politische Interessengruppen, darunter die «Jewish Workers' Union», eine Gewerkschaft jüdischer Arbeiter der Textil- und Tabakindustrie, und eine jüdische Presse: Die «Glasgow Jewish Evening Times» (1914), die «Yiddishe Shtimme» und das «Jewish Echo» (1928), das erst 1992 durch die schottische Ausgabe des «Jewish Telegraph » ersetzt wurde. Jüdisches Leben in Glasgow wurde immer selbstverständlicher. Nach einem erneuten Einwanderungsschub in den 1930er und 1940er Jahren, der Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland brachte, entwickelte sich die jüdische Gemeinschaft der Metropole am Clyde kontinuierlich bis in die 1970er Jahre, wo sie ihren Höchststand von ungefähr 15.000 Mitgliedern erreichte. Das hat sich inzwischen wie allenthalben in Großbritannien deutlich verändert: Nach dem im Zehnjahresrhythmus veröffentlichten britischen Zensus von 2001 waren in ganz Schottland sechseinhalbtausend Befragte jüdisch, was nur 0,13 Prozent der Gesamtbevölkerung entsprach. Trotz des Mitgliederschwundes gilt die schottischjüdische Geschichte als erfolgreiche Integrationsgeschichte. Die Integration der schottischen Juden sei deshalb so erfolgreich verlaufen, weil sie sich an die lokalen Gegebenheiten anpassten, ohne ihr jüdisches Erbe aufzugeben, so der Historiker Kenneth E. Collins. Man braucht nur die Zeitung aufzuschlagen, um dafür Bestätigung zu finden, zum Beispiel einen Bericht über die Hogmanay-Party des Glasgower Maccabi zum schottischen Neujahr 2007/2008 und den Auftritt zweier Mitglieder der weltweit einzigen jüdischen Dudelsackgruppe, der Scottish Jewish Lad's Pipe Brigade.
Wer mehr über die jüdische Geschichte Schottlands erfahren will, verabredet sich am besten mit Harvey Kaplan, Historiker und Archivar des Scottish Jewish Archives Centre (SJAC) in Glasgow. Das Archiv befindet sich im oberen Teil der Stadt. Der Aufstieg zu Fuß von der Sauchiehall zur Hill Street ist steil, doch es lohnt sich. In wenigen Minuten ist man in einer anderen Welt: unten quirlig-bunte Multikulti- Szene, oben gediegene Bürgerlichkeit. Seit viktorianischen Zeiten scheint hier, bis auf vereinzelte chinesische Lokale (ebenfalls Relikte aus Einwandererzeiten) kaum etwas verändert. Beiderseits der Hill Street reihen sich graue Stadtvillen aneinander, fast jede mit Souterrain für eine Dienerschaft, die nicht mehr existiert, und eingezäunt mit schwarzem Schmiedeeisen. Am Ende der Straße steht unverkennbar eines der Kulturdenkmale Glasgows, die Garnethill Synagogue. Gebaut 1879, erstrahlt das älteste jüdische Gotteshaus Schottlands nach umfangreichen Restaurationsarbeiten seit 1998 in neuem Glanz. Bevor wir ins Archiv gehen, das sich in einem Teil des Erdgeschosses befindet, weist Harvey Kaplan auf den Gehweg vor der Synagoge. Dort hatte jemand im vergangenen Jahr in weißen Riesenlettern «Hizbollah» hingeschmiert. Der oder die Täter wurden nie ermittelt. Antisemitismus sei in Glasgow kein Problem, doch angesichts einer sich zunehmend radikalisierenden muslimischen Bevölkerung in ganz Großbritannien sei damit zu rechnen, dass dies kein Einzelfall bleibe. Harvey Kaplan ist diesbezüglich wenig optimistisch. Auf jüdische Gegenwart und Zukunft ist er ohnehin nicht gut ansprechbar - sein Thema ist die schottisch-jüdische Vergangenheit. Im Hauptberuf Verwaltungsangestellter, leitet Kaplan das SJAC größtenteils in seiner Freizeit. Einmal wöchentlich ist es geöffnet, Besuche sind vorerst nur auf Anfrage möglich. Gegründet wurde die Einrichtung 1987 dank einer Initiative des Glasgow Jewish Representative Council, der jüdischen Zentralvertretung für Glasgow und Westschottland. Seither macht sie in Ausstellungen und Publikationen Dokumente und Artefakte einer breiten interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Schülern, Studenten, Lehrenden dient das Archiv als Ausgangspunkt für Forschungen zur jüdischen Geschichte Schottlands. Europäisch-jüdische Geschichte habe ihn seit dem Studium fasziniert, sagt Kaplan. Mit eigenen familiären Wurzeln im osteuropäischen Judentum ist sein persönlicher Zugang vor allem ein genealogischer. Doch geht die Arbeit des Archivs weit darüber hinaus. In Kisten, Schränken und Regalen lagern Materialien zur Gemeinde- und Synagogengeschichte ganz Schottlands, mehr als sechstausend Photographien, Tonaufzeichnungen und private Erinnerungsstücke. Eine kleine Bibliothek zur schottisch-jüdischen Geschichte ergänzt die Sammlung. Unterstützt wird Kaplan durch Rosa M. Sacharin und ihren Ehemann Joseph. Beide sind Mitglieder im Trägerverein des Archivs, aber auch Zeitzeugen: Joseph, gebürtiger Glasgower, ehemals technischer Zeichner und Lehrer, erlebte den Krieg als Mitglied der Royal Navy. Rosa ist ausgebildete Krankenschwester; 1925 in Berlin geboren, kam sie 1938 mit einem der so genannten Kindertransporte nach Großbritannien. Die Archivarbeit, das heißt unter anderem das Katalogisieren der sich ständig erweiternden Sammlung, ist ihr wichtig. Mit dem Älterwerden sei das Verständnis der eigenen Geschichte, die eine deutsch-jüdische, vor allem aber eine schottisch-jüdische ist, immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die Tätigkeit erlaube ihr, den Besuchern etwas von dieser Geschichte zu vermitteln, das heißt, davon, wie und warum Juden nach Schottland kamen. Ihr eigenes Verhältnis zu Schottland beschreibt sie eher ambivalent: «Schottland ist mein Zuhause. Hier konnte ich meine Persönlichkeit entwickeln und - nach anfänglichen Schwierigkeiten - auch Unabhängigkeit. Ich bin dankbar für das Erreichte, auch wenn dieser Satz ein Klischee ist. Im Gegensatz zu vielen, die wie ich aus Deutschland geflohen sind und sich hier vollständig integriert fühlen, zögere ich dennoch zu sagen: „Ja, ich bin Schottin".» Jeder hat eben seine eigene Integrationsgeschichte. Die Vielfalt solcher Intergrationsgeschichten wird auch Thema der Ausstellung «A New Life in Scotland» sein, die derzeit vom SJAC vorbereitet wird. Als später Beitrag zum 20- jährigen Jubiläum des Archivs im vergangenen Jahr soll sie am 22. Juni 2008 eröffnet werden. Gezeigt werden historische Objekte, Kunstwerke, Filme und Archivalien aus zweihundert Jahren jüdischer Einwanderungsgeschichte in Schottland. Ein guter Ausgangspunkt, dieses Schottland abseits der Reiseführer kennenzulernen |