«Der siebzehnte Engel»

von Stuart Archer Cohen

 

Buchcover

 

Der seine baldige Pensionierung erwartende Comisario Miguel Fortunato steht am Ende seiner wechselhaften Polizeikarriere im korrupten Polizeiapparat von Buenos Aires vor einer ganz besonderen, allerletzten Herausforderung: Er soll an der Seite einer US-amerikanischen Menschenrechtsexpertin einen Mord aufklären, den er selber begangen hat. Die erzählerische Grundidee, dass der ermittelnde Beamte selbst sich am Ende als der Täter entpuppt, ist nicht ganz neu; in Stuart Archer Cohens hoch konzentriertem, ebenso mitreißenden wie beunruhigenden Roman «Der siebzehnte Engel» über Korruption und internationale Wirtschaftsverflechtung im Zeitalter der Globalisierung ist sie jedoch nicht die überraschende Pointe, sondern lediglich verzweifelter Ausgangspunkt einer überaus spannenden Handlung voller böser Überraschungen und tiefsinniger philosophischer Einsichten über den Versuch des Menschen, sich in einem feindlichen, zutiefst amoralischen Umfeld seine moralische Integrität zu bewahren. «Ein kleiner Junge war zum alten Mann geworden, während die Welt an ihm vorbeiraste, Pferdefuhrwerke in Autos verwandelte und tangueros in Rockstars, während sie ihm geliebte Menschen schenkte und wieder nahm.» Der alte Fortunato ist zwar ebenso bestechlich wie seine Kollegen und Vorgesetzten, aber alle Zahlungen, die er im Verlauf seiner Karriere angenommen hat, liegen noch unberührt in seiner Wohnung. Er ist zwar ein Mörder und wird im weiteren Verlauf der Handlung zum mehrfachen Mörder werden, aber wer soll der Gerechtigkeit genüge tun, wenn der Staat seine Rolle als oberste juristische Instanz nicht ausfüllt und ein ums andere Mal die Augen verschließt? Der Auftrag von Fortunatos Vorgesetztem ist unmissverständlich: der Mord soll um keinen Preis aufgeklärt werden, die US-Amerikanerin aber dennoch den Eindruck von effektiver und kompetent geführter Polizeiarbeit vermittelt bekommen. Der alte Comisario nutzt seine Ermittlungen jedoch für seinen ganz persönlichen Rachefeldzug, der Clint Eastwood in seinen besten Italo-Western zur Ehre gereicht hätte. «Der siebzehnte Engel» ist ein großartiger tiefschwarzer Kriminalroman mit einem in seiner ganzen Widersprüchlichkeit sympathischen Protagonisten, von dem man gern mehr lesen würde.

«Der siebzehnte Engel». Aus dem Amerikanischen von Regina Rawlinson, erschienen bei Manhattan, 414 Seiten, € 19,90


Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», April 2008