Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die Inkarnationen des Bob DylanTodd Haynes erfindet eine neue biografische Erzählweise für das Kino
Schon der Anfang ist genial. Die Kamera eilt backstage Gänge entlang, Türen werden aufgehalten - und dann die Bühne, gleißendes Licht, Applaus, Überblendung. Die Kinozuschauer treten ins Licht. Wir selbst sind Bob Dylan, jeder einzelne von uns. Und «His Bobness »? Der ist nicht da. Stattdessen treten sechs Inkarnationen auf, sechs Verkörperungen einer Biografie. Säkulare Inkarnationen sind Varianten eines Seins oder manchmal auch nur einer Idee, sie müssen sich nicht gleichen. Im Gegenteil, Inkarnationen tun oft etwas ganz anderes als ihr Original. Sterben zum Beispiel, das würde Gott nie tun, oder Drogen nehmen. Ich ist ein anderer, nannte es Rimbaud und lieferte damit der Postmoderne den ersten Lehrsatz. Bob Dylan nun ist Rimbaud, der Dichter, ist Woody, der Ausreißer, ist Jack Rollins, der Folksänger, ist Robbie Clark, der Schauspieler, ist Jude Quinn, der Popstar und ist Billy the Kid, ein Altgewordener, ein Outlaw. Regisseur Todd Haynes versucht gar nicht erst, die Biografie des einflussreichsten Popstars aller Zeiten zu bebildern. Angesichts der Tatsache, dass sich die Dylanologie als akademisches Fach an den Universitäten etabliert und Bob Dylan die eigene Version seines Lebens eher unchronologisch in seinen «Chronicles» beschreibt, hätte er mit einem solchen Vorhaben nur scheitern können. Stattdessen macht er etwas ganz anderes. Schafft ein neues cineastisches Genre und revolutioniert das biografische Erzählen. Keine Teleologie, wie kürzlich im Johnny- Cash-Film, auch keine objektive Dokumentation, die vorgibt, Authentizität abfilmen zu können. Sondern: dokumentarischer Fake, Musikvideo, Liebesfilm à la Godard, Heimatfilm im Stil eines surrealen Hippiewestern, das alles ineinander verwoben zu einem Kaleidoskop, in dem Musik den roten Faden bildet. Bob Dylan ist auch Jude. Zeitweise war er vor allem Christ. Inzwischen soll er auch mal eine Synagoge besucht haben. Seine ganz frühen Jahre, als er noch Traditionals probte und Woody Guthrie nacheiferte, von einem 11-jährigen schwarzen Jungen spielen zu lassen, ist einer der genialen Schachzüge des Films. Wie ließen sich bildhafter die auf race beruhenden Ausschlussmechanismen einer Gesellschaft darstellen? Subtiler funktioniert die Enthüllung des Pseudonyms im Film. Ein zynischer, selbstgerechter Journalist will den Star entzaubern - und präsentiert den sich Jude Quinn nennenden, als Judas verschrienen Musiker in einer Fernsehshow als den Fabrikantensohn Aaron Jacob Edelstein. Mehr als diese Szene braucht es nicht, um die antisemitische Selbstgefälligkeit zu zeigen - und die Flucht vor ihr in eine selbstgewählte Identität. Aber vor allem ist «I'm not there» ein Fanfilm. Vielleicht kein Bob-Dylan-Fan- Film. Nichts für Puristen, die schon beim Kauf der Kinokarte wissen, dass sie alles besser wissen werden. Eher für Musikjunkies, die Konzerten entgegenfiebern und eine lang erwartete Platte gleich am Erstveröffentlichungstag kaufen müssen. Diese Maniacs werden sich wiedererkennen. Auch in Dylan, pardon in Jude Quinn alias Cate Blanchett. Großartig, die Szene, als der Star gewordene Folksänger unerwartet sein Idol Allen Ginsberg trifft - und völlig aus dem Häuschen gerät, weil er ihm die Hand geben durfte. Aber wer ist schon Dylan, wenn Cate Blanchett ewig rauchend hippelig im Blitzlichtgewitter dumme Journalistenfragen beantwortet. Wie sie als er auf Widersinniges mit Unsinn reagiert, auf der Bühne sich mit Flaschen bewerfen lässt und unbeirrt weiter spielt, ist das Punk. Und zwar von der erotischsten Sorte. In einer letzten Szene sitzen wir mit Cate Blanchett im Auto, mit dem aufgeriebenen Star, an dem alle zehren, der dennoch unbeirrt an seiner Musik festhält, welches Genre ihr auch immer zugewiesen wird. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie die Sonnenbrille von dem schmalen Gesicht nimmt und direkt von der Leinwand runter zum Zuschauer blickt. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln, verschwörerisch und hinreißend, das schlicht sagt «I am».
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