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Weltoffenes Deutschlandein Ammenmärchen
Sie wollten zeigen, so die 14-jährige Angeklagte, dass sie «nichts von denen halten». «Von wem?» fragt die Richterin. «Na von den Juden». Die Antwort kommt prompt. Der Saal schmunzelt hörbar. Im Raum 003 des Amtsgerichts Frankfurt an der Oder herrscht lockere Stimmung. In etwa wie bei einem Klassenausflug in der Mittelstufe. Die Zuschauerplätze sind schnell belegt, die Aufforderungen der Gerichtsdienerin, die Käppis abzunehmen und das Kaugummikauen einzustellen, werden ebenfalls mit Gelächter quittiert, schließlich aber befolgt. Kindisch erfreut sich das jugendliche Publikum an der Rebellion gegen das System. Niemand nimmt das Gericht hier ernst, auch die jung besetzte Anklagebank nicht. Zwischen 1987 und 1992 sind die fünf Jugendlichen geboren. Sie, so wirft ihnen der Staatsanwalt vor, haben am Abend des 9. November des vergangenen Jahres den Gedenkstein für die ermordeten Juden Frankfurts geschändet, Blumen in den Dreck getreten und auf den Stein uriniert. «Böswillig verächtlich gemacht», nennt die Anklage das. Als Dummejungenstreich wollen die Angeklagten ihr Tun verstanden wissen, reden von einer «blöden Wette» und «Leichtsinn». Dann wird ein wenig hin und her diskutiert, wer wann welche Blumen getreten, wer wann wo hingepinkelt hat oder eben nicht, weil er gerade nicht konnte. Alles Anlass für Gelächter. Nachdem die Richterin ein paar Mal nachfragt, gibt bereits der erste Angeklagte zu, «rechtes Gedankengut» zu haben, schließlich lief er vor kurzem noch mit Bomberjacke und Glatze herum. Heute tut er das nicht mehr. Zwei der Angeklagten machen aus ihrer Gesinnung selbst vor dem Gericht keinen Hehl und tragen Sweatshirts, auf denen das Emblem von «Thor Steinar» gedruckt ist. Bis vor eineinhalb Jahren waren diese in Brandenburg noch verboten. Wen sie damit provozieren wollen, fragt sie der Staatsanwalt und erntet eine motzige Abfuhr. Man dürfe ja wohl noch anziehen, was man wolle und: «Alle anderen Pullis waren eben gerade in der Wäsche.» Es geht offensichtlich darum, sich vor den Klassenkameraden hervorzutun, ein wenig Glanz in die eigene Biografie zu bringen. Dazu reicht die Bühne des Amtsgerichts gerade noch aus. Und dazu, sich vor ein paar älteren Rädelsführern zu präsentieren. Die Lebenswege der Jugendlichen gleichen sich in ihrer Verworrenheit. Da gibt es monatelange Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen nach Ausrastern, entzogenes Sorgerecht bei den Eltern, abgebrochene Lehren und schon in der zweiten Klasse das erste Mal sitzen bleiben. Sebastian B. etwa wurde als Kleinkind adoptiert. Seine Mutter sagt, dass er zwar den Müll runterbringt und gern zum Angeln geht, dass er aber halt auch gern Bier trinkt. Die Gutachten sprechen von gravierenden Entwicklungsdefiziten. Sich selbst schätzt Sebastian B. als «Mitläufer» ein. Jennys Eltern haben sich getrennt als sie sechs Jahre alt war. Bis sie zwölf wurde lebte sie bei ihrer Mutter, jetzt bei ihrem Vater, der im Gerichtssaal als Vormund anwesend ist. Ihr Vater weiß nicht, woher seine Tochter ihre Ansichten hat, findet alles «extremer» als bei sich. Andy K. wuchs in einer «vorerst vollständigen» Familie auf, die zweite Klasse musste er wiederholen, dann ging er auf eine Sprachheilschule, seine Lese-Rechtschreibschwäche ist gravierend. Auch die siebte Klasse musste er wiederholen. Mit fünfzehn Jahren ist er bereits zweimal strafrechtlich in Erscheinung getreten. Sein Vater steckt in der rechten Szene, ist aber seit geraumer Zeit untergetaucht, die Mutter empfängt Arbeitslosengeld II, sitzt mit einem roten Plastikbeutel im Gerichtssaal und kann sich einfach nicht erklären, warum ihr Sohn so geworden ist. Die Gutachten sprechen davon, dass die Frau «unreflektiert» ist. In seinem Plädoyer wirft der Staatsanwalt den Jugendlichen vor, das Volk verhetzt und die Totenruhe gestört zu haben. Sie hätten den Gedenkstein, in «menschenverachtender Weise in den Schmutz getreten». Er fragt die Angeklagten, ob sie eigentlich wissen, was mit den Juden damals passiert ist, ob sie mal in Sachsenhausen gewesen waren? Seine vordringliche Sorge gilt allerdings dem Ruf der Stadt, der durch die Sache beschmutzt worden ist. Platz zwei in den Abendnachrichten, betont er. Schließlich ist er selbst in der Kommunalpolitik und Wohltätigkeitsvereinen engagiert. «Schädliche Neigung» macht er bei den Angeklagten aus und fordert - zu seinem Bedauern und «unter Bedenken» - Bewährungsstrafen. Die Richterin urteilt, dass die fünf «gezielt gemeinschaftlich den Gedenkstein geschändet» haben. Es war also keine spontane Tat, auch der Mensch, philosophiert die Juristin, spreche durch seine Tat. Dennoch kommen die fünf noch einmal mit Bewährungsstrafen und gemeinnützigen Arbeitsstunden davon. Ob er die klare Warnung, die von dem Urteil ausgehe, verstanden habe, fragt sie einen der Verurteilten. Er bejaht, sie bezweifelt das, zeigt, was sie von ihm hält. Dann löst sich die Veranstaltung auf, der nächste Fall steht auf dem Plan. Die Mutter mit dem Plastikbeutel steckt vor dem Gericht ihrem Sohn etwas Geld zu und trollt sich. Die Jungs gehen in den nächsten Supermarkt und holen sich ein paar Flaschen Bier. Freisprüche wollen gefeiert werden. Und schließlich ist es fast eins.
Dokumentation: Im Verhältnis zu den Einwohnerzahlen ist rechtsextreme Kriminalität im Osten doppelt so häufig wie im Westen. Schätzungen für 2006 lassen befürchten, dass das Problem immer größer wird. Nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes nahmen rechtsextreme Straftaten gegenüber dem Vorjahr um rund 20 Prozent zu. Gegenüber 2004 kletterten die Zahlen in den ersten acht Monaten des Jahres sogar um 50 Prozent. Weit vorn in der erschreckenden Statistik liegt das Land Brandenburg. Der Verein «Opferperspektive» in Potsdam dokumentiert rechtsextreme Vorfälle in Brandenburg. Wir geben hier einen Auszug wieder. Die vollständige Liste ist unter www.opferperspektive.de einzusehen.
Januar 20.1. Zwei dunkelhäutige Jugendliche werden in Rathenow von einer Gruppe Rechter beschimpft. Einem der Jugendlichen wird der Rucksack heruntergerissen. Einer der Angreifer hantiert mit einem Messer. Die Angegriffenen können flüchten. Februar 5.2. In Rathenow wird ein dunkelhäutiger Jugendlicher von fünf vermummten Rechten angegriffen. Die Täter beschimpfen ihn mit «Scheiß-Nigger» und versuchen, ihm einen Fahrradständer auf den Kopf zu werfen. 18.2. Kurz vor Mitternacht werden in Rheinsberg die Schaufensterscheiben eines vietnamesischen Imbisses und eines weiteren von einem Vietnamesen betriebenen Geschäfts von einem 19-jährigen Rechten eingeschlagen. Kurze Zeit später beschädigen drei Rechte ein China-Restaurant und ein weiteres vietnamesisches Geschäft. 19.2. In Rathenow wird ein 15-jähriger Jugendlicher mit dunkler Hautfarbe von zwei Rechten beschimpft. Anschließend sprühen sie ihm Pfefferspray ins Gesicht. März 4.3. In Cottbus werden ein Asylbewerber aus dem Tschad und ein Asylbewerber aus Kamerun in einem Bus von zwei 18- und 23-jährigen Rechten angegriffen. Beim Verlassen des Busses wird der Mann aus dem Tschad getreten, als der Kameruner den Angreifer zur Rede stellen will, erhält er einen Schlag ins Gesicht und wird mit den Worten «Scheiß schwarzer Neger» beleidigt. 18.3. Ebenfalls in Cottbus wird ein 28-jähriger Mazedonier belästigt und im Bus umher gestoßen. Als der junge Mann den Bus verlässt, folgen ihm rund zehn Jugendliche und umringen ihn. Vermutlich mit einem Schlagwerkzeug wird das Opfer zu Boden geschlagen. Das Opfer kann sich in den Bus retten und muss im Krankenhaus behandelt werden. Am selben Tag werden in Cottbus auch sieben spanische Studenten von einer Gruppe Rechter tätlich angegriffen. April 10.4. In Strausberg wird eine Türkin von einer jungen Frau rassistisch beschimpft und mit einem Springmesser bedroht. 16.4. In Potsdam wird ein 37-jähriger Deutscher äthiopischer Herkunft zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Das Opfer erleidet massive Schädel- und Knochenverletzungen. 18.4. Ein 25-jähriger Asylbewerber aus dem Tschad wird in Neuruppin beschimpft, bespuckt und mit Schlägen bedroht. 24.4. In Guben wird ein Asylbewerber aus Indien von drei jungen Männern rassistisch beleidigt. Als er auf die jungen Männer zugeht und fragte, was das solle, wird er zu Boden geschlagen und getreten. 25.4. Ein Palästinenser wird in Potsdam von einem Mann als «Nigger» beleidigt und ins Gesicht geschlagen. Er musste sich in ambulante ärztliche Behandlung begeben. Mai 5.5. Ein 26-jähriger Student aus Tansania wird am späten Abend am Potsdamer Hauptbahnhof rassistisch beschimpft und angegriffen. 22.5. In Rathenow versuchen drei Männer einen 31-jährigen Asylbewerber aus Togo zu überfahren. Der Angegriffene kann sich durch einen Sprung zur Seite retten. Juni 4.6. Ein 26-jähriger Student aus Indien wird in Cottbus von zwei Männern geschlagen und beschimpft. 16.6. In Ludwigsfelde wird ein 47-jähriger Asylbewerber aus Liberia rassistisch beschimpft. Danach ziehen sich die Angreifer Sturmhauben über den Kopf und verfolgen den Mann, der entkommen kann. 22.6. Auf einen Döner-Imbiss in Ortrand wird ein Brandanschlag verübt. Der Imbiss brennt vollständig ab. Juli 2.7. In Potsdam wird in den frühen Morgenstunden eine Hochzeitsgesellschaft von vier rechten Skinheads überfallen. Die Rechten vermuten eine «Türkenhochzeit», weil Musik vom Balkan gespielt wird. Einem der Opfer platzt durch einen Fausthieb auf ein Ohr das Trommelfell, ein anderer Gast blutet aus dem Mund. Dem Bräutigam wird das Hemd zerrissen. Kurze Zeit später verwüsten die Rechten, die auf eine 15-köpfige Gruppe angewachsen sind, Gegenstände der Hochzeitsfeier. 16.7. In Königs Wusterhausen werden zwei Touristen aus Österreich kurz nach Mitternacht auf dem Bahnhofsvorplatz von zwei Skinheads angegriffen. Die beiden Rechten entreißen einem der beiden Österreicher eine israelische Flagge, beleidigen ihn antisemitisch und drohen, die Fahne anzuzünden. 23.7. Eine nigerianische Familie wird in Potsdam von einem 38-jährigen Mann beleidigt und mit einer Axt bedroht. August 1.8. In Schwerin (Dahme-Spreewald) wird eine Gruppe jugendlicher Franzosen und Italiener, darunter auch Schwarze, von fünf Rechten mit Flaschen beworfen. Einer der Angreifer skandiert den Hitlergruß. Verletzt wird niemand. 1.8. Eine Gruppe von acht bis zehn Personen beleidigt in Cottbus eine kongolesische Familie mit rassistischen Beschimpfungen. Eine Person aus der Tätergruppe schlägt den Vater der Familie, der seinen einjährigen Sohn auf dem Arm trägt, auf den Oberarm. Eine weibliche Person aus der Tätergruppe erhebt eine Bierflasche über dem Kopf seiner Lebensgefährtin, ohne diese jedoch zu treffen. 3.8. In Premnitz zieht gegen 2.30 Uhr eine Gruppe von Neonazis, darunter Mitglieder der Kameradschaft «Nationale Sozialisten Premnitz», Parolen grölend und randalierend durch die Stadt. In der Heinrich-Heine-Straße demolieren sie die Metallrollläden eines asiatischen Textilgeschäfts und den Biergartenzaun eines Asia-Imbisses. Auch ein anliegender Blumenladen wird in Mitleidenschaft gezogen. 5.8. In Cottbus wird ein Nigerianer von mehreren Rechten beleidigt und gedemütigt 30.8. In Frankfurt (Oder) werden zwei junge irakische Asylbewerber am Abend von zwei rechten Jugendlichen in der Straßenbahn mit den Worten «Ihr Scheiß-Mafia», «Ihr Drogenhändler» angepöbelt und körperlich attackiert. Die Betroffenen und einschreitende Fahrgäste verhindern Schlimmeres. 31.8. In Hennigsdorf wird ein 25-jähriger Angestellter des Döner-Imbisses am Bahnhof von drei Rechten im Alter von 25 bis 30 Jahren mit einer Bierflasche auf den Kopf geschlagen. Als Gäste aus dem Imbiss ihm zu Hilfe eilen, werden sie von den drei bereits flüchtenden Tätern mit Bierflaschen beworfen. Das Opfer erleidet eine schwere Kopfverletzung und muss stationär im Krankenhaus behandelt werden. September 4.9 Am frühen Abend dringen zwei junge Männer auf das Grundstück einer indischen Familie in Blumberg und beschimpfen die Eigentümerin mit den Worten «Scheiß Ausländer». Als die Frau in das Wohnhaus flüchtet und sich dort versteckt, folgen die Täter ihr und versuchen einzudringen. Als dies nicht gelingt zerstören sie Pflanzen und werfen die Mülltonne um. Oktober 3.10. Ein 34-jähriger Libanese wird in Fürstenwalde von acht Männern zusammengeschlagen. Zuvor hatten die Täter Jagd auf drei weitere Libanesen gemacht und dabei «Halt an, du Kanake! Scheiß-Ausländer» gerufen. Das Opfer wird ins Gesicht geschlagen und auf dem Boden liegend zusammengetreten, so dass er das Bewusstsein verliert. 19.9. Ein Asylbewerber aus Indien wird in Begleitung seiner Freundin von vier Mottoradfahrern angegriffen. Drei Männer halten den Asylbewerber fest, der vierte schlägt zu, es wird die Beleidigung «Scheiß Kanacke» geäußert. Anschließend entwendet der Schläger das Handy des Asylbebwerbers und entfernte sich. Als das Opfer sein Handy zurück verlangt, zieht der Angreifer ein Messer und versucht den Asylbebwerber am Hals zu treffen. 30.10 In Schönwalde versuchen unbekannte Täter, einen 42-jährigen Mosambikaner und seine Familien einzuschüchtern, indem sie vor dessen Einfamilienhaus Sylvesterböller, eine Sprayflasche und Toilettenpapier entzünden. November 9.11. In Frankfurt (Oder) wird nach der Veranstaltung zum Gedenken des Novemberpogroms der Gedenkstein geschändet. Blumengebinde und Kerzen werden zertreten und beiseite gestoßen. Einer der Täter uriniert auf den Gedenkstein, es wird «Sieg Heil» gerufen. Dezember 4.12. Ein 31-jähriger Türke wird in Eisenhüttenstadt von einer fünfköpfigen Gruppe Rechter angegriffen. Einer der Angreifer schlägt ihn mit einem Gegenstand auf den Kopf. Als der Geschädigte fragt, weshalb sie das getan haben, bekommt er mehrere Faustschläge ins Gesicht und auf den Körper. 17.12. In Dahme wird der Betreiber eines Imbisses in der Rudolf-Breitscheid-Straße wurde von zwei 21- und 24-jährigen Rechten rassistisch beleidigt. Beim Hinausgehen zeigen sie den «Hitlergruß» und beschädigen eine Schaufensterscheibe und eine Werbetafel. |