Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Fiktion und GeschichteErstmals «T4»-Verbrechen auf einer Bühne
Ein nobler Altersruhesitz am Berliner Tiergarten: Dr. Schmitt, ein auf den ersten Blick demenzkranker, lebensmüder alter Mann, bittet den Arzt Dr. Niemand um die Verabreichung eines tödlichen Medikaments. Dieser Dr. Niemand musste als Kind im Tötungslager Brandenburg-Goerden den Tod seiner Schwester miterleben, während er selbst fliehen konnte. Nun konfrontiert Dr. Niemand den altersschwachen Dr. Schmitt mit der gemeinsamen Geschichte: Schmitt, der verantwortlichen Lagerarzt von damals, durfte nach dem Krieg unangefochten weiter praktizieren... Nein, passiert ist das nicht. Aber es könnte passiert sein. Durch die enge Verwebung fiktionalen und historischen Materials in einer zunächst fast alltäglich scheinenden Arzt-Patient- Situation gelingt es dem Theaterautor Christoph Klimke, einen nachhaltigen Beitrag zu einem bisher in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Verbrechen unserer Vergangenheit zu leisten: Ungefähr dort, wo der fiktive exklusive Ruhesitz des Nazi-Arztes stehen könnte, in der Berliner Tiergartenstrasse 4, auf dem heutigen Vorplatz der Philharmonie, stand bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges eine Stadtvilla, von der aus der systematische Massenmord an hunderttausenden Menschen geplant und organisiert wurde. Über 300 Ärzte, Beamte und Angestellte zeichneten hier im Rahmen der so genannten «Euthanasie»-Maßnahmen verantwortlich für die Erfassung, die Selektion und den Transport der Menschen in sechs Tötungsanstalten, in denen allein in einer ersten Geheimaktion «T4» von Oktober 1939 bis August 1941 über 70.000 wehrlose und hilfsbedürftige Menschen mit psychischen Krankheiten oder körperlichen Missbildungen bei grausamsten medizinischen Versuchen oder in Gaskammern ums Leben kamen. In der anschließenden Aktion «14 f 13» wurden bis 1945 weitere 200.000 Menschen ermordet, darunter Tuberkulosekranke, Alte, Wohnungslose. Die Gaskammern in den Tötungsanstalten galten als Modell für die Massenmorde der so genannten «Endlösung der Judenfrage»: Die Behörde schickte dazu 1942 über 100 ihrer «Fachleute» gen Osten. Am 11. April 2008 hat Klimkes jüngstes Theaterstück «T4» in der «Tribüne am Ernst- Reuter-Platz» Premiere. Weitere zehn Vorstellungen im April und Mai folgen, deren Termine der Website des traditionsreichen Berliner Privattheaters zu entnehmen sind. Darüber hinaus leistet das Stück einen brisanten Beitrag zur aktuellen gesellschaftspolitischen und bioethischen Diskussion, wenn Dr. Schmitt fragt: «Möchtest du so enden wie ich, Niemand? Wie möchtest du denn sterben? Wärest du nicht auch, Niemand, froh, wenn dir ein Arzt helfen kann? Noch bist du was wert, ich bin nichts mehr wert ...». Im Rahmenprogramm der Inszenierung werden verschiedene Veranstaltungen zum Thema angeboten, unter anderem die Ausstellung «Lebensunwert - zerstörte Leben» vom Bund der «Euthanasie»-Geschädigten und Zwangssterilisierten. Am alten Standort der Behörden-Villa gegenüber der Philharmonie erinnert derzeit ein begehbarer Betonbus an die Deportationen der Behinderten und ihre verbürgte angstvolle Frage: «Wo bringt Ihr uns hin...?»
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