Zuviel Rauch in Israel. Foto: dpa

Mehr als Schall und Rauch

Drogen sind in Israel ein ernstes Problem. Für Menschen, die im Ausland «hängen bleiben» gibt es eigene Rettungstruppen

 

JERUSALEM - «Rauchst du?», fragte mich Ilan, der Mann einer Freundin und Vater eines inzwischen dreijährigen Kindes, als wir in seiner Wohnung standen. Ich hatte eine Zigarette in der Hand, inhalierte den Rauch, während ich mich umsah, und überlegte, was er von mir wollen könnte. Natürlich rauchte ich, und zwar genau in diesem Moment, und eigentlich konnte er es auch sehen. Den tieferen Sinn der Frage verstand ich einige Sekunden später, als er seinen Kopf tief in den Schrank unter der Spüle steckte, dort herum rumorte und schließlich eine zur Bong umgebaute Colaflasche hervorzauberte. Aha. Das war also «Rauchen». Während ich seine alten Schränke nach für mich brauchbaren Haushaltsgegenständen durchkramte, rauchte Ilan munter blubbernd vor sich hin. Danach brachte er mich mit dem Auto in meine Wohnung.

Am nächsten Tag sprach ich mit seiner Frau, die mir erzählte, dass sie gehört habe, ich «rauchte» nicht. Ihr Mann, in seinen späten Dreißigern, traf sich, so erfuhr ich jetzt, allabendlich mit einer Clique Gleichgesinnter und Gleichaltriger, um, wie sie es formulierte, «ganze Blumensträuße wegzurauchen».

Auch Moshe, Besitzer und gleichzeitig selbst bester Gast meiner Lieblingsbar in Jerusalem, war ohne Joint in der Hand nicht vorstellbar, und einst hing auf der Toilette der Bar ein Nest aus Putztüchern, in dem sich der Wochenvorrat Haschisch für ihn und eingeweihte Stammgäste befand. Zum Rauchen musste man das Etablissement verlassen und sich auf der Terrasse oder in einer der Gassen hinter dem Gebäude niederlassen. In eben dieser Bar hörte ich auch eines Abends, wie mein Nachbar Zion, ebenfalls Anfang 40 und religiös, versuchte, einen offensichtlich säkularen jungen Gast davon zu überzeugen, dass religiöses Judentum die beste Lebensform von allen sei. Um ihm dies besser begreiflich zu machen, lud er ihn ein, doch einmal abends bei ihm vorbeizukommen, um «gemütlich bei dem einen oder anderen Joint ein wenig Tora zu lernen.» Von dieser Art der religiösen Bekehrung doch überrascht, erkundigte ich mich bei Freunden, die mir erzählten, dass dies eine gängige Praxis sei.

Verwirrung bemächtigte sich meiner: Einerseits ist Israel ein Land, in dem amerikanische Vorstellungen von Gesundheit und Fitness einen festen Platz haben. In vielen Cafés und Bars gibt es mehr Nichtraucher- als Raucherplätze, und ein großer Teil der Bevölkerung plaudert bereits nach einem Glas Wein oder Bier locker aus dem Nähkästchen (was den in Deutschland aufgewachsenen Gesprächspartner meist vor Schreck an die Bar treibt, um ein zweites Getränk zu ordern). Andererseits gehört Haschisch fest ins Leben vieler Israelis aller Altersgruppen.

Das Einstiegsalter wird in Israel - wie auch in Europa - immer jünger, neueste Untersuchungen sprechen von Erstkonsumenten zwischen zwölf und 14 Jahren. Allein im Jahr 2006 wurden über 3.600 Untersuchungen gegen Jugendliche eingeleitet, denen Drogenmissbrauch vorgeworfen wird. Eine erschreckende Begleiterscheinung des Drogenkonsums immer jüngerer Jugendlicher sind als Drogendealer eingesetzte Kinder und Jugendliche, die «in Naturalien» für ihre Dienste entlohnt werden. So machte der Fall einer 13-Jährigen aus Beer Schewa Schlagzeilen, die für die Jugendlichen an ihrer Schule Drogen verkaufte und in Mengen für ihren eigenen Gebrauch bezahlt wurde.

Legalisieren vorteilhaft

Die grüne Partei Israels, «Ale Jarok», fordert in ihrem Grundsatzprogramm eine Legalisierung von Cannabis in Israel. Nach ihren Schätzungen werden mehr als eine Million israelischer Konsumenten durch die herrschende Gesetzeslage «kriminalisiert», und eine Legalisierung der Droge würde nicht nur diesen Konsumenten, sondern vor allem der israelischen Wirtschaft helfen, da nach vorsichtigen Schätzungen der Marihuana-Markt in Israel einen Wert von ungefähr 3 Milliarden Schekeln (rund 545 Millionen Euro) hat, und allein aus Mehrwertsteuereinnahmen von der legalisierten Droge könnte die Staatskasse umgerechnet rund 91 Millionen Euro) jährlich erhalten. Mit einer umweltgerechten Nutzung der Cannabispflanze in Israel könnten darüber hinaus Arbeitsplätze geschaffen und die Umwelt geschont werden.

Die dem Büro des Ministerpräsidenten untergeordnete staatliche «Behörde zum Kampf gegen Drogen» hat in ihren letzten Untersuchungen gezeigt, dass der Gebrauch von illegalen Drogen in Israel seit 1995 stark zugenommen hat. So haben in der Untersuchung des letzten Jahres annähernd 10 Prozent der Schüler (bis zum Alter von 18 Jahren) und 10,5 Prozent der Erwachsenen (bis 40 Jahre) angegeben, Drogen zu konsumieren.

Der prozentual höchste Anteil an Konsumenten findet sich allerdings in einer von keiner Statistik festgehaltenen Gruppe: den Rucksacktouristen, die nach dem Militärdienst oder während des Studiums Israel für eine längere Periode, von drei Monaten bis auf unbestimmte Zeit, verlassen, um die Welt kennen zu lernen und einen freien Kopf zu bekommen. Die Reiseziele sind Indien, Südamerika oder Europa. In Indien kommen nach offiziellen Schätzungen jährlich bis zu 20.000 israelische Touristen an, von denen, wiederum nach offiziellen Schätzungen der «Behörde zum Kampf gegen Drogen», 90 Prozent Rauschgift konsumieren. Die Besorgnis der Antidrogenkämpfer ging so weit, dass sie im Jahr 2004 eine Delegation nach Indien schickte, um die dort herrschenden Zustände zu überprüfen.

Die konsumierenden Touristen haben inzwischen auch zu Spannungen im israelisch-indischen Verhältnis geführt, und im Sommer vorigen Jahres sah sich der Sprecher der Antidrogenbehörde gar genötigt, eine Presseerklärung herauszugeben, in denen die israelischen Touristen gebeten werden, sich angemessen zu verhalten. Der Erklärung ist zu entnehmen, dass ein großer Teil des indischen Drogenmarktes von Israelis kontrolliert wird, und dass im Umfeld der feiernden Touristen neben Drogendelikten sich auch eine auf dieses Publikum zugeschnittene Szene von Kriminellen und Prostitutionsringen entwickelt hat, sehr zur Sorge der israelischen Regierung.

Vor etwas mehr als zwei Jahren wurde das «israelische Haus» in Indien eröffnet, das sich um die feiernden Touristen kümmert und das mit ihnen entsprechend der Touristensaison «wandert» (von Goa nach Manali und zurück) - nicht ohne Grund: von den 20.000 kehren jährlich 2.000 stark unter Drogeneinfluss stehend zurück, und 600 bis 700 von diesen leiden unter psychotischen Erkrankungen und müssen stationär behandelt werden. Bis vor wenigen Jahren landeten sie in den psychiatrischen Abteilungen der Krankenhäuser im Lande, doch dann wurde «Kfar Isun» gegründet, das «Balance-Dorf», wo die drogenkranken Touristen mit speziell auf sie zugeschnittenen Behandlungen zurück ins normale Leben geführt werden.

Abgedriftet in Indien

Doch die Rückkehr ist nicht so einfach: Da in den großen israelischen Touristengruppen in Indien Drogen zum Alltag gehören, dauert es meist einige Zeit, bis jemand bemerkt, dass der eine oder andere sich nicht normal verhält. Im besten Fall findet ein Mitreisender in den Taschen des Kranken ein Notizbuch oder ein Handy mit den Telefonnummern von zu Hause und verständigt Eltern oder Freunde, die alles weitere in die Wege leiten. Im schlimmeren Fall aber schreiten die Mitreisenden mit Hilfe örtlicher Ärzte und Apotheker selbst zur Behandlung und verabreichen den Kranken Psychopharmaka, die unter Umständen alles noch schlimmer machen.

Wird jedoch die Familie in Israel verständigt, stehen die Chancen auf Heilung gut: Spezielle Rettungstruppen, die in Israel wohl berühmteste ist die von Chilik Magnus und seinen Kollegen, werden ausgeschickt, um den Kranken nach Hause zu transportieren, nachdem vor Ort Erste Hilfe geleistet wurde. Manchmal reicht es auch, ein Familienmitglied auf die Reise vorzubereiten und ihm den nötigen Halt und das Know-how mit auf den Weg zu geben.

Magnus, der diesen Job schon lange macht, hat früher meist Israelis heimgeholt, die sich bei ihren Reisen in unwegsamem Gelände und auf herausfordernden Trekkingpfaden verletzt haben, doch in den letzten zehn Jahren hat sich das Bild verändert: Die meisten, die gerettet werden müssen, leiden an den Folgen von übermäßigem Drogenkonsum, und nur wenige bedürfen ambulanter medizinischer Hilfe wegen Unfällen.

Einmal in Israel angekommen, haben die meisten der psychotischen Fälle das Glück, nach «Kfar Isun» zu kommen, wo sie bis zu vier Monaten bleiben und behandelt werden. Hier gibt es alle Arten der Therapie, psychotherapeutische, psychiatrische und unterstützende Behandlung. Das «Dorf» selbst liegt idyllisch am Strand bei Caesarea. Die Hütten, in denen die Patienten untergebracht sind, sehen aus wie Ferienhäuser, und auf den ersten Blick macht das Ganze auch den Eindruck eines fröhlichen Ferienlagers für junge Leute (das Höchstalter für die Aufnahme in «Kfar Isun» beträgt 35 Jahre).

Auf den zweiten Blick und vor allem auf das zweite Hören holt den Besucher aber der Schock der Realität ein, die hier herrscht: Kein Gespräch, das irgendeinen Sinn macht, Verwirrung in den Augen der temporären Bewohner, Ziellosigkeit in Gebärden und Bewegungen. Doch durch den individuellen Ansatz gelingt es den Mitarbeitern sehr wohl, das eigene Ziel zu erreichen: Die meisten Insassen werden nach einigen Monaten zurück ins «normale Leben» entlassen, erhalten psychologische Begleitung noch über einen längeren Zeitraum und verabschieden sich irgendwann dankbar von ihrem «Dorf». So wie einer meiner besten Freunde, der sich in Indien versehentlich den Kopf weggeraucht hatte, den ich später in «Kfar Isun» besuchte und der inzwischen wieder ganz im Leben steht.

Alice Krück

«Jüdische Zeitung», Februar 2007