Der lange Weg zur Normalität

Islamunterricht und Beten von Muslimen in der Diskussion

 

Deutschsprachiger Islamunterricht an einer Grundschule Foto: dpa

Ein Gymnasiast muslimischer Konfession in Berlin hat eine bundesweite Debatte neu entfacht. Der Jugendliche hatte das Recht auf Beten in seiner Schule im Berliner Wedding eingeklagt und in der ersten Instanz gewonnen. Das Berliner Verwaltungsgericht hatte in seinem Urteilerklärt, der Schüler könne sich auf seine im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit berufen, und außerhalb der regulären Unterrichtszeitbeten, so er «sich störungsfrei in den Schulbetrieb einfügt». Das Gymnasium hatte bis dato dem Jungen das Beten in der Schule mit Hinweis auf das Neutralitätsgebot des Staates untersagt.

Der Umgang mit dem Beten muslimischer Schüler in deutschen Schulen ist bisher stets eine Einzelfallentscheidung. Meist lehnen es die Schulleiter ab, in anderen Fällen wird ganz pragmatisch eine stille Ecke für die praktizierenden Muslime bereitgestellt. In Ländern wie Frankreich ist das schon lange gang und gäbe. Die Entscheidungen gegen einen Gebetsraum geschehen oft aus Angst seitens der Schulleitung, die Schüler könnten damit «psychischen Druck» auf ihre Mitschülerausüben, oder haben Platzmangel in den Schulgebäuden als Grund. Und sie berühren die Frage des Selbstverständnisses.

Die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reagierte auf die Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts mit scharfer Kritik. Eine Entwicklung hinzu offener muslimischer Religionsausübung an deutschen Schulen mache die Integrationsbemühungen des Staates zunichte, so wiederum die Argumentation von Integrationspolitikern. Katja Stolle, Lehrerin an der staatlichen 11. Schule in Berlin-Mitte, hat in ihrer Gymnasialklasse einen Anteil von dreißig Prozent muslimischer Schüler. «Die Gebetsräume sind das geringste Problem. Ich habe aber die Befürchtung, dass die Religion nur Vorwand für die Eltern sein soll, die Kinder von den anderen, Nichtmuslimen, zuseparieren. Das wirkt den Integrationsmöglichkeiten der Schule entgegen und begünstigt die Grüppchenbildung», beschreibt die Lehrerin für Kunst und Chemie die Situation gegenüber der Jüdischen Zeitung.

Die Diskussion über die Wege der Integration muslimischer Schüler und die Identität des deutschen Schulwesens klingt auch beider Frage der Einführung von Islamunterricht mit. Auf der Sitzung der Islamkonferenz Mitte März in Berlin hatten sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und islamische Vertreter darauf geeinigt, dass künftig an öffentlichen Schulen Islamunterricht auf Deutsch angeboten werden solle. Die Ängste vor fundamentalistischen Erscheinungen bei muslimischen Jugendlichen sind in den letzten Jahren kontinuierlich angewachsen, und nun wollen auch Politiker, die vor zehn Jahren noch vor der Realität des muslimischen Lebens in Deutschland die Augen verschlossen hatten, ad hoc integrieren. Die deutschen Kirchen befürworten währenddessen die Entscheidung, betonen aber, wie zum Beispiel der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber in einem «Bild»-Interview, dass ein solcher Unterricht nur auf Grundlage des Grundgesetzes stattfinden kann. Islamunterricht solle, so Huber, in deutscher Spracheerteilt werden und von in Deutschland ausgebildeten Lehrern erfolgen.

Die Probleme bei der Gestaltung des Lehrplans sind derweil komplex. Zunächst wäre die Bildung einer Gesamtvertretung der Muslime in Deutschland notwendig. Im neugegründeten Koordinationsrat der Muslime sind zwar über 80 Prozent der deutschen Moscheengemeinden vertreten, aber die großen Minderheiten der Aleviten, Schiiten und Ahmadiyya-Muslime finden sich dort nicht wieder. Dazu kommt die Mehrheit nicht organisierter, säkular eingestellter Muslime, die gerade erst im Begriff ist, sich zuformieren. So vertritt der Koordinationsrat nur ein Fünftel der insgesamt 3,2 Millionendeutschen Muslime. Nicht alle Bundesländer sind außerdem zur Einführung eines Islamunterrichtsbereit, in einigen gibt es ihn bereits. In Bayern wird beispielsweise «religiöse Unterweisung» in türkischer Sprache abgehalten, allerdings nicht mit den ortsansässigen Gemeinden abgestimmt, sondern an den staatlichen türkischen Lehrplänen orientiert. In Berlin wiederum wird, nach behördlicher Überprüfung der Inhalte, der Unterricht von der sunnitischen konservativen Islamischen Föderation Berlin und der liberalen Gemeinschaft der türkischen Aleviten angeboten. In Nordrhein-Westfalen gibt es an mittlerweile25 Schulen immerhin schon deutschsprachigen Islamunterricht. Eine Ausbildung für staatliche Islamkundelehrer existiert bislang nicht in Deutschland. Die westfälische Wilhelms-Universität Münster kündigte an, einen entsprechenden Studiengang einzurichten.

Georg Klein und Anne Harnadt

«Jüdische Zeitung», April 2008