Vom Teilungsplan bis zur Unabhängigkeit

2. Teil der Reihe zur Geschichte der Entstehung Israels

 

Fotoikone aus der Zeit des Bürgerkriegs: Zu Pferd wurde in Wirklichkeit nicht gekämpft, sondern das wurde vielmehr für den Fotografen inszeniert. Foto: Boris Cami. Copyright: Meitar Collection Ltd

Nach Beschluss des UNO-Teilungsplans am 29. November 1947, der die Bildung eines jüdischen und eines arabischen Staates auf dem Gebiet zwischen Mittelmeer und Toten Meer, zwischen Galiläa und der Wüste Negev vorsah, begann der erste offene jüdisch-arabische Krieg, zunächst noch in der Form eines Bürgerkriegs. Dieser sollte bis zur Erklärung der Unabhängigkeit des jüdischen Staates, am 14. Mai 1948, andauern. Zunächst initiierte das Arabische Hohe Komitee einen dreitägigen Generalstreik im Land. Bald sollte eine Welle der Gewalt durch Mandatspalästina gehen. Der Bürgerkrieg war gekennzeichnet von harten und verlustreichen Guerillakämpfen zwischen den militärischen Verbänden des jüdischen Jischuv, der «Hagana», «Verteidigung», der «Etzel», «Nationale Militärische Organisation », und der «Lechi», «Kämpfer für die Freiheit Israels», sowie palästinensisch-arabischen Milizen, wie der mit arabischen Freiwilligen aus dem Umland verstärkten «ALA», der «Arabischen Befreiungsarmee», und lokalen Verbänden aus den Dörfern Palästinas. Die militärischen und terroristischen Auseinandersetzungen spielten sich dabei größtenteils auf dem Territorium ab, das dem jüdischen Staat im UNO-Teilungsplan zugedacht war. Am stärksten umkämpft waren zunächst die gemischten Städte Jerusalem, Jaffa-Tel Aviv, Haifa und Tiberias, sowie das Jezreel-Tal und die Küstenregion. Die britische Mandatsmacht regierte weiterhin nominell das Land, griff jedoch selten aktiv in das Geschehen ein. Der israelische Historiker Benny Morris belegt, dass die britischen Truppen bis März 1948, dem Zeitpunkt des Abzuges des verbliebenen Großteils der britischen Armee, faktisch den Einfall arabischer Truppen aus dem Umland verhinderte und oftmals als Begleitschutz für jüdische Konvois und gelegentlich auch für jüdische Siedlungen fungierte.

 

Vorstaatliche Strukturen

Dabei waren antisemitische Zwischentöne unter britischen Offizieren und Soldaten auch in den letzten Monaten der britischen Kolonialherrschaft an der Tagesordnung. Manchmal riefen Soldaten den Juden Palästinas, viele von ihnen Schoa-Überlebende, «Heil Hitler» entgegen und verkündeten, dass das von Nazi- Deutschland begonnene Werk in Palästina zu Ende gebracht würde. Der englische Premier Winston Churchill wiederum schätzte die meisten britischen Soldaten als pro-arabisch ein. Das änderte gleichwohl nichts am politischen Lavieren und den, zu bestimmten Teilen, pro-jüdischen Entscheidungen der britischen Regierung, argumentiert der israelische Historiker und Publizist Tom Segev. In einer Mischung aus Bibelromantik - in die sich auch antijüdische Ressentiments mischten - und unter Verkennung der Weltgeschicke, hätten die Briten lange einer zionistischen Lösung Vorrang vor den nationalen arabischen Interessen gegeben. Nur mit dem Einverständnis der Kolonialmacht Großbritannien konnten die Zionisten den Jischuv, die jüdische Siedlung, letztendlich aufbauen, so Segev. Der jüdische Jischuv verfügte zu Beginn des Bürgerkriegs über eine vorstaatliche Verwaltung, über eine eigene Armee, die «Hagana», eigene Siedlungen, eigene Schulen. Doch auch in den letzten Monaten der Mandatszeit fing die britische Marine an der Küste Palästinas landende Schiffe mit verzweifelten Schoa-Überlebenden ab. Die aus den Displaced-Persons- Lagern in Deutschland Gekommenen oder dem Nachkriegsantisemitismus in Europa Entflohenen sollten noch bis zur Staatsgründung durch die britische «Weißbuch»-Politik, der 1939 verhängten numerischen Einwanderungsbeschränkung für Juden nach Palästina, als heimatlose Flüchtlinge kriminalisiert und in Auffanglager im britisch kontrollierten Zypern gebracht werden. Der Ausgang des im Dezember 1947 einsetzenden Bürgerkriegs schien nicht vorhersehbar. Der Stabschef der Britischen Armee in Palästina glaubte noch zu Beginn der offen ausgetragenen Gewalt, dass die Araber die Oberhand behalten würden und «...dass die Juden aus Palästina geworfen werden, wenn sie sich nicht mit den Arabern einigen.» Andererseits äußerten die jüdischen Führer im Jischuv die Überzeugung, bei einer militärischen Auseinandersetzung mit den Arabern die Oberhand behalten zu können. Seit dem arabischen Aufstand der Jahre 1936 bis 1939 wurde diese Option offen in zionistischen Kreisen diskutiert.

 

Hohe Moral und Motivation

Auf dem Papier mutete der Kampf zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen ungleich an. Etwa 1,2 bis 1,3 Millionen Araber standen 650.000 Juden gegenüber. Zudem konnten die Bewohner auf ein weites Hinterland zurückgreifen, aus dem der Nachschub mit Freiwilligen und die Lebensmittelversorgung gesichert schienen, und das außerdem einen sicheren Hafen darstellte. Das jüdische «Hinterland» lag dagegen viele tausend Kilometer entfernt: in der durch die Schoa pulverisierten Diaspora. Jüdische Waffen- und Hilfslieferungen mussten außerdem bis März 1948 erst die Blockade der britischen Marine vor den Küsten des Landes überwinden. Der jüdische Jischuv genoss jedoch einen entscheidenden Vorteil gegenüber den palästinensischen Arabern: eine nationale Organisation, Vorbereitung zum Kampf, ausgebildete Männer, Moral und Motivation und, vor allem, eine klare Kommandostruktur und Kontrolle. Die jüdische Gemeinschaft zählte mehr Männer im wehrhaften Alter als das palästinensische Gegenüber. Dieser Umstand resultierte nicht zuletzt aus der dezidierten jüdischen Einwanderungspolitik der letzten Jahre vor der UNOTeilungsentscheidung, so viel wie möglich junge jüdische Männer ins Land zu bringen. Zu Jahreswechsel 1947/48 war die jüdische Gesellschaft hoch motiviert, fast vollständig alphabetisiert, gut organisiert und die Wirtschaft halbindustriell entwickelt. Die arabische Gesellschaft demgegenüber war rückständig, größtenteils analphabetisch, unorganisiert und ihre Wirtschaft basierte größtenteils auf Agrarwirtschaft. Die arabischen Eliten in den Städten wie Lydda, Ramle und Jaffa, erreichten mit ihrer Idee einer Nationalstaatlichkeit nicht den Durchschnittsaraber dieser Zeit. Loyalitäten waren wichtiger gegenüber der Familie, dem Clan, dem Dorf und gegebenenfalls auch der Region. Außerdem hatten Jahrzehnte von Fehden, die durch die Kolonialpolitik Großbritanniens und den jüdischen Jischuv noch verschärft wurden, die palästinensische Gesellschaft tief gespalten - von den prominenten Jerusalemer Familien der Husseinis und Nashashibis bis in die Dörfer nach Galiläa. Landverkauf an die Zionisten galt offiziell als Tabu, wurde jedoch, nicht zuletzt aufgrund der im Weltmaßstab sehr hohen Bodenpreise, immer praktiziert. Auch der arabische Aufstand der Jahre 1936 bis 1939, der die erste Teilungsempfehlung des Landes und die Politik des «Weißbuches» zur Folge hatte, hinterließ seine Spuren. Viele einstige arabische Führer waren getötet oder im Exil. Unter vielen palästinensischen Arabern herrschte ein genereller Unmut, so bemerkt der israelische Historiker Morris, gegenüber einem neuerlichen bewaffneten Kampf. Und so gab es auch keine umfassenden Vorbereitungen auf einen Bürgerkrieg und eine nur geringe militärische Ausbildung. .

 

Numerische Überlegenheit

Der Kontrast zur zionistischen Gesellschaft war enorm. Keine Gruppe war derart motiviert wie die jüdische in Palästina. Die Schoa hatte gezeigt, dass sich die Juden auf niemanden verlassen konnten. Ende der 1940er Jahre war der Jischuv vermutlich eine der politisch aktivsten und bestorganisierten Gesellschaften der Welt. Neben der «Hagana» agierten die Jewish Agency - mit Kabinett, Außenminister, Finanzminister - als quasi-staatlicher Akteur. Es gab ein Steuersystem, Schulsystem, eine Gewerkschaft. Im Gegensatz zu den Arabern Palästinas verfügte der Jischuv über eine hochtalentierte Elite, erfahren in Diplomatie, Wirtschaft und Militärwesen. Auch die Zionistische Weltorganisation spielte eine gewichtige Rolle. Golda Meir, die spätere Ministerpräsidentin, sammelte allein in den Monaten von Januar bis Mai 1948 50 Millionen Dollar Spenden für den Jischuv. Die Geldmittel wurden nicht zuletzt für den Waffenkauf verwendet. Der große Strom arabischer Freiwilliger, die den Palästinensern nach Verkündung des Teilungsplans helfen sollten, die Juden zu vertreiben, blieb aus. Historiker wie Morris sprechen von etwa 5.000, meist mangelhaft ausgebildeten Männern aus Syrien, Irak und anderen arabischen Anrainern, die ab dem Januar 1948 kamen, um die Juden am Errichten ihres Staates zu hindern. Zu Beginn der Kämpfe im Winter 1947/48 zählte die «Hagana» dagegen circa 35.000 Mitglieder. Der «Palmach», die am besten ausgebildete «Sturmeinheit», bestand im November 1947 aus 2.100 Mitgliedern und weiteren 1.000 Reservisten. Die Verbände der revisionistischen «Etzel» beliefen sich auf drei- bis viertausend Mann, die radikale «Lechi» hatte zwischen drei- und fünfhundert Kämpfer. Die drei jüdischen Militärorganisationen operierten zumeist unabhängig voneinander. Besonders der effektive Führungsstil und die Organisationsstruktur der «Hagana » sollten sich später bei den Kämpfen bezahlt machen. Ende November hatte die «Hagana» etwa 16.000 leichte Waffen, 1.000 Maschinengewehre, 750 Raketenwerfer. Die meisten der dreihundert jüdischen Siedlungen begannen den Krieg gut vorbereitet mit Gräben, Bunkern, Stacheldrahtzäunen und Minenfeldern. Allerorten waren kleine Festungen errichtet worden. Aber es gab auch Schwachpunkte. Die «Hagana» hatte keine Panzer, nur ein paar gepanzerte Fahrzeuge, nur ein paar Zivilflugzeuge und nur sehr begrenzt Munition. In den Wochen nach der UNO-Teilungserklärung entstanden viele spontane arabische Guerillaverbände mit jeweils drei- bis fünfhundert leichtbewaffneten Männern. Die größten Gruppen operierten in den Bergen von Ramallah und Jerusalem und in der Region von Lydda, dem heutigen Lod. Die größte Kampftruppe der Araber war die «Arabische Befreiungsarmee», zumeist aus Freiwilligen aus Syrien rekrutiert. Fünf- bis sechstausend Mann zählte diese phasenweise, verfügte über Mörser und einige Raketenwerfer. Von den 800 palästinensischen Dörfern waren etwa 450 an den Auseinandersetzungen im Bürgerkrieg beteiligt und stellten eigene Milizen von zehn bis hundert Mann. Die Kooperation und Kommunikation unter den palästinensischen Kampfverbänden war unzureichend. Viele palästinensische Dörfer suchten Nichtangriffsabkommen mit jüdischen Nachbarsiedlungen. Einige stellten sich im Verlauf des Krieges auf die jüdische Seite, wie beispielsweise die drusischen Gemeinden. Gerade in den großen, gemischten Städten, Jerusalem, Jaffa-Tel Aviv und Haifa, tobten von Beginn an schwere Kämpfe. Nach vereinzelten Gefechten in den Vortagen griffen am 8. Dezember arabische Bewaffnete das Tel- Aviver Viertel Hatikva an. 60 Araber und zwei Juden wurden in diesen ersten schweren Auseinandersetzungen des Krieges getötet. In Jerusalem kam es im Februar zu den schwersten Gefechten, als arabische Kämpfer das jüdische Viertel «Jamin Mosche» beschossen. Die britischen Truppen, bereits bei der Vorbereitung des Abzuges, taten nicht genug, um die Kämpfe zu verhindern. Die Zeit von Dezember 1947 bis März 1948 war gekennzeichnet durch Überfälle der arabischen Guerillas auf jüdische Fahrzeugkonvois oder Siedlungen. Die jüdischen Verbände hielten sich auf Weisung der Führung unter David Ben-Gurion in der Defensive. Die radikalen Verbände der «Etzel» und «Lechi», im geringeren Maße auch die der «Hagana», reagierten in den ersten Monaten des Bürgerkriegs mit Vergeltungsschlägen auf Zivilisten oder Zentren von arabischen Milizen. Palästinenser verübten wiederum gewaltsame Attacken auf zivile und militärische jüdische Ziele, besonders in Jerusalem. Die Spirale der Gewalt drehte sich immer höher, der Einsatz von Terror gehörte auf beiden Seiten mittlerweile zum Alltag. Allein im Dezember 1947 wurden 37 Araber in Jerusalem durch Aktionen der «Etzel» getötet. Ein Anschlag auf eine arabische Bushaltestelle mit sechs Toten und dutzenden Verletzten führte zu einem anschließenden Massaker von arabischen Raffineriearbeitern an ihren jüdischen Kollegen. 39 Juden wurden getötet und 50 verletzt, ehe die britische Armee eingriff. Als Antwort auf das Massaker initiierten die «Hagana» und die Spezialeinheiten der «Palmach» Strafmaßnahmen, wobei 76 arabische Dorfbewohner getötet wurden.

 

Kriegsalltag eines Schriftstellers

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Arnold Zweig lebte zur Zeit des Bürgerkriegs in Haifa. Die britische Stadtkommandantur in Haifa richtete in dem Häuserkomplex auf dem Karmel, der mehrheitlich von deutschen Juden bewohnt war, eine mit Stacheldraht gesicherte Sicherheitszone ein, genau dort, wo Zweig wohnte. Die Briten evakuierten ihn aus seiner Wohnung in ein Haus in die «deutsche Kolonie» in der Unterstadt Haifas. Dort war die Gefahr durch die monatelang dauernden Kämpfe zwischen Arabern und Juden besonders groß. Für Zweig, der sich sehr für die Verständigung mit den Arabern engagiert hatte, barg der Krieg eine persönliche Tragik. Angesichts der Unruhen wollte Zweig nicht länger in seinem Exil in Haifa leben. Er wollte eine «vorläufige» Trennung vom Land und - so seine Begriffswahl - «auf Urlaub» gehen. In Anspielung auf die kriegerischen Ereignisse im Existenzkampf um den Judenstaat meinte er: «Auf einem Kriegsschauplatz kann nicht gedruckt werden. Und nur durch die Post also laufen Honorare ein». In den Monaten zwischen Teilungsbeschluss und Staatsgründung saß Zweig in Haifa und wartete auf die Möglichkeit, sich wieder in Europa niederzulassen. Zweig war als Briefschreiber ein genauer Chronist der Ereignisse dieser bewegten Monate. In einem Schreiben an seine frühere, aus Prag stammende Sekretärin Ruth Klinger am 25. März 1948 skizzierte er die Situation: «Was würden Sie dazu sagen, wenn Sie zwischen dem Hadar und Bath Galim nur in eisengepanzerten völlig geschlossenen Autobussen fahren könnten? Was, wenn Sie außer dem Preis für ein Kino-Billett auch noch den einer Übernachtung im Hotel einkalkulieren müssten, falls Sie, im Kino sitzend, von draußen das Getümmel einer lebhaften Infanterieschlacht hören würden? Ich male nicht schwarz, sondern erzähle Ihnen kleine Züge aus dem Leben von Menschen, die in der Carmel Avenue wohnen wie wir. Niemals sind mir meine Kriegsromane so auf die Bude gerückt wie am 18. dieses Monats, wo mehrere Stunden lang Schusswechsel großen Stils zwischen arabischen Banden und britischer Infanterie stattfanden. Da besetzten Pickete von rotbemützten Airborne Division Soldiers meine beiden Balkons, um die Scharfschützen zu entdecken, die zum Teil auf dem Karmelabhang, zum anderen in den Gärten der deutschen Kolonie mit Maschinengewehren lagen schwere 60-Tonnen-Tanks mit 7,5er- Geschützen und M.G.s patroullierten unsere Vinestreet und die darüber gelegene Abbas- Street und brachten die Banden zum Weichen: zum Andenken gab ich dem Sergeanten unseres Pickets ein Exemplar der Neuauflage des ‚Sergeant Grischa' für seine Kompanie-Bibliothek. Von diesem Tage an haben wir Ruhe, weil nämlich all die Straßenecken hier von der Marinedivision aus Malta, grüne Mützen, mit leichten Kampfwagen während der zwölf Stunden des Tages besetzt bleiben.»

 

«Operation Dalet»

Ab März 1948 wurde diese Unterstützung britischer Verbände beim Schutz jüdischer Konvois und Siedlungen zunehmend geringer. In der Folge nahmen auch Hinterhalte arabischer Verbände zu. Im März 1948 sperrten palästinensische Truppen die Straße nach Jerusalem und isolierten so etwa 100.000 Juden vom restlichen Jischuv. Die Versorgungslage für die Juden in Jerusalem verschlechterte sich dramatisch. Die Führung des Jischuv beschloss im Frühjahr 1948 die militärische Offensive. Am 1. April 1948 begann die «Hagana» mit der «Operation Dalet». Diese hatte zum Ziel, alle dem jüdischen Staat zugedachten Gebiete sowie jüdische Siedlungen jenseits der UN-Grenzziehungslinie als auch die Verbindungswege zwischen den jüdischen Siedlungsgebieten und den freien Zugang nach Jerusalem zu sichern. Insbesondere an der Straße von Tel Aviv nach Jerusalem kam es zu heftigen Kämpfen. In der «Operation Nachschon» wurden nach schweren Gefechten das strategisch wichtige Dorf al-Kastel von jüdischen Verbänden erobert, bei dem auch der arabische Milizführer Abd Al-Qadir Husseini getötet wurde. Am 9. April 1948 drangen Abteilungen des «Etzel» ins nahe gelegene arabische Dorf Deir Jassin ein und richteten ein Massaker an, dem über 250 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Nachrichten über diese und ähnliche Greueltaten verbreiteten sich in Windeseile unter der arabischen Bevölkerung und führten vielerorts zu deren Flucht. Das Massaker von Deir Jassin hatte wiederum blutige Terroraktionen palästinensischer Milizen zur Folge: So wurden bei einem Überfall am 13.April 1948 auf einen Fahrzeugkonvoi mit jüdischen Verwundeten, Ärzten und Krankenschwestern auf dem Weg nach Jerusalem über 70 Menschen ermordet. In der zweiten Aprilhälfte fiel im Rahmen des Offensivplans «Dalet» eine Reihe von arabischen Stadtteilen und Dörfern gewaltsam in die Hände der Verbände der «Hagana». Haifa, Tiberias und Beisan wurden vor Monatsende genommen, die arabischen Bewohner flohen oder wurden vertrieben. Insgesamt sollen zwischen 70.000 und 100.000 Araber in den Monaten des Bürgerkriegs ihre Städte und Dörfer verlassen haben. Die arabische Seite beschuldigte die Britische Militärverwaltung der Mitverantwortung für die humanitäre Katastrophe. Die von beiden Seiten mit großer Härte geführten Auseinandersetzungen im Bürgerkrieg forderten zwischen Dezember 1947 und März 1948 schätzungsweise über 2.000 Menschenleben, etwa 100 Tote pro Woche. Die Zahl der Verwundeten soll sich auf über 4.000 belaufen. Die strategische Lage hatte sich für den jüdischen Jischuv bis Ende April erheblich verbessert. Die Ausrufung der Unabhängigkeit des Staates sollte wie beabsichtigt am 14. Mai 1948 erfolgen. Die globalpolitische Lage in Bezug auf die Anerkennung des jüdischen Staates durch die Vereinten Nationen drohte sich jedoch im Frühjahr 1948 zu wandeln.

 

Die Fotos wurden freundlicherweise von Alexandra Nocke zur Verfügung gestellt und erschienen erstmals in: Nocke, Alexandra: Boris Carmi. Photographs of Israel. Prestel-Verlag: München u.a., 2004

Miriam E. Fried und Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», April 2008