Mehr Gelassenheit und Vertrauen erwünscht

Interview mit Ali Kizilkaya, Vorstand des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland

 

Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts ,einem muslimischen Schüler das Beten im Schulgebäude zu ermöglichen?

Der Schüler hat geklagt, weil man ihm wahrscheinlich das Beten verwehrt hat. Deswegen gehe ich aber nicht davon aus, dass nun eine Forderung nach flächendeckenden Gebetsräumen in deutschen Schulen folgen wird.

 

Für welche Art der Verbindung von Schule und Religion setzt sich der Islamrat ein?

Ich bin der Meinung, dass Religionsfreiheitwichtig ist und dass man damit auch gelassener umgehen kann und sollte. Wenn jemand beten möchte, dann macht er das in einer Ecke und schadet damit niemandem. Ob er Muslim ist oder nicht, ist dabei nicht so wichtig. Wichtig ist, dass man sich gegenseitig respektiert. Schule ist kein religionssteriler Ort; das Grundgesetz, ist ja auch so verfasst, dass Religion in der Gesellschaft einen wichtigen Platz hat. Es gibt ein harmonisches Verhältnis in Deutschland zwischen Religion und Staat. Jeder kennt seine Grenzen und achtet sie auch. Ich denke, das sollte auch so bewahrt werden. Wichtig ist, dass keiner die Grenzen überschreitet: weder dass der Staat in das Bekenntnis hineinredet noch, dass Religion für sich in Anspruch nimmt, den Staat nach seinen Maßgaben zu formen.

 

Wie neutral in Sachen Religion ist die Schule in Deutschland?

Wenn es neutral wäre, dürfte es keinen Religionsunterricht in der Schule geben. In Deutschland ist es möglich, Bekenntnisunterricht zu erteilen, was Muslimen bisher noch verwehrt wird. Da sind die christlichen Kirchen und die jüdischen Gemeinden schon weiter als die muslimischen Verbände. Die können nach Bedarf Religionsunterricht erteilen. Das zeigt doch, dass Schule kein religionsfreier Ort ist.

 

Sie fordern also Gleichberechtigung für die Muslime?

Ja, das sieht auch die Verfassung vor. Jeder muss gleich behandelt werden. Ich glaube Schule ist auch der Ort, wo man das Zusammenleben lernt. Und dazu gehört auch die Religion. Dass man die Religion des anderen achtet, das gehört zur Pluralität. Pluralität ist eine Bereicherung, jeder kann vom anderen etwas lernen, Muslime von Nichtmuslimen und Nichtmuslime können auch von Muslimen etwas lernen. Das gehört zur Demokratie, zur Pluralität, zur Vielfalt. Und Schule ist natürlich auch der Ort, wo man lernt, mit Vielfalt umzugehen.

 

Setzen Sie sich für die Schaffung staatlich geförderter, rein muslimischer Schule ein?

Ich bin dafür, dass jede Religionsgemeinschaft gleichbehandelt wird; Ich glaube, man muss der Vielfalt mit Gelassenheit begegnen .Es würde wahrscheinlich nicht flächendeckendmuslimische Schulen in Deutschland geben. Aber wenn Bedarf da ist, darf es keine Ungleichbehandlung geben.

 

Wie sollte islamischer Religionsunterrichtorganisiert sein? Wer sind die Ansprechpartner für die Inhalte?

Wie der Unterricht gestaltet sein soll und muss ist rechtlich festgelegt. Nach Artikel 7,Absatz 3 des Grundgesetzes sollte der Religionsunterrichtunterstaatlicher Aufsicht erteilt werden. So ist es auch bei den anderen Religionsgemeinschaftender Fall, und es ist gut so.

 

Es gibt kein einheitliches Bild islamischer Religionsgemeinschaften in Deutschland. Wie kann man sich da auf gemeinsame Form und Inhalte einigen?

Ich als Islamratsvorsitzender sehe das etwas anders. Die allergrößten muslimischen Verbände in Deutschland haben sich zusammengetan. Wir haben den Koordinationsrat der Muslime, wo der Islamrat, der Zentralrat der Muslime und die DITIB, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, zusammenkommen. Das sind die maßgeblichen Organisationen der Muslime in Deutschland, die sich für die Belange der Muslime einsetzen. Insofern haben wir schon Bewegung. Es gibt auch in den einzelnen Bundesländern Religionsgemeinschaften, die anerkannt sind. Der Staat tut sich sehr schwer mit den Muslimen und istsehr, sehr misstrauisch, was die Anerkennung angeht. Ich glaube auch, dass da etwas mehrGelassenheit und Vertrauen dazugehört.

 

Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis der Koordinationsrat und andere Organisationen anerkannt werden?

Zur Zeit gibt es nur den Koordinationsrat, der die überwiegende Mehrheit der Muslime unter seinem Dach versammelt. Wir gehen davon aus, dass wir 85 Prozent der Moscheegemeinden in unseren Verbänden vertreten. Mag sein, dass es auch andere Organisationen gibt. Das ist nicht falsch, die kann es geben.Aber zur Zeit sehe ich keine. Und deswegen erachte ich den Koordinationsrat auf Bundesebene als Ansprechpartner für den Staat.

Das Gespräch führte Georg Klein

«Jüdische Zeitung», April 2008