Ein durchaus breites Spektrum

Die 16. Ausgabe der Zeitschrift «Aschkenas»

 

 

Das breite Spektrum der Beiträge in der nun schon seit 16 Jahren erscheinenden Zeitschrift «Aschkenas» zeigt sich auch im vorliegenden Heft. Der einleitende Aufsatz von Volker Behr, «Zur zivilrechtlichen Stellung deutscher Juden nach frühneuzeitlichen Rechtsordnungen », über die Pogrome im 14. Jahrhundert zeigt, dass das Rechtsverhältnis der kaiserlichen Kammerknechtschaft Juden keinen ausreichenden Schutz mehr bot. Nunmehr versuchten diese durch zeitlich begrenzte Schutzbriefe, die von dem jeweiligen Herrschaftsinhaber erkauft werden mussten, gesicherte Aufenthalts- und Arbeitsmöglichkeiten zu erreichen. Die sich dahinter verbergende zivilrechtliche Stellung der Schutzbriefinhaber analysiert der Autor - ausgehend von den «Reichspoliceyordnungen» 1530, 1548 und 1577 - im Vergleich verschiedener Judenordnungen von 1524 bis 1627 der Bischofsstadt Worms, der protestantischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, der protestantischen Reichsstadt Frankfurt am Main und des Erzbistums Köln. Es zeigt sich, dass - unter Schutz der Interessen der Zünfte und der christlichen Kaufmannschaft - in den erlaubten Bereichen (auch handwerklichen) fast durchwegs Vertragsfreiheit zugestanden wurde. Bei Geldgeschäften waren sie bei der Zinsnahme privilegiert, bei Formaldingen allerdings benachteiligt. Kaum erlaubt war ihnen der Besitz von Immobilien. Markante Unterschiede bestehen zwischen den katholischen und protestantischen Territorien nicht, wenn man von dem auffallend hohen Zinssatz (bis zu 41 Prozent pro Jahr) absieht, der ihnen im Erzbistum Köln verbrieft wurde.

Besonders interessant ist der Beitrag von Hans Otto Horch, «Friedrich Schiller, die Juden und das Judentum». Nach Lessing ist es Schiller, der - noch vor Goethe - vom gebildeten Judentum als der deutsche Klassiker verehrt wurde. «Als Dichter der Freiheit» und «Dichter der geknechteten Massen» genießt er Anerkennung und Verehrung, was sich auch durch die Übersetzungen seiner wichtigsten Werke ins Hebräische dokumentiert. Das persönliche Verhältnis Schillers zu Juden ist vorurteilsfrei, er hat auch auf künstlerischer Ebene Kontakte, doch finden sich auch keine prononciert judenfreundlichen Aspekte in seinem Leben. In seinem Werk allerdings setzt er sich des Öfteren mit dem Judentum auseinander, z. B. in der Person des Spiegelberg in den «Räubern» oder auch in der Bearbeitung von Lessings «Nathan der Weise» für das von Goethe geleitete Stadttheater in Weimar.

Wie Ulrich Knufinkes Beitrag verdeutlicht, ist es eine schwierige und anerkennenswerte Aufgabe, Leben und Werk des jüdischen Architekten «Wilhelm (Zeev) Haller (1884-1956) nachzuzeichnen. Dieser war in der Mitte seines Lebens auf der Flucht vor den Nationalsozialisten von Deutschland nach Palästina emigriert. Geboren in Gleiwitz/ Gliwice, heute Polen, ist heute zwar das Sterbedatum, nicht aber der Sterbeort gesichert (die Angaben schwanken zwischen Tel Aviv und Arizona (USA), wo er seine letzten Lebensjahre mit seinem Sohn Hans verbracht haben soll). Nach einer handwerklichen Ausbildung arbeitete Haller hauptsächlich für jüdische Gemeinden: Kriegerdenkmäler, Friedhofsbauten und Synagogen waren der Schwerpunkt seines Schaffens. Vieles ist in den Jahren nach Hallers Emigration nach Palästina 1930 zugrunde gegangen, einiges hat sich aber, besonders in Dresden und Leipzig, erhalten. Bald nach seinem Neubeginn in der neuen Heimat konnte er auch arbeitsmäßig Fuß fassen, einige von ihm errichtete Wohnhäuser haben sich erhalten.

Klaus Schilling widmet sich in seinem Beitrag über Alfred Kantorowicz' Haltung zum Judentum einer zwiespältigen Person. Kantorowicz war durch die Veröffentlichung seines zweibändigen «Deutschen Tagebuches» einige Jahre nach seiner 1957 erfolgten Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik bekannt geworden. Das Bekenntnis zum Kommunismus - er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg - und die Ausblendung seines eigenen Judentums ließen ihn politische Positionen beziehen, denen (auch deren Wandel über die Jahrzehnte) der Autor mit Hilfe von zum Teil bisher unveröffentlichten persönlichen Aufzeichnungen nachgeht.

Christian Volk setzt sich mit Hannah Arendts «Eichmann in Jerusalem» auseinander. Kaum eine andere Publikation zum Thema Schoa hat einen derart weltweiten und überaus emotionalen Disput ausgelöst, der quer durch die politischen Lager geführt wurde und Intellektuelle aus allen Erdteilen zu den widersprüchlichsten Statements veranlasste. Nach Gegenüberstellung und Analyse kommt der Autor zu dem Schluss: «Indem die Richter die Verbrechen an den Juden einzig als Verbrechen am jüdischen Volk bewerteten, wurden sie der ethischen Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen in keiner Weise gerecht. Entsprechend verurteilten sie Eichmann nicht als hostis generis humani, sondern als hostis judeorum...».

Birgit Schmidt befasst sich mit der «Frauenpflichtlerin » Nady Strasser. Diese wurde unter dem Namen Neoma Ramm 1871 in Starodub in der Ukraine geboren. Sie war eine der zweieinhalb Millionen russischen Juden, die zwischen 1880 und 1914 hauptsächlich aus Angst vor den immer wiederkehrenden Pogromen ins Ausland flüchtete. Noch vor 1900 ging sie zuerst nach Wien - hier heiratete sie, sich schon Nadja nennend, den österreichischen Sozialdemokraten und späteren Kommunisten Josef Strasser (1870-1935), der 1929 aus Protest gegen den Stalinismus aus der Partei austrat. Nady Strassers anfängliche Begeisterung für den Zionismus wandelte sich bald in einen lange andauernden inneren Zwiespalt, in dem sie auch in den politisch so gegensätzlichen Zielen des «Bundes» durchaus positive Seiten erkannte. Gedruckt wurden von ihr «Die Russin» und zwei Jahre später «Das Ergebnis. Lyrische Essays». Daneben war sie journalistische Mitarbeiterin verschiedener sozialistischer und kommunistischer Zeitschriften, die Veröffentlichung ihres Buches «Von Etappe zu Etappe» hat sie allerdings nicht mehr erlebt. Sie arbeitete auch als Übersetzerin russischer Literatur ins Deutsche und umgekehrt. Sie lebte auch in Frankreich und in Großbritannien, aber auch neben Wien in Berlin, Prag und Tel Aviv. Dementsprechend sind Spuren von ihr (Korrespondenzen, z.B. auch mit Arthur Schnitzler) in diversen Archiven rund um den Erdball verstreut. Nach der schon nach einigen Jahren gescheiterten Ehe lebte sie mit Alexander Lewy zusammen, der allerdings nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Zeitlebens engagierte sie sich als «Frauenpflichtlerin», als Kämpferin für die Pflicht der Frauen, ihr Leben selbst aktiv zu gestalten - ein Ziel, dass sie (wohl zu idealisiert gesehen) in der Rolle der Frauen und in der Akzeptanz dieser Rolle durch die Umwelt während der russischen Revolution am ehesten verwirklicht sah. Ihre feministische Kritik an der Gesellschaft reicht 1919 bis zur Forderung der Abschaffung der Institution Ehe. Insgesamt die interessante Schilderung einer interessanten Person, ihrer persönlichen Entwicklung und ihrer Kontakte in Jahrzehnten des politischen Umbruchs.

 

Otto Horch, Robert Jütte, Markus J. Wenninger (Hg.), Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden. 16. Jg. Heft 1, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006. 268 Seiten.


Horst Doležal

«Jüdische Zeitung», April 2008