Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Die Kinder von Wien»von Robert Neumann
Der heute nahezu vergessene Schriftsteller, Publizist und Literaturfunktionär Robert Neumann (1897-1975) gehörte zweifellos zu den literarischen Ausnahmeerscheinungen der Weimarer Republik. In der öffentlichen Wahrnehmung vor allem als messerscharfer, ätzender Parodist beliebt und gefürchtet, hinterließ Neumann ein ebenso breit gefächertes wie umfangreiches literarisches Oeuvre von Romanen, Theaterstücken, Essays und Gedichten, das seine virtuose stilistische Begabung eindrucksvoll dokumentiert. Im Rahmen der Anderen Bibliothek ist nun ein Roman des langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden des internationalen PEN-Clubs wiederaufgelegt worden, den der 1934 vor dem Austro-Faschismus nach London geflüchtete, überzeugte Exilant im Jahr 1946 zunächst in englischer Sprache veröffentlicht hatte und der in seiner österreichischen Heimat von einem eher kleinen Leserkreis lediglich mit Unverständnis und Hass quittiert wurde. Dabei erweist sich bei der Lektüre des 1974 vom Autor selbst in seine Muttersprache übertragenen Romans, dass der streitbare Sprachakrobat seinen Zeitgenossen nicht nur in seinem radikalen, antiidealistischen Resümee der Trümmerzeit weit voraus war; stilistisch wagt Neumann das Experiment einer eher mündlichen Erzählweise, die einer unwillkürlichen Vermischung aus Jiddisch, Wienerisch und Gauner-Rotwelsch nachempfunden ist und so die ernüchternde Aussage des Romans auf kongeniale Weise unterstreicht. Im Keller eines Wiener Trümmerhauses leben sechs Kinder unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft in anarchischer Freiheit als Kriegswaisen zusammen, sie bestreiten ihren Lebensunterhalt durch Hehlerei und Gelegenheitsprostitution und versuchen mit aller Kraft, ihren bescheidenen Freiraum gegen die Übergriffe der Erwachsenen zu verteidigen, die allesamt in keinem guten Licht erscheinen, ob sie nun als Überlebende von KZ oder Arbeitslager darüber streiten, wer am meisten gelitten hat, als ehemalige SS-Schergen in neuer amtlicher Position bereits wieder Befehle erteilen oder sich als alliierte Befreier gerieren, letztlich aber wie alle anderen doch nur den eigenen Vorteil im Sinn haben. Es ist die lange nachwirkende Anarchie der Nazi- Ideologie und ihres zwangsläufigen Zusammenbruchs, die das Bild der Szene beherrscht und ein düsteres Licht auf die selbst heute noch oft idealisierte Zeit des Wiederaufbaus wirft. «Die Kinder von Wien», erschienen in der Anderen Bibliothek bei Eichborn, limitiert und nummeriert, 248 Seiten, € 30 |