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Entscheiden, was die Welt siehtDen Brennpunkt immer vor der Linse - Reinhard Krause
Eilig zieht Reinhard Krause die Chipkarte aus der Fotokamera, schiebt sie ins Lesegerät. Es geht um Sekunden. Während Krause im abgedunkelten Redaktionsraum in den Drehstuhl fällt, öffnen sich die Bilder auf dem Bildschirm. Er bläst die Luft durch die Zähne, er weiß, was er sieht, er hat es eben im gleißenden Sonnenlicht gesehen und durchs Objektiv so weit wie möglich herangezoomt: den Kopf einer Selbstmordattentäterin, der abgetrennt vom Körper auf der Straße liegt, das Kopftuch hatte sich nicht gelöst. Darf man das zeigen, soll man das zeigen? «Nicht zeigen heißt lügen» hört man Reinhard Krause sagen. Vier Jahre war er Cheffotograf der Nachrichtenagentur «Reuters» in Israel und den Palästinensischen Gebieten und stand selbst im Fokus der Kameralinse. Ein Kamerateam hat ihn und seine Kollegen in einem Arbeitsalltag begleitet, der kaum alltäglich genannt werden mag. «Shooting Under Fire» heißt die 72 Minuten lange Video-Dokumentation, die zeigt, wie schwierig es ist, aus einer politisch extrem aufgeladenen Region die Wahrheit zu berichten. Und wie die Bilder zu uns kommen, wie Nachrichten gemacht werden - vom ersten kurzen Absatz im Nachrichtenticker bis zum Titelfoto für die Zeitungen am nächsten Morgen. Man hatte Krause, per SMS über das Selbstmordattentat alarmiert, in seinen Jeep springen sehen, sein Mobiltelefon ist nie ausgeschaltet. Sirenengeheul ist auf seinem Weg durch Jerusalemer Straßen zu hören. Vor Ort weiträumige Absperrungen, Krause kann nur aus der Distanz fotografieren. Was er festhält, ist schwerwiegend genug: Es ist grausam. Potentiell könnten sein Bild von Millionen von Zeitungslesern oder Fernsehzuschauern rezipiert werden, es würde Meinungen formen zum israelisch-palästinensischen Konflikt, Reaktionen auslösen - möglicherweise die Falschen. Das zu entscheiden ist schwer, doch das Nachrichtengeschäft ist schnell, ein Dilemma zwischen Moral und Frist. Eine Entscheidung muss her, in Sekunden. Krause telefoniert mit dem Hauptbüro, das die älteste Nachrichtenagentur der Welt in London unterhält. Schließlich wird er das Bild nicht «bewegen». «Not move the picture» heißt es im Jargon - Krause unterlässt den entscheidenden Klick, der die digitale Bilddatei um den Globus senden würde. «Es ist hier einfach, gute Bilder zu machen, doch schwierig zu verstehen» sagt Krause in der Dokumentation. Nachrichten- und Fotoreporter in Israel und den Palästinensischen Gebieten zu sein, ist eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Auch ein Versuch der Objektivität, doch der gebürtige Essener weiß wie seine israelischen und palästinensischen Kollegen: «Es ist eine Illusion zu glauben, dass Bilder objektiv sind.» Einfach ist das Bildermachen wohl nur in einem Sinne: dramatische, ja tragische Momente bieten sich häufig genug. Darüber hinaus - das macht die Reportage deutlich - ist nichts einfach. Reinhard Krause kam im Jahr 2000 nach Israel, zu Beginn der Zweiten Intifada. Plötzlich waren die palästinensischen Gebiete abgeriegelt, das Land war von Grenzlinien und Kontrollpunkten überzogen. Um von beiden Seiten des Konflikts berichten zu können, musste Krause zwei Fotografenteams aufbauen, ein israelisches und ein palästinensisches. Manche der «Reuters»-Fotografen sind sich bis heute nicht begegnet. Angst, Warten, Gewalt «Ich will raus aus diesem Land», sagt der palästinensische Fotograf Ahmed Jadallah. «Es gibt die ganze Zeit Stress, die Leute sind nervös, die Wirtschaft am Boden». Der Film zeigt ihn auf einer Fahrt nach Rafah, sein Wagen gerät unter Beschuss. Er zeigt das zermürbende und vergebliche Warten an Checkpoints. Jadallah war 2003 bei der Explosion einer Bombe nur knapp dem Tod entgangen. Schwer verletzt am Boden liegend hatte er mit letzter Kraft den Auslöser gedrückt. Das Bild wurde mit dem World Press Award 2003 ausgezeichnet. «Dieses Bild hat mich fast das Leben gekostet» erinnert sich der Palästinenser. Nir Elias, ein israelischer Kollege, fotografiert einen Angriff von Palästinensern auf eine jüdische Siedlung. Danach kommentiert er: «Es ist wie beim Bingo. Wer wird der nächste sein. Aber das ist keine Art zu leben. Einen Journalistenkollegen haben sie heute ins Bein geschossen. Das war schon ziemlich knapp!» Aus Pflichtgefühl oder Verdrängung halten sie fest an ihrem gefährlichen Job. Sie haben Familie, Kinder, trotzdem bleiben sie nahe am alltäglichen Terror. «Ich mag mein Leben hier», meint Elias. «Ich wünschte nur, dass sich alles in eine positive Richtung ändern würde.» Außerdem sagt er: «Ich habe den Hass und die Bomben satt. Aber man muss abschalten. Die Herausforderung liegt darin, abzublocken statt es an sich herankommen zu lassen.» Er macht sich auf den Weg, das harte Leben in der mittlerweile verlassenen jüdischen Siedlung Nezarim im Gazastreifen zu dokumentieren. Die Mauer, die Siedler, die Grenzposten, die Steinewerfer, die Toten und die Trauernden - alles scheint sich endlos zu wiederholen. Auch die Bilder. Hier zu fotografieren bedeutet auch einen Kampf gegen das Abstumpfen durch immer wiederkehrende Bilder. «Es ist immer das gleiche Muster», kommentiert Reinhard einen Einsatz an der Jerusalemer Mauer, «Die Kinder haben Steine geworfen und irgendwann wird es den Soldaten zuviel. Es war dann schon wieder zu gefährlich, sie mussten einschreiten, haben ihre Blendgranaten geworfen und im Grunde war es dann nach zwei drei Minuten schon wieder vorbei.» In diesen zwei bis drei Minuten fängt der Fotograf die Atmosphäre der alltäglichen Gewalt ein. Friedliche Momente mit der Kamera festzuhalten, dafür gibt es nur selten Gelegenheit. Etwa wenn der «Reuters»-Chef im Büro in Gaza festhängt, da der gesamte Gaza-Streifen gesperrt ist. Anfangs friedliche Bilder Zu Beginn von Krauses Karriere als Fotograf stehen friedliche Bildern alter Windmühlen, Fachwerkbauten und Industrieanlagen. Nach einem Fotodesign-Studium in Dortmund dokumentierte er den Ruhrpott während der 80er Jahre - die Schlägereien zu Karneval, die Pferdemesse Equitana oder die Modenschauen für orthopädische Unterwäsche. Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 begann seine Arbeit für «Reuters». 2000 ging er nach Israel, ursprünglich nur, um einige Wochen auszuhelfen. Im gleichen Jahr erhält er den World Press Photo Award. Er blieb bis zu Arafats Tod 2004. Entführungen machten die Arbeit ausländischer Journalisten in Gaza extrem gefährlich, warnt damals die Organisation «Reporter ohne Grenzen». Sie gab auch eine Einschätzung zur Arbeit so genannter «Stringer», meist lokale Journalisten, die den ausländischen Korrespondenten zuarbeiten. Diese sei, so Reporter ohne Grenzen, in Israel und den Palästinensischen Gebieten nicht möglich. Reinhard Krause fotografiert heute für «Reuters» in China Fahrradfahrer, Drachentänzer, den Drill in Sportschulen oder Militärkadern. Seine Zeit in Israel und den Palästinensischen Gebieten kommentiert er: «Ich habe hier gelernt, was sterben bedeutet. Beide Seiten gesehen, meine Meinung. Doch die wird immer unbedeutender. Ich habe gelernt: Es gibt hier keine einfachen Lösungen.» «Shooting Under Fire» möchte alles zeigen - die Rolle der atemberaubend schnellen Digitaltechnik, die sogar für den härtesten Fotografen schwierigen moralischen Entscheidungen und das extreme Leben der Leute vor Ort, im Krisen- und im Kriegszustand. Auf zahlreichen internationalen Filmfestivals ist die Video-Dokumentation bereits gelaufen, auch im deutschen Fernsehen, und wurde mit dem deutschen Filmpreis 2005 ausgezeichnet.Information: zu «Shooting Under Fire»:
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