Leben nach dem Überleben

Das Jüdische Museum Wien zeigt Fotos

 

Margit Dobronyi (Mitte) bläst die Kerzen der Geburtstagstorte aus. Foto:Votava

«Unser Haus feiert heuer sein 15-jähriges Bestandsjubiläum, und diese Ausstellung greift eines der wichtigsten Themen unserer Arbeit auf - die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Leben in Wien nach 1945», sagte Direktor Karl Albrecht-Weinberger in seinem Statement bei der Medienpräsentation der Ausstellung «Leben! Juden in Wien nach 1945» Mitte März. Unter dem Titel «Leben! Juden in Wien nach 1945» sind bis in den Juni 3.500 Fotografien von Margit Dobronyi zu sehen, Momente mitten aus dem Leben, die Filmregisseurin und Autorin Ruth Beckermann in einer Ausstellungsinstallation zusammengefügt hat. Grundlage ist das mehr als 150.000 Fotos umfassende Archiv der heute 95-jährigen Fotografin, das 2004 vom Jüdischen Museum Wien angekauft wurde. «Es lassen sich viele Ausstellungen mit Margit Dobronyis Fotos gestalten. Man könnte es nach Familien ordnen, nach Schauplätzen, nach Anlässen, man kann es als Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Mode und der Interieurs sehen. Ich entschied mich dafür, die Fotos allein nach dem subjektiven Kriterium auszuwählen, ob etwas von einem Foto auf mich überspringt und mein Herz zum Klopfen bringt», sagt Ruth Beckermann, die 1952 als Kind von Holocaust-Überlebenden in Wien geboren wurde. «Erst als ich die Fülle der Bilder durchgesehen hatte, wurde mir klar, dass das eigentliche Thema dieser Ausstellung das ‚Leben' selbst ist. Die Verfolgung überleben und danach weiter leben. Leben als radikaler Gegensatz zum Tod. Darum ging es.»

Margit Dobronyi kam 1913 in Budapest zur Welt. 1956 floh sie wie viele ihrer Landsleute mit ihrer Familie von Ungarn nach Wien. Ihre ersten Fotografien, auf denen sie Hochzeiten, Bar Mizwas und andere Feste festhielt, entstanden bereits 1957. Auf den Bildern sieht man Menschen, von denen die meisten ebenso wie sie nach 1945 aus Mittel- und Osteuropa in diese «Stadt ohne Juden» geflohen waren, um sich hier nach Krieg und Schoa eine neue Existenz aufzubauen. Von den mehr als 180.000 Wiener Juden der Vorkriegszeit waren 1945 gerade einmal 2.000 übrig geblieben, und niemand erwartete, dass sich hier wieder jüdisches Leben entfalten würde. Doch ausgerechnet Wien entwickelte sich in der Zeit des Kalten Kriegs und des Wiederaufbaus zu einer Drehscheibe jüdischer Zuwanderer. Zuerst kamen die Überlebenden aus den Konzentrationslagern, dann die Flüchtlinge aus den kommunistischen Nachbarstaaten. Viele zogen weiter nach Israel oder in die USA, aber einige schoben die Abreise immer wieder auf, gründeten Familien und Firmen und belebten die klein gewordene Israelitische Kultusgemeinde neu und ganz anders. «Ich habe die Ausstellung ‚Leben!' mit Ausrufezeichen genannt. Die meisten der Überlebenden waren jung, zwischen 20 und 30, und hatten schreckliche Jahre hinter sich. Sie wollten das Versäumte nachholen, das Leben packen und genießen. Sehr schnell haben sie Partner gefunden. Wien haben sie erst als Durchgangsstation gesehen, aber dann sind viele geblieben, haben Wohnungen gemietet, Kinder bekommen», resümiert Ruth Beckermann.

Andor "Bondi" Engländer auf der Hochzeit von  Bobby Goldstein (1971). Foto:Margit Dobronyi, JMW.

«Man hat sie nicht engagieren brauchen. Sie hat immer gewusst, wann alle Veranstaltungen waren. Sie war da! Immer!», erinnert sich Sylvia Segenreich. Bei Bar Mizwas, Bällen, Hochzeiten und offiziellen Veranstaltungen der Kultusgemeinde erschien die kleine Frau mit dem großen Blitzlicht und fotografierte, ob sie nun einen Auftrag hatte oder nicht: fröhliche Menschen, ausgelassene Feste, bunte Farben, modernes Leben in einer grauen Stadt. Die Bilder erzählen von dem Bedürfnis, das versäumte Leben nachzuholen; von dem Willen, trotz allem zu singen und zu tanzen. Heute sind ihre Bilder kulturgeschichtliche Dokumente der zaghaften Etablierung einer jüdischen Gemeinde, die seit den 80er Jahren von einer neuen Immigration aus Georgien und dem Kaukasus verstärkt worden ist. In Österreich bekannten sich 2001 bei der Volkszählung 8.140 Personen zum jüdischen Glauben. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) zählt rund 7.300 Mitglieder, davon 6.915 in Wien.

Margit Dobronyi wurde Zeugin, wie über vierzig Jahre hinweg ein buntes jüdisches Leben im kleinen Maßstab mit großer Energie wieder in Wien auflebte. Ihre Bilder reflektieren insbesondere das Lebensgefühl in der Wiener jüdischen Gemeinde der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. «Damals war man natürlich froh, dass es einen jüdischen Fotografen gegeben hat, weil da konnte man tanzen und singen, ohne sich von jemandem beobachtet zu fühlen, der nicht dazu gehört», sagt Jonas Zahler, und Leon Krawetz beschreibt, wie die Fotografin ihre Bilder an den Mann brachte: «Die Dobronyi ist ein Faktotum. Sie ist ein Wiener Original. Ich seh' sie vor mir, wie sie Samstag beim Café Europe am Graben herumgeht, mit ihrer Tasche, die relativ groß war, und schaut, ob jemand da ist, und wenn sie jemanden erblickt hat, ist sie sofort hineingegangen und hat diese riesige Tasche aufgemacht und da waren zehn, fünfzehn blaue Kuverts: ‚Ich hab' ein paar Fotos für Sie!'.» «Diese Ausstellung zeigt einmal mehr, dass Wien ohne seine jüdische Gemeinde nicht Wien wäre », sagte Vizebürgermeisterin Renate Brauner bei der Eröffnung der Ausstellung.

«Leben! Juden in Wien nach 1945» ist von 19. März bis 22. Juni 2008 von Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr im Jüdischen Museum (1010 Wien, Dorotheergasse 11) zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 320 Seiten und mehr als 250 großteils farbigen Fotografien im Mandelbaum Verlag zum Preis von € 24,90.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», April 2008