Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Der Verräter von Bethlehem»
Welche Möglichkeiten zur Mordaufklärung hat man als Kriminalist, wenn nicht nur im unmittelbaren Milieu des Verbrechens, sondern im kompletten gesellschaftlichen Umfeld der Tat Mord wie selbstverständlich auf der Tagesordnung steht und es im übrigen «zur politischen Korrektheit zählt, sich in einer Menschenmenge selbst in die Luft zu sprengen»? Diese bitteren Worte stammen von Omar Jussuf, dem ersten palästinensischen Privatdetektiv der Literaturgeschichte, dessen erster, überaus gelungener Fall «Der Verräter von Bethlehem» soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, nachdem sein geistiger Vater Matt Beynon Rees, langjähriger Leiter des Jerusalemer Büros des «Time Magazines», nach dem fulminanten Erfolg seines Debüts in den USA und in England bereits einen zweiten Band der Reihe im englischen Original veröffentlichen konnte. Sein erzsympathischer, charismatischer Ermittler, ein ebenso nachdenklicher und gebildeter wie streitlustiger Mann von Ende fünfzig, ist Geschichtslehrer in einer von den UN betriebenen Schule in einem Flüchtlingslager bei Bethlehem. Als eines Tages sein einstiger Lieblingsschüler, ein christlicher Antiquitätenhändler, als angeblicher Kollaborateur für einen Mord verantwortlich gemacht werden soll, den er weder begangen noch angestiftet haben kann, und die zuständigen Behörden keinerlei Anstalten machen, eine objektive Untersuchung einzuleiten, beginnt Omar Jussuf auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei kommt er manchem «Märtyrer» und selbsternannten «Helden des Widerstands» gefährlich in die Quere und muss am Ende nicht nur um das Leben seines Lieblingsschülers und langjährigen Freundes, sondern auch um das eigene und das seiner Familie bangen. Die große schriftstellerische Leistung von Matt Beynon Rees besteht nicht nur darin, ein vollkommen realistisches und bedrückend-illusionsloses Bild des von Hoffnungslosigkeit, Korruption und Selbstmordattentaten geprägten Alltags in Palästina zu zeichnen, sondern auch im Leser ein hohes Maß an Verständnis und Sympathie für die palästinensische Kultur und ihre Werte zu wecken, ohne ihre Fehlentwicklungen zu rechtfertigen. Der melancholische, einem universellen Rechtsempfinden verpflichtete Omar Jussuf ist als Detektiv ein Seelenverwandter des sizilianischen Commissarios Montalbano, da auch er innerlich vor allem an den perfiden Mechanismen der Korruption leidet, die er zwar durchschaut, aber denen er am Ende nicht beizukommen vermag. «Der Verräter von Bethlehem», aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser, erschienen bei C.H. Beck, 327 Seiten, € 17,90 |