Zum Schweigen gebracht?

Das Feher Jewish Music Center in Tel Aviv steht vor dem Aus

 

Aus der CD-Reihe des Zentrums: Synagogalgesänge aus Florenz. Foto:Archiv

Vor dreißig Jahren wurde auf dem Campus der Tel Aviver Universität das Diaspora-Museum eröffnet, genauer gesagt das«Beit Hatefutsot, The Nahum Goldman Museum of the Jewish Diaspora». Das weitläufige Gebäude, in dem die Geschichtejüdischer Gemeinschaften in aller Weltnachgezeichnet wird, ist oft menschenleer, sieht man mal von einigen versprengten Touristen und eher gleichgültigen Jugendgruppen ab. Die Dauerausstellung, die Ende der 1970er Jahre als überaus modern galt - audiovisuelle Displays und anschauliche Repliken anstelle von Originalgegenständen- wirkt heute seltsam altbacken, ja verstaubt. Es fehlt an innovativer Didaktik, an Mitarbeitern, wohl auch am Interesse der israelischen Kulturpolitik. Neben der genealogischen Datenbank und der einen oder anderen Sonderaustellung im Haus ist es vor allem das «Feher Jewish Music Center», das einen Abstecher nach Ramat Aviv immer wieder zum Erlebnis macht.

Das Zentrum, das von dem Musikwissenschaftler Avner Bahat gegründet wurde, ist quasi die Arche jüdischer Weltmusik mit einer Sammlung von etwa 10.000Aufnahmen jüdischer Musik: liturgische Gesänge, volkstümliche Lieder, Kunstmusikjüdischer Komponisten. Gut 40.000weitere Titel warten noch darauf, archiviert zu werden. Alles wird gesammelt und gegebenenfallsdigitalisiert: Die Datenbank, die für alle Besucher zugänglich ist, weist bereits3.000 Einträge jüdischer Künstler, Komponisten und Kantoren auf. Daneben organisiert das 1982 eröffnete Zentrum Konzerte und CD-Produktionen. Zwanzig Einspielungen liegen inzwischen vor: die Synagogalmusik der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin ebenso wie traditionelle Musik aus Indien oder Marokko. «Dieser Raum birgt wirkliche Schätze», sagt Yuval Shaked, der bisherige Direktor des Zentrums, und zeigt in seinem fensterlosen Büro auf Regale voller Raritäten. In der Sammlung findet sich beispielsweise auch der Nachlass von Hans Hirschberg: einzigartige musikalische Zeugnisse aus Berlin. Jetzt soll das Zentrum, das das musikalische Erbe der jüdischen Welt vor dem Vergessen bewahrt, geschlossen werden. Der Vertrag von Yuval Shaked endet am 31. März. Der Grund dafür, so Museumsdirektorin Hasia Israeli, sind Budgetkürzungen.

Während man in aller Welt den 60. Geburtstag des Staates Israel feiert, kämpft das Zentrum also um seine bloße Existenz. Wie kommen die Verantwortlichen im Kulturbetrieb in einem Land, das wie kaum ein anderes mit Erinnerungskultur und Identitätsfindung beschäftigt ist, zu dieser Geringschätzung ihres eigenen kulturellen Erbes? «Wir sind zu liberal», vermutet Yuval Shaked, der 1955 im Kibbuz Gezer geboren wurde, Gitarre und Komposition an der Rubin-Akademie in Tel Aviv und in Köln bei Mauricio Kagel studierte und sich als Komponist minimalistischer Musikeinen Namen gemacht hat. Shaked lehrt Komposition in Haifa, unterrichtet Tänzerin Tel Aviv und leitet das Feher Jewish Music Center seit dem Jahr 2000. Sein Zentrum ist im Wesentlichen ein Einmannbetrieb. Wenn der Klangarchivar jetzt den Hut nehmen muss, dann werden damit einzigartige Ressourcen womöglich unzugänglich. Gerade für Kantoren und Musikwissenschaftler, die schon vergessen geglaubte jüdische Musiktraditionen wiederbeleben wollen, ist das Archiv in Ramat Aviv unersetzlich; dies gilt auch für Shakeds Verbindungen zu Sammlern und wissenschaftlichen Einrichtungen in aller Welt. Inzwischen haben Künstler und Musikwissenschaftler mit einer Petition zum Erhalt des Feher Jewish Music Center aufgerufen.

 

Wer diesen Aufruf unterstützen will, kann dies über folgenden Link tun:www.ipetitions.com/petition/fjmc/index.html.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», April 2008