Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Wir gelten als glaubwürdig»50 Jahre persischsprachiges Radio in Israel – für Hörer im Iran
«Vor etwa 20 Jahren kursierte im Iran ein politischer Witz: Das staatliche israelische Radio„Stimme Israels" hatte seinen Sendebetriebwegen eines Lohnstreiks für zwei Monate ausgesetzt. Der geistige Führer der islamisch-schiitischen Revolution im Iran, Ayatollah Khomeini, habe daraufhin dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten, Jitzchak Schamir, eine geheime Nachricht geschickt, worin er ihn bat, den Sendebetrieb doch wieder aufzunehmen. Als Gegenleistung würde der Ayatollah sich bereiterklären, die Lohnerhöhung der israelischen Mitarbeiter zu zahlen. Warum? Damit er endlich wieder erfahren könne, was eigentlich in seinem eigenen Land geschehe.» Diese und andere Anekdoten aus dem Berufsalltag eines Radiomachers gibt der 67jährige Menashe Amir gern zum Besten. Der langjährige Direktor des persischsprachigen Programms «Radio Israel», das im Haus des staatlichen Rundfunks produziert wird, ist stolz auf sein Lebenswerk. Amir macht Radio aus Israel für seine alte Heimat. «Unsere wichtigste Aufgabe ist es, unseren Hörern im Iran seriöse Informationen über Israel und den Iran zu geben. Deswegen ist unser Nachrichtenüberblick auch so beliebt im Iran, weil wir bei den Menschen als glaubwürdig gelten», erklärt der Mann mit dem dünnen, schlohweißen Haar im Interview mit der Jüdischen Zeitung. «Radio Israel» strahlt täglich von Sonntag bis Donnerstag anderthalb Stunden, am Freitag und Sonnabend jeweils für eine Stunde live aus Jerusalem. Mittlerweile kann das Programm auch übers Internet gehört werden. Angefangen hatte das persischsprachige Programm im Jahr 1953, damals noch als Informationsservice für die iranischen Neueinwanderer in Israel. Ab April 1958begann «Radio Israel» Sendungen speziell für den Iran zu produzieren. Dort lebt auch heute der größte Teil der persischsprachigen Hörer des Programms. Bestand in den 1960er Jahren die Agenda des Senders noch darin, antiisraelischer Berichterstattung der arabischen Staaten entgegenzuwirken, veränderte sich das Profil mit der islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979.Die politischen Ereignisse im Iran stehen seitdem an erster Stelle bei «Radio Israel».Der 1939 in Teheran geborene Menashe Amir erzählt, dass er von Millionen von Menschen im Iran gehört wird. Immer wieder rufen ihm zufolge Hörer an, die berichten, dass sein Sender dort beliebter sei als «BBC London» und andere ausländische Programme. Für viele iranische Oppositionsgruppen ist der Sender eine wichtige Informationsquelle über die Ereignisse im Iran geworden. Kurz nachseiner Emigration nach Israel im Alter von20 Jahren, die aus zionistischer Überzeugung erfolgt sei, begann Amir mit der Arbeit beim Sender. Von 1984 bis 2005 war er der Direktor der persischen Sektion des Senders. Heute ist er Rentner, aber nicht im Ruhestand. Amir leitet immer noch den Großteil der politischen Programme beim Sender, vor allem das wöchentliche Live-Gespräch mit den iranischen Hörern. Da es im Iran gesetzlich verboten ist, in Israel anzurufen, werden die Telefonate über eine deutsche Nummer nach Israel umgeleitet. Amir und seinem Programm geht es um das gegenseitige Kennenlernen. Deshalb lud er beispielsweise vor Kurzem die Exiliranerin Fatiyeh Naghibzadeh in sein Studio ein. Die Deutsch-Iranerin besuchte Israel anlässlich der Vorführung ihres Films «Kopftuch als System», der die Situation der Frauen im Iran anhand von Interviews mit vier Iranischen Menschenrechtlerinnen beschreibt. Beim Interview in Amirs Sendung wollte sie ein differenzierteres Bild der iranischen Gesellschaft vermitteln und aufzeigen, dass es eine große Anzahl von Iranern gibt, die in Opposition zum derzeitigen Regime stehen. «Stimmen wie die von Fatiyeh Naghibzadeh sind äußerst wichtig», sagt Amir. «Sie unterstützt Israel und den Friedensprozess und plädiert für eine Befreiung des Irans. Bei unseren Hörern stößt das auf große Sympathie». Dass die Vorurteile gegeneinander auf beiden Seiten sehr groß sind, kommentierte auch Naghibzadeh gegenüber der Jüdischen Zeitung: «Alle Menschen, die mich ansprachen, waren sehr dankbar, dass der Film dort gezeigt wurde. Sie hatten nicht erwartet, dass eine Iranerin da sein würde, die mit Israel sympathisiert und keine Feindin ist». Mit der Vorstellung, dass Antisemitismus in Iran alle Gesellschaftsschichten erfasst, will Amir aufräumen. In Israel herrscht ihm zufolge ein sehr undifferenzierter Blick auf die iranische Gesellschaft. Die antisemitischen Äußerungen und Vernichtungsabsichten des Präsidenten Achmadinedschad gegenüber Israel, die Leugnung des Holocausts und materielle Unterstützung von radikalislamischen Organisationen wie Hamas und Hisbollah dominierten die Berichterstattung über den Iran. «Leider denken viele Israelis, dass alle Menschen im Iran Extremisten sind, die dem Regime von Khomeini folgen», beurteilt Amir die Sicht aus Israel. «In meinen Kommentaren und Interviews, versuche ich gegenüber anderen Israelis immer klarzustellen, dass es einen großen Unterschied zwischen dem Regime und den Menschen gibt. Iraner sind gute und friedliebende Menschen und viele von ihnen wollen in Harmonie und Koexistenz mit Israel leben. Wir haben Millionen von Hörern, die gegenüber sehr Israel solidarisch sind. Einige meinen, Israel sollte sich auf keine Friedensverträge mit den Arabern einlassen, da man ihnen nicht trauen könne«. Die politische Rolle des persischsprachigen Programms hebt David Menashri, Direktor des Zentrums für Iranstudien an der Universität Tel Aviv, hervor. Die antiisraelische und antisemitische Propaganda habe dem Wissenschaftlergemäß zwar seit der Revolution 1979zugenommen, inwieweit sich diese aber in der Gesellschaft tatsächlich realisiert, bleibt seiner Meinung nach bloße Spekulation. «Ich denke, es gibt heute im Iran eine negativere Einstellung gegenüber Juden als noch vor 30 Jahren. Das ist aber nicht bestimmend für das Leben der Menschen dort. Man muss sich demgegenüber vor Augen halten, dass es heute im Iran immer noch mehr Juden gibt als in irgendeinem anderen muslimischen Staat dieser Welt, obwohl mehr als zwei Drittel der ehemals 100.000 Juden den Iran verlassen haben». Auch für die arbeitet Menashe Amir tagtäglich am Nachrichtenprogramm. Außerdem schreibt er seit geraumer Zeit an einem Persisch-Hebräisch-Englisch-Wörterbuch, das er, wenn er dann wirklich in den Ruhestand geht, fertig stellen möchte. Die alte Heimat lässt den Zionisten nicht los. |