Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Weiter leben»von Ruth Klüger
Es dürfte schwer fallen, sich eine reflektiertere, analytischere und gescheitere Autobiographie einer Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungslager vorzustellen als die gerade eben, gut fünfzehn Jahre nach ihrer geradezu hymnisch gefeierten Erstveröffentlichung neu aufgelegten Memoiren der 1931 in Wien geborenen Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger, die heute, nach ihrer Emeritierung, abwechselnd in Irvine/Kalifornien und in Göttingen lebt, neben der Princeton University nur zwei Stationen ihrer eindrucksvollen akademischen Karriere. Bemerkenswert an diesem wirklich herausragenden Werk individueller Erinnerungsarbeit ist, dass die Autorin mit größter erdenklicher Offenheit über Erlebtes und Erlittenes spricht, ganz offensichtlich eine Fülle vergleichbarer Lebensberichte anderer Überlebender der Schoa kritisch gelesen hat und auf sehr originelle und für den Leser außerordentlich plausible Art und Weise einzuordnen weiß. Ihre Herangehensweise ist eine absolut verstandesmäßige und hoch persönliche, die in ihrer Fülle von ebenso prägnanten wie pragmatischen Analysen und pointierten Formulierungen kaum ihresgleichen haben dürfte. Immer wieder thematisiert Ruth Klüger dabei auch den die eigene Biographie kennzeichnenden Unterschied zwischen persönlich erlittener Geschichte, wie sie ihn als Neueinwanderin in den USA als eine unter vielen anderen Flüchtlingen aus allen Teilen der Welt erlebt hat, und kollektiver Geschichte, wie sie gerade in Deutschland aus durchaus nachvollziehbaren Gründen bis heute gepflegt wird: «Wenn man andererseits gar nicht vergleicht, kommt man auf gar keine Gedanken, und es bleibt beim Leerlauf der kreisrunden Phrasen, wie in den meisten Gedenkreden.» Gerade in Bezug auf die anhaltende Diskussion um Martin Walsers Rede zur «Instrumentalisierung des Holocaust» im Jahr 1998 bietet das bereits 1991 erschienene «weiter leben» rückblickend einige hochinteressante Anregungen, porträtiert die Autorin den ehemaligen Regensburger Studienkollegen darin doch in der zwiespältigen Figur des Christoph. Als besondere Zugabe bietet die Neuausgabe eine CD-ROM, auf der das komplette Buch in MP3-Format, von der Autorin selbst eingelesen, enthalten ist. Ruth Klügers dezenter österreichischer Akzent führt uns dabei moderat vor Augen, dass sich die Schoa nicht irgendwo in unvorstellbarer Ferne zugetragen hat, sondern hier passiert ist, einer, die sich äußerlich durch nichts von ihrer Umwelt unterschieden hat. «Weiter leben», erschienen bei Wallstein, 285 Seiten, € 14,90 |