Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Raubbau im JudenviertelBaulöwen vernichten UNESCO-geschützte Kulturwerte
Die Immobilienspekulation ausländischer Baulöwen schlägt tiefe Wunden in das alte jüdische Quartier in Budapest. Weil selbst gültige Abriss- und Bauverbote immer neue Projekte nicht stoppen können, regt sich nun internationaler Widerstand gegen die Vernichtung kulturell wertvoller Bausubstanz in der Donaumetropole, berichtet der «Pester Lloyd», die führende deutschsprachige Zeitung Ungarns. Der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller des Landes, György Konrád, viele Jahre lang Präsident der Akademie der Künste in Berlin,ist Schirmherr einer Organisation, die sich den Schutz des alten Kerns des VII. Budapester Stadtbezirks Erzsébetváros zum Ziel gesetzt hat. Die Bürgerinitiative «Ovas!», zu deutsch «Einspruch!», wehrt sich seit geraumer Zeit gegen die Machenschaften internationaler Baulöwen,die sich Teile der kulturell geschützten, aber seit Jahren vom Verfall bedrohten Straßenzüge unter den Nagel reißen und im Zeichen explodierender Immobilienpreise gesichtslose Büro- und Appartementblocks erstellen. Der Schutz der Erzsébetváro ist mittlerweile sogar ein internationales Anliegen geworden: In der in Paris ansässigen Bürgerinitiative «Mardis Hongrois de Paris» haben inzwischen mehr als 300 jüdische Persönlichkeiten mit ihrer Unterschrift gegen das Treiben ausländischer Baulöwen in Budapest protestiert. Mitten in diesem Stadtteil, unweit der Zentralsynagoge, stand auch das Geburtshaus von Theodor Herzl, der mit seiner zionistischen Vision als Begründer des modernen Israels gilt. Genau dort, in der Sip-Straße, einem eigentlichbaurechtlich geschützten Straßenzug, will die spanische Interessen vertretende HI-Groupnoch in diesem Monat den Bau einer Luxus Überbauung mit dem Namen «Herzl-Passage»beginnen. Damit über 100 Luxuswohnungen entstehen können, muss wertvolle alte Bausubstanzweichen. Die Budapester Tageszeitung«Magyar Hirlap» berichtet von Quadratmeterpreisen in Höhe von 4.200 Euro. Zum Vergleich: Der Durchschnittsverdiener in Ungarnverdient im Monat rund 600 Euro. Besonders pikant: einer der Bauträger der geplanten Passage ist der Unternehmer Péter Tordai, zugleich Stellvertretender Landesvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Ungarn, «Mazsihisz». Zwar steht das Gebiet des berühmten, 1859erbauten und seit der Wende mit internationaler Unterstützung aufwendig erneuerten Tempels in der Dohánystraße unter dem Schutz der UNESCO, dennoch schreitet im Quartier die Zerstörung von Bausubstanz aus der Vor-Gründerzeit unaufhaltsam voran.1944 schwer beschädigt wurden später weite Teile des Stadtteils mehr schlecht als rechtrestauriert. Heute befindet sich so manche architektonische Trouvaille, darunter auch weitere Synagogen im Quartier, wieder auf dem Weg zur Ruine. Allerorten ist der Eingang verbarrikadiert, die Fenster sind zersprungen - eintrauriger Anblick. Nun schrecken die Vertreter der Spekulationswut auch vor offensichtlichem Gesetzesbruch nicht zurück: Die Bezirksregierung hat bis zum Mai dieses Jahres ein generelles Abriss- und Bauverbotverhängt - ein offenbar zahnloser Papiertiger gegen die Raffzahnmentalität internationaler Immobilienspekulanten. Die Zentralverwaltung von Ungarns Hauptstadt ist mehr oder mindermachtlos, da die einzelnen Bezirke fast vollständige Autonomie genießen. Allerdings wird dem liberalen Oberbürgermeister der Metropole, GáborDemszky, vorgeworfen, den Schutz des jüdischen Kulturerbes nicht konsequent genug zu vertreten. «Hier ist der Geist all jener, die einst hier lebten», schreibt Konrád in einer Broschüre. «Wir haben die Verpflichtung, auch gegenüber diesen Schatten ein Viertel zu schaffen, in dem sich die Lebenden zu Hause fühlen und zugleich im Gedenken den verlorenen Seelen Respekt zu erweisen». |