Judentum im Einklang mit der Moderne

Europa-Tagung der Weltunion für progressives Judentum in Wien

 

Die Führungsspitze der WUPJ, Steve Bauman, Leslie Bergman, Ruth Cohen und Rabbiner Uri Regev. Foto:A. Huber-Huber

Alle zwei Jahre treffen sich die europäischen Mitgliedergemeinden der World Union for Progressive Judaism (WUPJ) zu einer Delegiertenversamlunng, dieses Mal in Wien. Die 1990 gegründete liberale jüdische Gemeinde Or Chadasch, die seit einigen Jahren über eine eigene Synagoge in der Robertgasse in der Wiener Leopoldstadt verfügt, konnte bei der Tagung «Progressive Judaism: The Positive Choice» über 250 Delegierte liberaler jüdischer Gemeinden aus 31 Ländern in Wien begrüßen, darunter mehr als 30 Rabbiner und Rabbinerinnen. Das Tagungsmotto hat eine gute Tradition: Schon 1844 hatten Reformer in Berlin „ Wir wollen positive Religion!" gefordert.

In Österreich selbst gibt es anders als in Deutschland, Polen, Ungarn der Böhmen keine dezidiert liberale Tradition, weder im politischen, im wirtschaftlichen noch im religiösen Sinne, erklärte Theodor Much, der langjährige Präsident von Or Chadasch. Die Historikerin Martha Keil, Direktorin des Instituts für die Geschichte der Juden in Österreich, zeichnete in ihrem Referat « Imposed, Despised, Desired: The Jewish Liberal Reform in the Habsburg Monarchy 1782-1916» die historische Entwicklung von den Toleranzpatenten Joseph II. bis zu den innerjüdischen Gottesdienstreformen nach, machte aber deutlich, dass wir mit unseren heutigen Definitionen von Liberalität, Gleichberechtigung und Demokratie keinen Zugang zur habsburgischen Vergangenheit finden. Die Obrigkeit schob damals vielen Neuerungen einen Riegel vor. Für das Jahr 1806 zitierte Martha Keil aber einen Polizeibericht, «dass unter der alteingesessenen Wiener jüdischen Elite noch 19 Familienoberhäupter orthodox waren, 15 aber bereits nicht mehr koscher aßen und keine Kopfbedeckung trugen, aber doch am Schabbat den Gottesdienst besuchten. Dieser konnte allerdings nur in Privatsynagogen stattfinden, die wichtigste bestand im Haus zum Weißen Stern, aus der noch Rimonim erhalten sind.» Reformbemühungen blieben auf die private Sphäre beschränkt; der Orthodoxie galt aber auch schon der Wiener Stadttempel, der aufs Engste mit den Namen von Rabbiner Isak Noa Mannheimer (sein Ziel war die «Wiedergeburt eines zerfallenen, aufgelösten Volkes, die Wiederherstellung des reinen Gottesdienstes, der Einheit und Würde unserer unwissenden, verwahrlosten Glaubensgenossen») und Kantor Salomon Sulzer, dem Begründer der modernen Synagogalmusik, verbunden ist, als zu liberal. «Sie zogen das Gebet in kleinen Stibln und später in eigenen Synagogen vor», konstatierte Keil. «Dies hat sich bis heute nicht geändert.»

Der Rektor des liberalen Hebrew Union College in Jerusalem, Rabbiner Michael Marmur, sprach den Ultraorthodoxen ihr liebgewonnenes Exklusivrecht aufs Jüdischsein ab: allein schon ihre scheinbar traditionelle Kleidung sei kein Ausdruck besonderer Jüdischkeit oder von Authentizität, sondern eine altertümliche Tracht aus der Vormoderne, die besagt: «Hier ist der Punkt, an dem die Geschichte geendet ist.» Manch einem kamen dabei die Worte von Rabbiner Ignaz Maybaum in den Sinn: «Judentum, das hinter der Aufklärung zurückbleibt, gleicht einem Salto mortale in die Welt des Schulchan Aruch.» Liberale Juden hingegen, so Marmur, gelänge es, Judentum und Moderne miteinander in Einklang zu bringen. In seinem Grundsatzreferat «Progressive Judaism: Choices, Myths and Failures » grenzte er das progressive Judentum dabei auch von der modernen Orthodoxie ab, die in zwei getrennten Welten leben würde, im modernen Alltagsgeschehen und in ihrem eigenen Jüdischsein. Das liberale Judentum aber habe diesen Spagat zwischen zwei Sphären überwunden und integriere die Anforderungen der Gegenwart und des jüdischen Lebens, ohne dabei die spirituellen Wurzeln des Judentums und seine Traditionen außer Acht zu lassen.

Das Leo-Baeck-College zeichnete am Rand der Tagung fünf der anwesenden Rabbiner, die Absolventen dieses Londoner Rabbinerseminares sind, für ihre 25-jährige Gemeindetätigkeit aus. Interessant war dabei, dass sich vier dieser fünf Rabbiner inzwischen für das Abraham- Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam engagieren: Rabbiner Andrew Goldstein, der Präsident der European Region der WUPJ mit Sitz in London, erhielt für seinen persönlichen Einsatz in Wien die Ehrensenatorwürde des deutschen Rabbinerseminares. Rabbiner David J. Goldberg ist Mitglied des Kuratoriums des Kollegs, Rabbiner Edward van Voolen Studienleiter für die praktische Ausbildung. Rabbiner Harry Jacobi gehört dem Stiftungsrat der Leo-Baeck- Foundation an, die das Kolleg unterstützt. Das Abraham-Geiger-Kolleg war in Wien auch in anderer Weise präsent: Rektor Rabbiner Walter Homolka, Mitglied des Executive Boards der WUPJ, bestritt unter anderem Workshops zur Geschichte des liberalen Judentums in Mitteleuropa und zu « Advocating Progressive Judaism: Getting Our Voices Heard»; Programmdirektorin Mimi Sheffer stellte in ihrem Workshop «The Beauty of Cantorial Traditions »das Jewish Institute of Cantorial Arts vor, das neue Ausbildungsprogramm für Kantoren am Abraham-Geiger-Kolleg.

Die religiöse Gleichstellung der Frau ist im liberalen Judentum längst gang und gäbe; davon zeugten nicht nur die Rabbinerinnen und Gemeinderepräsentantinnen unter den Delegierten, sondern auch die Tatsache, dass sich Fragestellungen wie «Bevorzugt oder benachteiligt? Der Status der Frau im Judentum» für liberale Juden und Jüdinnen inzwischen erübrigen. Gerda Frey, die 1945 nach Wien zurückkehrte, das International Council of Jewish Women bei den Vereinten Nationen in Wien vertritt und deren Ehemann Robert Vorstandsmitglied von Or Chadasch ist, befindet teils ernüchtert, teils erfreut: «Es waren genau so viele Zuhörer da wie wir auf dem Podium. Ich glaube, dieses Thema ist schon oft genug erörtert worden - die Teilnehmer haben andere Themata mehr interessiert.»

Schwerpunkte der Wiener Tagung waren unter anderem die Situation der liberalen Gemeinden in Frankreich und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die Entwicklung in Osteuropa, wo sich das liberale Judentum als Alternative zu Chabad Lubawitsch durchgesetzt hat, ist eine Erfolgsgeschichte, die die wenigen Rabbiner inzwischen schon fast überfordert: in Russland betreuen drei liberale Rabbiner 85 Gemeinden, und in der Ukraine haben sich inzwischen 40 jüdische Gemeinden für das liberale Judentum entschieden. Aufbruchstimmung ist auch aus Warschau, Prag, Bratislava und Budapest zu vermelden. Selbstverständlich kamen die Wiener Delegierten auch immer wieder auf die neue Karfreitagsfürbitte und das jüdisch-katholische Verhältnis zu sprechen: «Ein Fiasko» nannte etwa Ruth Weyl, langjährige Beraterin des Internationalen Rates von Christen und Juden (ICCJ), den aktuellen Rückschritt hinter die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Fragwürdig war für viele Delegierte auch die Haltung von katholischer Kirche und österreichischer Politik, deren Repräsentanten beim Eröffnungsempfang der Tagung im Wiener Rathaus durch Abwesenheit glänzten, und dies genau 70 Jahre nach dem sogenannten Anschluss von 1938: eigentlich hätte die österreichische Regierung diese Tagung als enormen Vertrauensbeweis werten und würdigen müssen. Die sehr persönlich gehaltenen Worte der Gemeinderätin und Landtagsabgeordneten Sonja Kato, die den erkrankten Wiener Bürgermeister Häupl vertrat, machten diesen Unmut aber bald wieder wett. « It's a strong coincidence that your conference takes part in those days of remembrance to the ‘Anschluss' of Austria to Hitler Germany 70 years ago» sagte sie. «On many official occasions we commemorated those tragic days, in which Hitler took over the power in Austria without significant local resistance.» Frau Kato, neben der auch der israelische Botschafter in Wien, Dan Ashbel (selbst ein Absolvent der liberalen Leo-Baeck-Schule in Haifa) zu den Delegierten sprach, zeichnete die Versäumnisse, aber auch die Anstrengungen Österreichs bei der Aufarbeitung seiner Geschichte nach und erwies sich als denkbar beste Fürsprecherin ihres Landes.

Gastgeberin im Wiener Rathaus: Sonja Kato. Foto: A. Huber-Huber

Für die liberale Gemeinde in Wien hat diese Europa-Tagung wichtige Impulse gebracht. «Ich denke, Or Chadasch hat bewiesen, wie viel eine kleine Gemeinde leisten kann», sagt David Feiler, der in Wien Business Administration und Public Management studiert. «Die erfolgreiche Konferenz hat uns unsere Möglichkeiten aufgezeigt und viele unserer Mitglieder begeistert. Es ist schön zu beobachten, wie wir mit den Herausforderungen wachsen, und so können wir uns auch voller Engagement neuen Projekten zuwenden.» Ein anderes Fazit lautet: Wir können jetzt gestärkt in die Zukunft blicken mit dem Wissen, dass wir auch große Ziele erreichen können, wenn wir nur wollen. Mit Giuliana Schnitzler, Pia Kalinka, David Feiler, Michael Mather und John Clark etabliert sich eine starke, willenskräftige Gruppe innerhalb von Or Chadasch.» Das Resümee von Giuliana Schnitzler, Vizepräsidentin von Or Chadasch und im übrigen Urenkelin von Arthur Schnitzler, lautet kurz und knapp: «We are a pearl on a string of pearls. Die Konferenz hat gezeigt, dass wir als Gemeinde nicht allein in der Welt stehen. Wir sind Teil einer Traditionskette und Teil einer großen Gemeinschaft, keine unbedeutende Verirrung in einer orthodoxen Welt.»

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», April 2008