«Deutschland kann mehr tun als bisher»

Fragen an den Historiker Mosche Zimmermann zum Merkel-Besuch

 

Mosche Zimmermann. Foto: privat

Mit welchen Gefühlen und Erwartungen haben Sie den Staatsbesuch der Bundeskanzlerin in Israel im März verfolgt?

Meine Erwartungen waren sowohl realistisch als auch banal: Frau Merkel wird ihre volle Unterstützung für die gegenwärtige israelische Politik verkünden, die israelischen Medienwerden sich für ihre Haltung gegenüber dem Iran interessieren und die Öffentlichkeit wird sich wenig über den Besuch aufregen.

 

Erstmals fanden gemeinsame Regierungskonsultationen zwischen Deutschland und Israel statt. Ein Tross von Ministern begleitete die Bundeskanzlerin bei Ihrem Staatsbesuch. Bedeutet diese Form der Gespräche einen historischen Durchbruch, so wie es öffentlich dargestellt wurde? Oder ist es doch eher symbolisch zu verstehen?

Die Regierungskonsultationen sind eine Zeremonie mit symbolischem Wert. Es wird deutlich, dass Deutschland zum zweitwichtigsten Partner Israels geworden ist. Eine erstaunliche Entwicklung - die kollektive Erinnerung Israels hätte eigentlich eine solche Haltung verhindern müssen. So demonstriert der Besuch um so mehr den schizophrenen Charakter der israelischen Gesellschaft - die Vergangenheit ist omnipräsent und wird als raison détat instrumentalisiert, während man eine davon unabhängige, pragmatische Gegenwartspolitik betreibt, als hätte es diese spezifische Vergangenheit nicht gegeben.

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach als erste ausländische Regierungschefin in deutscher Sprache vor dem israelischen Parlament, der Knesset. Nur wenige Abgeordnete protestierten dagegen und blieben der Rede fern. Was bedeutet das für den Umgang zwischen Deutschen und israelischen Juden zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

Immer wieder, wenn ein Repräsentant der deutschen Politik vor der Knesset redet, melden sich einige Knesset-Abgeordnete, ehe raus dem rechtsradikalen Flügel, und ergattern sich auf diese Art eine Schlagzeile. Jeder Israeliweiß, dass dahinter nur ein PR-Gag steckt. Nur die deutschen Medien nehmen diese Gesteernst. Vielleicht haben die rechtsextremen Politiker in Israel Angst vor der deutschen Sprache, weil die Übersetzung ihrer Reden ins Deutsche eine Sprache erkennen lassen werden, die dem Kenner der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts unangenehm bekannt vorkommen muss.

 

Frau Merkel äußerte in Ihrer Rede vor dem israelischen Parlament die tiefe Verbundenheit und Freundschaft mit Israel, erinnerte an die Schuld Deutschlands, würdigte das Aufbauwerk des Staates Israel, wies auf die Gefahr der atomaren Bedrohung durch den Iran hin. Zur aktuellen politischen Lage und der Gewalt im Zusammenhang mit der Lage im Gazastreifen äußerte sie sich nicht. Hat Sie die Rede Merkels in irgendeiner Form überrascht?

Das hat weder mich noch die anderen Israelis überrascht. Auch war die Rede bereits drei Stunden nach dem Knessetauftritt kein Medienthema mehr. Nur halte ich das für kontraproduktiv. Die israelische Rechte denkt sich: Unsere Taktik ist aufgegangen. Aus lauter Schuldgefühlen passt sich die deutsche Politik an die gegenwärtige israelische Politik an und schafft für sie eine Rückendeckung in Europa. Unsere Siedlungs- und Vergeltungspolitik können wir weiter betreiben, denn die Amerikaner unterstützen uns sowieso schon. Bei den Palästinensern schafft es nur Unmut - und die Extremisten und Terroristengewinnen dort an Popularität.

 

Kann und soll Deutschland in Zukunft eine stärkere Rolle bei der Lösung des Nahostkonflikts spielen? Sind die jüdischen Israelis heute mehrheitlich bereit, Deutschland als Vermittlerland im Nahostkonflikt zu akzeptieren?

Deutschland kann mehr tun als bisher. Zum Beispiel zwischen Israel und Syrien vermitteln. Die Präsenz der deutschen Marine in der Region nach dem Zweiten Libanonkrieg oder die der österreichischen UNO-Soldaten auf den Golanhöhenzeigen, dass die jüdischen Israelis die Erinnerung an die Schoa von der deutschen, und österreichischen, Präsenz in der Region trennen können. Deutschland kann aus der Deckungseiner Alibipolitik heraus.

Das Gespräch führte Eik Dödtmann.

«Jüdische Zeitung», April 2008