Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Das Jahr der SchandeEine Verortung der «Märzereignisse» 1968 in Polen
«Das Jahr 1968 wurde deshalb zu einem Jahr der Schande, weil nur wenige damals die Würde des Landes retteten, viele hingegen diese Würde mit Füßen traten.» (Andrzej Szczypiorski, Gazeta Wyborcza 28./29. März 1998) Wie in so vielen anderen Ländern, gärte es1968 in der polnischen Gesellschaft, die mit den Mängeln der Planwirtschaft nicht zurande kam. Der «polnische März» des Jahres 1968begann jedoch offiziell schon am 30. Januar mit Protesten der Warschauer Studenten gegen die behördlich angeordnete Absetzung des Dramas des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, «Dziady» («Totenfeier»), vom Spielplan des Nationaltheaters. Im Polendes Jahres 1968, durch seine antisowjetischen Implikationen immer noch aktuell, enthielt das antizaristische Spiel ein explosives Potential, das die Behörden alarmierte und zu seiner Absetzung führte. Am 8. März erreichten die studentischen Proteste auf dem Campus der Warschauer Universität ihren vorläufigen Höhepunkt, als die Sicherheitskräfte unvermittelt brutal eingriffen. Es folgten Streiks und Kundgebungen im ganzen Land. Weil sich unter den Protestierenden auch Juden befanden, stellten die Behörden die Vorkommnisse als jüdische Verschwörung zum Schaden Polens dar. Die Juden in Polen, mehrheitlich Akademiker und treue Bürger der Volksrepublik, wurden nun von dem damaligen Innenminister Mieczyslaw Moczar als die «Fünfte Kolonne» und «Kosmopoliten», d. h. «vaterlandslose Gesellen», diskreditiert und in antisemitischen Pamphleten im Stil des «Stürmers» zu Feinden des polnischen Volkes abgestempelt. Während man die Anführerverhaftete, wurden in den Ämtern und Universitäten Listen jüdischer Mitarbeiter und Studenten angefertigt, die daraufhin entlassen und relegiert wurden. Bis 1972 mussten mehr als 15.000 Juden das Land verlassen. Unter ihnen befanden sich sehr viele Vertreter der geistigen Elite Polens wie der Dichter Arnold Slucki, der Philosoph Leszek Kolakowski, Filmregisseur Alexander Ford oder die jiddische Theaterdiva Ida Kaminska. In den allgemeinen Darstellungen der europäischen und amerikanischen Ereignisse des Jahres 1968 fehlt der polnische März jedoch für gewöhnlich. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag überschattete wohl die Eindrücke aus dem restlichen Osteuropa. Der sich gleichzeitig vollziehende Exodus der polnischen Juden spielte sich unter vergleichbarweniger spektakulären Umständen ab, hing aber mit der allgemeinen politischen Lage zusammen, die sich seit dem so genannten«Tauwetter» von 1956 zuspitzte, als der niedergeschlagene polnische Arbeiteraufstand vom Oktober im Getöse des Ungarischen Aufstands unterging. Auch damals hatte es eine vom Parteichef Wladyslaw Gomulka inszenierte antisemitische Hetze im Nachhall des Suez-Kriegs gegeben, der vor allem die nichtkommunistischen Juden zum Opfer fielen, die das Land zu Tausenden verlassen mussten. Als«Agenten des Zionismus» galten sie damals, wie schon zu Stalins Lebzeiten, als gefährlich, und als angebliche Stalinisten waren sie nicht länger erwünscht. Juden eigneten sich in Polen immer zum Sündenbock. Im «Kalten Krieg» der Blöcke hinter dem «Eisernen Vorhang» saßen die Juden zwischen den Fronten. So auch 1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, als der gesamte Ostblock, außer Rumänien, die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbrach. Der geistige Aderlassmacht sich bis heute bemerkbar und wird von den polnischen Intellektuellen bedauert. 1981 wurde an der Universität Warschau von der «Solidarnosc»-Bewegung eine erste Konferenz zu diesem Thema organisiert, die als Dokumentation vorliegt. Die Veranstalter um Maciej Geller, Bronislaw Geremek, den späteren Außenministers eines Landes, betrachteten das Jahr1968 als den Auftakt zu einer freiheitlichen Bewegung der Intellektuellen, um Polen vom Joch des Kommunismus zu befreien. Zu den Teilnehmern gehörten bekannte Persönlichkeiten wie Jacek Kuron, Adam Michnik, Wladyslaw Krajewski und Jan Jozef Lipski. Seither hat man die damaligen Ereignisse, die zu der Vertreibung der letzten Juden aus Polen führten, zwar literarisch verarbeitet, wie in dem bekannten Roman von Szczypiorski «Die schöne Frau Seidenman», und gelegentlich öffentlich thematisiert, wissenschaftlich eingehend untersucht werden sie, die zu den polnischen Traumata gehören, jedoch erst seit der Wende in Polen. Dieses Jahr beging Polen den 40. Jahrestag mit einer Reihe von Veranstaltungen, wobei eine internationale Konferenz in Warschau unter Beteiligung vieler Exilanten, darunter Jan Tomasz Gross, dessen Buch «Angst» gerade eine neue antisemitische Debatte entfachte, zu den Höhepunkten zählt. Aus Anlass des Jahrestags publizierte der Politikwissenschaftler Piotr Oseka eine historische Analyse der Ereignisse unter dem schlichten Titel«März 1968». Darin beschreibt er die Entwicklungen seit den 1940er Jahren und gibt die Stimmungen im Lande wieder, die zu «1968»führten. Oseka erinnert zum Beispiel an das legendäre Konzert der «Rolling Stones» am 13.April 1967 in Warschau, das, als die Fans außer Rand und Band gerieten, von den Behörden als Provokation gegen das System aufgefasst und ebenfalls durch die Miliz brutal beendet wurde. Der deutliche Kontrast zwischen der schrillen«westlichen» Welt der «Stones», mit der die polnischen Jugendlichen plötzlich konfrontiert wurden, und der grauen sozialistischen Wirklichkeit hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Um die Lawine des Frühjahrs 1968, die sie hätte fortreißen können, zu stoppen, führten die polnischen Machthaber, politisch und moralischbankrott, die Säuberungen - ein seit Stalin probates Mittel - durch. Aber die Saat, die damals gelegt wurde, keimte in der neuen Generation der Polen weiter. Diese traute dem Regime und seinen Organen nicht mehr, was zur Entstehung der «Solidarnosc» führte und schließlich zum Niedergang des Sozialismus wie im ganzen Ostblock beitrug. Nur die abwesenden Juden konnten diesmal keine Hauptrolle mehr spielen. |