Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Hochpolitisch und sehr national»Der Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft Israels
Die israelischen Militäraktionen in Gaza und das Terrorattentat auf die religiöse Schule «Merkas Ha Rav» in Jerusalem Anfang März hatten nicht nur Auswirkungen auf die israelisch-palästinensischen Beziehungen auf diplomatischer Ebene, sondern auch auf das Verhältnis zwischen israelischen Juden und israelischen Arabern in ihrem Alltag. Unter diesen Vorzeichen trafen am 11. März die Klubs Makkabi Achi Nazareth und Bejtar Jerusalem im israelischen Fußball-Pokalachtelfinale aufeinander. Hier der erfolgreiche Hauptstadtklub, der aufgrund seiner Philosophie, der nationalen Weltanschauung, keine arabischen Spieler in seinen Kader aufnimmt, und dessen Fans außerdem als die Gewalt bereitesten der Liga gelten. Dort der Zweitligaklub aus der Stadt in Galiläa, neben Hapoel Bnei Sachnin die beliebteste Fußballmannschaft der israelischen Araber.
Gedenkminuten und Sprechchöre Vor der Pokalbegegnung zwischen Bejtar und Nazareth lagen die Nerven blank. Lokalpolitiker aus Nazareth versuchten im Vorfeld der Partie die politische Dimension auszublenden. Der stellvertretende Bürgermeisters von Nazareth, Ali Salem, hoffte, dass das Spiel «für uns eine Gelegenheit ist zu zeigen, dass beide Völker in einem Staat leben können. Das ist sogar wichtiger, als gegen Bejtar zu gewinnen». Doch Kommentare wie die eines Nazareth-Fans, dass «ein Sieg gegen Bejtar die Kinder aus Gaza rächen werde», gossen zusätzlich Öl ins sportpolitische Feuer. Noch einen Tag nach dem Pokalspiel kam es zu einem Vorfall, bei dem der Journalist Ari Schamai von einem mutmaßlichen Bejtar-Fan zusammengeschlagen wurde. In einer Sportsendung äußerte sich Schamai später über die Erscheinung des Rassismus unter den Fans des Ligaprimus aus Jerusalem. Nicht erst seit Schamais Bericht werden die Sprechchöre und die Gewalt der Bejtar-Fangemeinde thematisiert. Seit Jahren tönt im Teddy-Kollek- Stadion in Jerusalem «Tod den Arabern» oder «Mohammed ist tot» von den Rängen. Das Spiel selbst erlebten dann 3.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion von Nazareth, unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen und höchster Spannung. Politik in den Stadien Israels ist nichts Ungewöhnliches. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Gedenkminuten für die Opfer von Terror und Gewalt vor den Spielen. Eine Gedenkminute gab es auch an diesem Samstag, die der israelische Fußballverband zu Ehren der Ermordeten des Anschlags im «Merkas Ha Rav» in den Erstligastadien abhalten ließ. Von den Rängen der arabischen Fans waren währenddessen laute Pfiffe zu hören. Die Unmutsbekundungen der israelischen Araber waren nicht aus der Luft gegriffen. Die Pfiffe sind auch als eine direkte Reaktion auf die Schmähungen seitens der Fans von Bejtar Jerusalem gegen israelische Araber zu verstehen: In der Vergangenheit desavouierten diese wiederholt mit Fangesängen die israelische Friedensikone Jitzchak Rabin, der auch für die Araber Israels eine Hoffnung darstellte. Bei einem Spiel vor dem Jahrestag der Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten im November letzten Jahres bejubelten die Bejtar-Fans noch lauthals den Namen des Rabin-Mörders: Jigal Amir.
Stadion: Ort der Gleichberechtigung? Tamir Sorek, israelischer Soziologe und Junior- Professor an der Universität Florida, hat die israelische Fußballszene erforscht. Er meint zur Verbindung von Sport und Politik: «Der israelische Fußball ist hochpolitisch und sehr national ». Die Fans von Bejtar möchten, erklärt Sorek in einem Interview mit der Jüdischen Zeitung, den Sport politisieren; die arabischen Fußballanhänger versuchen das Gegenteil. Für die Einen geht es um die Abgrenzung vom ungeliebten Nachbarn, für die Anderen um die Akzeptanz von der Mehrheitsgesellschaft. Die israelischen Araber erachten das Stadion als den einzigen Ort, in dem sie sich in Israel als gleichberechtigt definieren können, so der Soziologe Sorek. Dies wird jedoch von einigen arabischen Schlachtenbummlern gar nicht gewollt. In einer anderen aktuellen Pokalbegegnung unter Beteiligung des israelisch-arabischen Erstligisten Hapoel Bnei Sachnin waren Stadionchöre zu hören, die «Jerusalem ist nicht Israel, Jerusalem ist Jordanien » sangen oder die palästinensische Hymne intonierten. Damit trafen die arabischen Fans einen empfindlichen Nerv bei allen jüdischen Israelis - nicht nur den Bejtar-Fans. Bereits vor der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde das runde Leder politisch instrumentalisiert, um sowohl den jüdischen als auch den palästinensischen Nationalismus im Mandatsgebiet zu befördern. «Nach 1948 verschwand der palästinensische Fußball gänzlich», erklärt der 38jährige Sorek «Beispielhaft ist das am Grundstück des ehemaligen „Al-Baissah- Spielfeldes" zu sehen. Das war nach einem arabischen Viertel benannt war, das dort bis zum Krieg stand. An dieser Stelle entstand später das „Bloomfield-Stadion" des Tel Aviver Klubs „Hapoel", bis heute dessen Heimspielstätte.» Die israelisch-arabischen Klubneugründungen in den 1950ern und 1960ern geschahen dann unter der Schirmherrschaft des zionistischen Dachverbandes. «Auf diese Art wollte der Staat arabische Nationalismen aus dem Sport verbannen, was ihm bis auf die Politisierung während der Fußballspiele selbst auch weitestgehend gelungen ist», so Tamir Sorek.
«Im Lande des Friedens und Jerusalem» Und in der Tat, bei Spielen von Achi Nazareth oder Bnei Sachnin sind palästinensische Fahnen kaum zu sehen und Fangesänge auf Arabisch - mit einigen Ausnahmen - nicht zu hören. Aber anti-israelische Töne gibt es dennoch. «Und es gibt ein neues Phänomen», merkt Sorek an: «Nachdem der Fußballverband in den letzten Jahren die Spiele politisch aufgeladen hat, indem er zu verschiedenen Anlässen die israelische Hymne spielen lässt, bleiben nur die Wenigsten sitzen.» Laut Sorek singen auch einige arabische Fans die Hymne mit. Die Schlussstrophe aber, in der es «Im Lande Zion und Jerusalem» heißt, wird von den arabischen Fans zu «Im Lande des Friedens und Jerusalem» uminterpretiert. Das würde wiederum als Missachtung des zionistischen Selbstverständnisses bewertet. Die politische Ausrichtung von Bejtar Jerusalem und die antiarabische Haltung unter den Bejtar-Fans erklärt Sorek anhand der Geschichte des Klubs. Als der Verein Mitte der 1930er Jahre gegründet wurde, gehörte er der revisionistischen Organisation «Bejtar» an. Die Spieler des Vereins rekrutierten sich aus Angehörigen der paramilitärischen Organisationen der jüdischen Rechten im britischen Mandatsgebiet Palästina. Die Abneigung gegen die politische Linke konnte sich über die Jahre halten. Später verstand sich Bejtar als Gegenpol zum israelischen, traditionell europäisch-jüdischen, Establishment. Die in den Einwanderungswellen der 1950er und 1960er Jahre gekommenen orientalischen Juden wandten sich so vor allem der Bejtar-Sportbewegung zu. Diese drückte ihre ablehnende Haltung gegenüber der herrschenden Politkaste einerseits und der sozialen Konkurrenz aus dem israelisch-arabischen Sektor am Besten aus. Dazu Sorek: «Gerade weil mittlerweile ein Großteil der Bejtar-Fans aus arabischen Länder stammt, wollen sie sich von den israelischen Arabern abheben. Das geschieht, indem sie sich solcher Hasstiraden bedienen.» Demgegenüber sind Klubs mit dem Namen «Makkabi» der israelischen Gewerkschaft und der nationalliberalen Weltanschauung zuzurechnen. Viele arabische Fußballvereine, wie der in Nazareth, sind daher im Makkabi-Dachverband aufgegangen. Der israelische Fußball ist politisch stark aufgeladen. Tomer Walinski sieht das gelassen und spricht stellvertretend für viele Fans von Bejtar Jerusalem: «Es ist viel Geld in den Klub geflossen, was die High-Society anzieht und das traditionelle Rassistenstigma bröckeln lässt.» Wie er mit den Vorwürfen des Rassismus bei der Wahl von Bejtars Spielerkader umgeht? «Bejtar ist mit dem spanischen Verein Athletic Bilbao zu vergleichen, in dem nur baskische Spieler unter Vertrag stehen.» Und bezüglich des Hooliganismus der Bejtar-Fans findet er eine weit verbreitete Formel: «Ich finde es nicht richtig, was da im Stadion passiert. Aber mal ehrlich: es ist doch besser, wenn sie im Stadion und nicht zu Hause Dampf ablassen. Und über arabische Anhänger kann ich nur sagen, dass ich es besser finde, dass sie während des Spiels Schmählieder singen, als Anschläge zu verüben.» Übrigens: Das Spiel zwischen Nazareth und Bejtar endete mit einem Drei zu Null für die Jerusalemer. |