«Man darf keinen Schlussstrich ziehen»

Wien im Zeichen des Gedenkens an den Anschluss von 1938

Gedenksitzung des Wiener Landtages und Wiener Gemeinderates. Foto:Votava

Schön schaut's aus.» Auch wenn die österreichischen Medien sich im März ausgiebig mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vor 70 Jahren beschäftigten: von den Passanten, die in der Nacht vom 12. auf den 13. März über den Wiener Heldenplatz und durch den Volksgarten spazierten, wusste viele nicht, was es mit den 80.000 Kerzen dort auf sich hatte, die auf Initiative der Katholischen Jugend und der Aktion «A Letter to the Stars» in Erinnerung an die Wiener Opfer des Nationalsozialismus entzündet worden waren. Andere Menschen kamen spontan vorbei, nachdem sie in Fernsehen und Radio von der Veranstaltung gehört hatten. Die Namen der Opfer wurden auf riesigen Leinwänden gezeigt. Nur zwei Sekunden lang waren die Namen jeweils zusehen. Dennoch liefen die vier Projektoren bis sechs Uhr morgens.

Das Wiener Burgtheater widmete seinen Gedenkabend «Nie wieder» dem Anschluss und den europäischen Friedensperspektiven von heute. In den Tagen um den 12.März 1938 sah man am Burgtheater hinter verschlossenen Türen teils bleiche, entsetze Gesichter. Wer jedoch Euphorie empfand, konnte dies offen zum Ausdruck bringen, und aus den Briefen und Erinnerungen, die etwa Elisabeth Orth und Klaus Maria Brandauer vortrugen, sprach oft eine Mischung aus Hochgefühl und Unterwerfungsbekundungen. Der Schauspieler Fred Hennings ließ sich in der Nacht des 11. März zum politischen Leiter des Burgtheaters und der Bundestheaterverwaltung einsetzen. Hennings, der nach dem Krieg sein Unrecht einsah und sich zum Schutträumen meldete, hielt sich damals zugute, mit Juden human umzugehen und sie möglichst lange am Haus gehalten zuhaben. Dennoch wurden 17 jüdische Mitarbeiter des Burgtheaters in Konzentrationslagern ermordet oder vertrieben.

Für das Theaterpublikum war an diesem Gedenkabend vor allem die Entzauberungseiner Ikonen schmerzhaft. Nicht nur Paula Wessely, Attila Hörbiger oder Werner Krauss, sondern auch eine Reihe anderer Burgtheater-Größen wie Rosa Albach-Retty und Ewald Balser ließen sich bereitwillig für die NS-Propaganda einspannen. Ein Brief von Paula Wessely: «Als Künstlerin, die immer bestrebt war, die Kultur ihrer engeren österreichischen Heimat zum Ausdruck zu bringen und so das deutsche Wesen an der Donau allen Deutschen näherzubringen, begrüße ich zutiefst die Besiegelung der Wiedervereinigung Österreichs mit dem alten Deutschen Reich.» Ein Raunen geht durchs Parkett. Ein Brief Attila Hörbigers: «Wir Künstler sind froh und stolz, am neuen großdeutschen Werke mitarbeiten zu können, und werden uns am 10.April einmütig zu unserem Führer bekennen!» Große Betroffenheit. Auf der Bühne sitzt Elisabeth Orth, eines der Ensemblemitglieder, die an diesem Abend des Anschlusses im Burgtheatergedenken, aber eben auch die Tochter dieser zwei Bühnenlegenden. «Es gab viele Schauspieler, die dem Führer begeistert gehuldigt haben, das waren aber nicht Arbeitslose, die sich vom Führer Arbeit erhofften, sondern saturierte, wohlbestallte Schauspieler», erinnerte sich Otto Tausig, der krankheitsbedingt nicht ins Burgtheater kommen konnte und dessen Brief Direktor Klaus Bachler verlas. «Man darf keinen Schlußstrich ziehen», seufzte eine Theaterbesucherin.

Verlegung von Gedenktafel an der Mariahilfestraße/Ecke Nelkengasse. Foto:Votava

Im Parlament gedachte das «offizielle» Österreich am 12. März der Ereignisse vor 70 Jahren. Gekommen waren nicht nur die aktiven National- und Bundesräte und die Vertreter der Religionsgemeinschaften, sondern auch viele ehemalige Regierungsmitglieder, darunter Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky. Er erinnerte aneinen jüdischen Freund, der viele Jahre, nachdem Adolf Hitler auf dem Heldenplatz zu den Menschenmassen gesprochen hatte, denselben Balkon der Hofburg betrat. Vranitzky bezeichnete dies als eine Art Sieg gegen das NS-Regime und sagte zu den Anwesenden: «Alle, die hierhergekommen sind, haben den Verbrecher Adolf Hitler besiegt. Wir müssen ihn immer wieder besiegen und das werden wir tun.» Der Altkanzler sagte außerdem, dass es keine Wiedergutmachung für die Verbrechen gebe. Es wäre unverschämt und schändlich, so etwas zu behaupten. Auf internationaler Ebene will die Regierung mit dem Vorsitz in der International Holocaust Task Force (ITF), den Österreich am 12. März übernommen hat, vor allem dem Engagement um Bewusstseinsbildung und Forschung auf dem Gebiet des Holocaust besonderen Ausdruck verleihen.

Am Tag zuvor hatten bereits der Wiener Landtag und der Gemeinderat an die Ereignissein März 1938 erinnert, die zum Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland geführt hatten. Das besondere Gedenken galt dabei jenen Wienerinnen und Wienern, die Opfer des faschistischen Terrors, aber auch des Krieges, wurden. Gastredner waren Hubert Jurasek, Rudolf Sarközi, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und Irma Trksak als Vertreter verfolgter Gruppierungen. Irma Trksak etwa, Jahrgang 1917, hatte Flugblätter verteilt, in denen die Bevölkerung über die wahren Absichten des Regimes aufgeklärt werden sollte. Das wurde ihr als Hochverratausgelegt. Sie kam für ihre Aktivitäten im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime ins Zuchthaus, ohne Gerichtsverhandlung, ohne Beweisführung. Ein Jahr Einzelhaft im Gestapo-Gefängnis und drei Jahre Konzentrationslager in Ravensbrück waren die Folge.

Die Wiener Universität widmete ihren Dies Academicus am 12. März dem 70. Jahrestages des Anschlusses und präsentierte das Buch«‚ Anschluß‘ und Ausschluss 1938. Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien» der Zeithistoriker Herbert Posch, Doris Ingrisch und Gert Dressel. Anschließend hielt der 80-jährige Kafka-Experte Walter Sokel, der1938 als Student aus Wien vertrieben wurde, den Vortrag «Das provisorische Dasein 1936-38: Universität, Roman und Flucht». Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich wurde auch an der Universität Wien die Gleichschaltung rasch durchgeführt. Betroffen davon waren nicht nur Wissenschafter - rund 45 Prozent aller Professoren und Dozenten wurden aus politischen oder «rassischen» Gründen entlassen -, sondern auch viele Studierende, die nach den Nürnberger Rassengesetzen als Jüdinnen und Juden galten.«Die Universität Wien richtet bewusst den Blick auf die damaligen Ereignisse», meinte Rektor Georg Winckler, «bereits im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts breitete sich ein menschenverachtender Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus unter vielen Angehörigen der Universität Wien aus, der 1938 einen unrühmlichen Höhepunkterreichte: Zahlreiche Wissenschafter und Studierende wurden - zum Teil unter reger Beteiligung ihrer Kollegen - von der Universität Wien vertrieben.»

Es gab vielerorts auch Formen des dezentralen Gedenkens. So verlegten Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Bezirksvorsteherin Renate Kaufmann Gedenktafeln in den Gehsteig der Mariahilferstrasse/Ecke Nelkengasse, die an in der NS-Zeit ermordeten Mariahilferinnen und Mariahilfer erinnern soll. Mit diesem Projekt könne ein symbolisches und tatsächliches Gedenken gesetzt werden. Die Gedenktafel sei nicht nur ein Zeichen der Erinnerung, sondern auch ein Zurückgeben von Würde.

Die Wiener Grünen verwiesen im März auf«Unerledigtes» im Gedenkjahr 2008. Unverständlich sei, so Stadtrat David Ellensohn und Gemeinderat Marco Schreuder, dass die Stadt Wien etwa mit einer Restaurierung des Jüdischen Friedhofes Rossau im Jahr 2004 begonnen habe, allerdings diesbezügliche Aktivitäten mittlerweile eingestellt seien. Weitere Anliegender Wiener Grünen sind die Errichtung eines Desateurs-Denkmals sowie die Realisierung einer Wanderausstellung für Wien, wie sie es in Deutschland bereits gibt: «Was damals Recht war...». Um der Öffentlichkeit die Möglichkeit zur Partizipation am Gedenkjahr 2008 zu geben, organisieren die Grünen in Wien mehrere Veranstaltungen, wie Rundgänge durch jüdische Friedhöfe und einen Spaziergang zu den Orten der Verfolgung und Ermordung von homosexuellen Männern. Das von Bildhauer Franz Kupelwieser entworfene Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes wird nun doch nicht mehr im Gedenkjahr gebaut. Und selbstverständlich kam diesen März auch immer wieder zur altbekannten «Opfer/Täter» Diskussion und zu Kommentaren, wonach Österreich auch aktiver Gegner des Dritten Reichs gewesen sei.

Gideon Wollberg

«Jüdische Zeitung», April 2008