Friedenspfade zwischen Eifel und Rhein

Neugründung der Jüdischen Gemeinde Neuwied-Mittelrhein

 

V.l.: Jakov Khoschlessan, Victor Sanovec, Jürgen Ries und Renate Khoschlessan zu Rosch Haschana 5768 in der Synagoge von Saffig . Foto: Privat

«Das ist die Pforte des Ewigen. Gerechte, tretet ein» - mit diesem Vers aus Psalm 180 werden die Besucher der 1858 errichteten kleinen Synagoge in Saffig (Landkreis Koblenz-Mayen), begrüßt, die nach der Renovierung als Mahnmalund Begegnungsstätte konzipiert war und nun wieder ein Ort jüdischen Lebens ist. Jüdisches Leben in der Osteifel? Nach der Schoa schien dies zu einer rein akademischen Frage geworden zu sein, ein Thema für Historiker. In den letzten Jahren haben sich aber Juden und Jüdinnen aus der Region zusammengefunden, um gemeinsam Gottesdienste zu feiern, zu lernen und Impulse für den interreligiösen Dialog zu geben, und aus der Gruppe liberaler Juden in Neuwied, «Netiwot Ha'Schalom», «Friedenspfade», ist jetzt die neu gegründete Jüdischen Gemeinde Neuwied - Mittelrhein hervorgegangen, die dieser Tage auch formell beim Amtsgericht eingetragen werden soll. Am 15. Dezember fand die Gründungsversammlung statt, und die Liste der bisherigen Aktivitäten kann sich sehen lassen. Neben regelmäßigen Gottesdiensten in Saffig oder Oberwesel werden auch die Feiertage gemeinsam begangen, und daneben stehen zahlreiche kulturelle Aktivitäten auf dem Programm, insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Verein Hillel, der auf Initiative von Victor Sanovec und Barbara Fuchs 2006 in Oberwesel am Mittelrhein gegründet wurde. Sanovec und Fuchs gehören ebenso wie Jakov und Renate Khoschlessan zu den Gründungsmitgliedern der neuen jüdischen Gemeinde.

In der Synagoge von Saffig finden inwischen neben den Kabbalat Schabbat-Gottesdiensten auch alle zwei Wochen Schabbatmorgengottesdienste mit Toralesung statt, die in der Regel von Jürgen Ries geleitet werden, der als Vorbeter der Jüdischen Gemeinde Koblenz entsprechende Kenntnisse und Erfahrungen hat. «Ich selbst habe sehr viel Eigeninitiative hineingesteckt, speziell auch was den Aufbau dieser Gottesdienste angeht. Wobei ich mich an einem liberal-konservativen Ritus orientiere, so wie er in der alten Gemeinde in Koblenz im 19. und 20. Jahrhundert bis zur Schoa gesungen wurde. Ich selbst habe diese alten Melodien gelernt und singe sie heute im Gottesdienst. Und unsere Gemeinschaft hat sich dann als liberale jüdische Betergemeinschaft verstanden, bis wir dann den Schritt in die Gründung einer Gemeinde wagen wollten», erklärte Ries Anfang März im Südwestrundfunk. Die Frage «Juden heute hier?»" erübrigt sich also. Noch offen bleibt aber, wie sich das Gemeindeleben künftig gestalten wird und ob die bunt gemischte Gemeinschaft trägt. Was genau bedeutet etwa « liberal »? Eine jüdische Gemeinde ist mehr als ein Freundeskreis oder eine Betergruppe. Ein Anfang ist aber gemacht. «Geduld und Vision» empfahl einst Rabbiner Leo Baeck: «Geduld ohne Vision wäre blind. Vision ohne Geduld wäre leer.» Ja, es gibt wieder jüdisches Leben zwischen Osteifel und Mittelrhein, und es ist hoffentlich auf einem guten Weg.

JZ

«Jüdische Zeitung», April 2008