Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Mit ganz kleinen SchrittenBesuch im Deutschland-Büro der «Holocaust Task Force»
Die 44jährige Erziehungswissenschaftlerin Kathrin Meyer sitzt noch auf gepackten Kisten. Ihr neues Büro richtet sie gerade in den Räumlichkeiten der Stiftung «Topographie des Terrors» in der Berliner Stresemannstraße ein. Seit Kurzem ist sie «Executive secretary», was mit «Geschäftsführerin» übersetzt werden kann, der «Task Forcefor International Cooperation on Holocaust Education,Remembrance and Research (ITF)», zu Deutsch «Arbeitsgruppe für die Internationale Zusammenarbeit in der Aufklärung über den Erinnerung an den und Erforschung des Holocaust».Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich ein Zusammenschlussvon mittlerweile 25 Staaten und Dutzenden Nicht-Regierungsorganisationen, die sich der multilateralen Förderung der Holocaust-Pädagogik verschrieben haben. Mitgliedsländer sind unter anderen Deutschland, Polen, Tschechien, Ungarn, Italien, Griechenland, Israel und sogar Argentinien. Zu den Nichtregierungsorganisationenzählen zum Beispiel das US-amerikanische «Simon Wiesenthal Center»,das französische «Shoa Memorial Museum», das Amsterdamer «Anne-Frank-Haus» oder auch das britische «Imperial War Museum». Doch so kompetent und prominent die Mitglieder sind, so missverständlich scheint der Titel des ganzen Unternehmens. Denn unter einer «Task Force»stellt man sich gemeinhin eine schnelle Eingreiftruppe vor. Es geht aber ganz im Gegenteil nicht um polizeiliche Sofortmaßnahmen, sondern um besonnene und überlegte Nachhaltigkeit in der Arbeit.
Ortswahl mit Symbolgehalt «Ich gebe zu, der Name „Task Force" ist irreführend und überholt. Aber als der damalige schwedische Premierminister Göran Persson 1998die Idee zur Gründung dieses internationalen Verbundes hatte, war noch nicht abzusehen, dass die Organisation sich dermaßen ausdehnen würde», bekennt Kathrin Meyer. Hinter der schwedischen Initiative standen damals zwei Grundüberlegungen. Zum ersten gibt es heute kaum noch lebende Zeitzeugen der Schoa. Lehrer können bald KZ-Überlebende nicht mehr einladen, damit Schüler Berichte und Informationen über die schreckliche Zeit aus erster Hand erhalten können. Die direkte Konfrontation, die Chance des unmittelbaren Befragens nach dem Wie und Warum ist nach über 60 Jahren vorbei. Zum anderen ist in den meisten Staaten die Holocaust-Gedenkkultur noch relativ jung. In Deutschland zum Beispielsetzte sie ernsthaft erst nach der Ausstrahlung der US-TV-Serie «Holocaust» Ende der1970er Jahre ein - damals ein Publikumserfolg, der in den westdeutschen Wohnzimmern allgemeine Betroffenheit über die Nazizeit auslöste. In den meisten sozialistischen Ländern Osteuropas herrschte bis zur politischen Wende ein staatlich verordneter und instrumentalisierter Antifaschismus. Erst allmählich ist seit den 1990er Jahren der Aufbau einer sachlichorientierten Holocaust-Pädagogik möglich. Es geht um die Lehrerfortbildung und die kompetente und seriös-wissenschaftliche Beratung, damit dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte eine angemessene Aufnahme in die Lehrpläne und Schulbücher findet. Schon vor Jahren hat Kathrin Meyer mit ITF-Organisationen zusammengearbeitet. Ihre Promotion machte sie beim ITF-Mitglied «Zentrum für Antisemitismusforschung»der Berliner TU. Im Anschluss arbeitete sie vier Jahre lang im Warschauer «Büro für Menschenrechte und demokratische Institutionen». Unter anderem wurden dort in Zusammenarbeit mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, die ebenfalls Mitglied der «Task Force» ist, Leitfäden für polnische Geschichtslehrer erarbeitet. Nun sitzt Kathrin Meyer wieder in Berlin und betreut zusammen mit einer tschechischen Kollegin den ständigen internationalen Sitz der«Holocaust Task Force». Dafür hatten sich mehrere Länder beworben, aber Deutschland bekam den Zuschlag. Es geht wohl auch um den Symbolgehalt des Standorts. Gerade in der Stadt, in der die Vernichtung der Juden beschlossen wurde, residiert nun eine Institution, die der Aufarbeitung und Erinnerung der Geschichte dienen soll.
Kein Geld für Großprojekte Dabei will man anderen bereits seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet arbeitenden Organisationen keine Konkurrenz machen, sondern diese in ihrer Arbeit unterstützen. Auch wenn das ITF-Büro nun seinen Sitz in Deutschland hat, so versteht es sich aber nicht als deutsche Einrichtung zur Förderung ausschließlichdeutscher Initiativen. «Bei uns können zwar Förderanträge gestellt werden. Aber unsere Arbeit zielt erstens nur auf Multiplikatoren wie Lehrer oder Hochschuldozenten, zweitens vor allem auf internationale multilaterale Prozesse, also wenn sich zum Beispiel Geschichtslehrer aus mehreren, möglichst auch osteuropäischen, Staaten über neue Unterrichtskonzepte zum Thema Judenvernichtung im Dritten Reich beraten lassenwollen. Drittens fördern wir nur diejenigen Projekte, die kaum Aussicht haben, durch nationale Stiftungen oder Behörden finanziert zu werden. Da ist Deutschland ziemlichgut aufgestellt und benötigt unsere Hilfe nicht», erklärt Meyer. Im Klartext werden also beispielsweise deutsche Lehrer bei der«Holocaust Task Force» kaum Förderanträge für ihre Israel- oder Auschwitz-Klassenfahrtenstellen können. «Wir sind eben auch keine klassische Stiftung, sondern eine staatliche Stelle, die Anschubfinanzierung leisten möchte. Die Regelfinanzierung, zum Beispiel bei der Ausarbeitung eines Curriculums oder Studiengangs mit Schwerpunkt Holocaust-Aufklärung, sollte danach durch die jeweiligen Länder geschehen», sagt Meyer weiter. Mehr Unterstützung kann die ITF wohl auch gar nicht leisten, denn das Budget ist verglichen mit dem gewaltigen Anspruchmehr als gering. Jedes Mitgliedsland steuert einen Jahresbeitrag von gerade einmal30.000 Euro bei. Die Bundesrepublik stützt das Berliner Büro zusätzlich mit 150.000Euro im Jahr. Die sich daraus errechnende Summe von etwas mehr als einer halben Million Euro lässt größere Projektmaßnahmenoffensichtlich gar nicht zu. «Aber uns geht es auch gar nicht darum, großzügig Gelder zu verteilen. Der Großteil der Arbeit findet eher informell und virtuell etwa in den Arbeitsgruppen per E-mail-Kontakt und Email-Austausch statt. Wir bemühen uns etwa auch um Archivöffnungen, damit Forscherendlich an die alten Akten zur Dokumentation weiterer Holocaust-Verbrechen gelangen können», erläutert die neue ITF-Büroleiterin Meyer. Doch haben sich die Mitgliedsländer mit einer solch geringen Mitgliedsgebühr ihr Engagement nicht reichlich billig erkauft? Ist das ITF-Projekt vielleicht mehr eine hübsche Etikette für jeden Staat, der damit sein Engagement gegen Antisemitismus günstig dokumentieren kann? Immerhin sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeyer beider Eröffnung des Berliner Büros: «Gerade indem wir Deutsche die Erinnerung mit anderen Völkern teilen, nehmen wir unsere ungeteilte historische Schuld an. Der aktive, selbstkritische und moralisch verpflichtende Bezug auf unsere Geschichte ist ein unabschließbarer Prozess, den wir künftig fördern und unterstützenwollen.» Ist es nicht sogar peinlich, wenn gerade die Bundesrepublik Deutschland für diese Holocaust-Aufarbeitung der ITF finanziell nur«Peanuts» übrig hat? Kathrin Meyer verneint. Man müsse sich klar machen, dass die Arbeit erst allmählich wachse und man in vielen Mitgliedsländern damit noch am Anfang sei. Die OSZE-Antisemitismus-Konferenz 2004in Berlin sei dabei ein riesiger internationaler Durchbruch gewesen, die gemeinsame Deklaration sogar bahnbrechend, weil sich erstmals so viele Staaten gegen den Antisemitismus ausgesprochen und sich schriftlich zu seiner aktiven Bekämpfung verpflichtet hätten. Die konkrete Umsetzung gehe nun auch in Sachen Holocaust-Pädagogik in kleinen aber stetigen Schritten voran. Allerdings wünscht sich auch Kathrin Meyer, dass ihre bislang hierzulande eher unbekannte Arbeit auch in Deutschlandmehr publik und ihr Budget alsbald auch deutlich angehoben wird.
http://www.holocausttaskforce.org |