Schwierigkeiten mit Helden

Der Prager Journalist und Schoa-Überlebende Frank Reiss stellt seine Lebenserinnerungen vor

 

Frank Reiss. Foto: Klaus Schubert

«Schwierigkeiten mit Helden» - so lautet der Originaltitel der Lebenserinnerungen, die Frank Reiss jetzt bei einer kleinen Lesereise in Süddeutschland vorstellte, unter anderem in der Alten Synagoge Hechingen, seit 2003 Sitz einer Filialgemeinde der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, und beim Forum jüdischer Kultur und Bildung in Stuttgart. Der deutsche Verlag von Reiss hat sich für eine anderen Titel entschieden: «Der Vater meines besten Freundes schickte meinen Vater ins KZ» (Martin Meidenbauer Verlag, München, 2007). Die Dramatik, die Höhen und Tiefen des Lebenswegs des Frank Reiss' spiegelt dieser Titel.

Diese Lebenserinnerungen sind mehr als eine Biographie. Sie beleuchten auch die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, von der Gewalt, die von den Nationalsozialisten ausging zur Zerrissenheit im Kalten Krieg bis hin zur Einigung nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989. Die Höhen und Tiefen dieser persönlichen wie politischen Geschichte haben Frank Reiss aber nicht zerbrochen. Ruhig, beinahe abgeklärt und - wie er selbst bekennt - verwurzelt in seinem Judentum, berichtet Frank Reiss von der Verfolgung seiner Familie im von den deutschen besetzten Österreich und später der Slowakei. Der Vater wird im KZ ermordet, das Schicksal der Mutter ist ungeklärt. Frank Reiss überlebt in Verstecken mit Hilfe jüdischer Familien. Mit acht Jahren lernt er in der Schule einen Jungen kennen, der sein Freund wird - und bis heute bleibt. Roman Mach, der Freund, ist aber nicht irgendein Junge. Er ist der Sohn des slowakischen Innenministers zur Zeit der nationalsozialistischen Besetzung der Slowakei, und damit der politisch Verantwortliche für die Deportation und Ermordung von Frank Reiss' Vater. Diese unmöglich erscheinende Freundschaft benennt der Buchtitel. Auch dieser schreckliche Zwiespalt im Erleben der Familie des Freundes zerbricht ihn nicht - vielmehr sucht er im Gespräch mit dem Freund einen Weg des Vergebens, geprägt von Verlust und Trauer, Freundschaft und Loyalität.

Diese Bereitschaft zu vergeben verschont Frank Reiss aber nicht vor erneuter Verfolgung. In den sechziger Jahren flieht er vor den Kommunisten in die USA und kehrt erst nach dem Mauerfall in die Heimat zurück. Die Erfahrung, die er in seiner Arbeit für jüdische Organisationen in den USA gemacht hat, stellt er nun Präsident Vaclav Havel als außenpolitischer Berater zur Verfügung. Sein jetzt auch in Deutschland erschienenes Buch stellte Frank Reiss bei einer kleinen Lesereise, die vom Fonds «Erinnerung und Zukunft» unterstützt wurde, in Süddeutschland vor. In seinem Buch und in seinem publizistischen Engagement ermutigt Frank Reiss in seiner besonnenen und unspektakulären Art (diese Haltung ist auch das Motiv des ursprünglichen Buchtitels «Schwierigkeiten mit Helden») , den Neuanfang zu wagen, auch da wo tiefe Gräben sind.

Klaus Schubert

«Jüdische Zeitung», April 2008