Alle Formen finden sich in der Natur

Der Berliner Martin-Gropius-Bau

 

Negev Monument, 1963-68 Beerscheba, Israel. Copyright: Dani Karavan, Foto:David Rubinger

Im Rahmen des Programms zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels widmet sich erstmals in Deutschland eine Retrospektive umfassend dem Werk des israelischen Künstlers Dani Karavan. Der Künstler selbst hat die Ausstellung, die zuvor im Tel Aviv Museum of Art zu sehen war, für Berlin mitgestaltet. Wie in seinen Arbeiten im öffentlichen Raum, so gestaltet er auch die Installationen seiner Ausstellungen immer ortsspezifisch und bezieht dabei auch ihre historische Bedeutung mit ein.

Bereits am Eingang des Martin-Gropius- Baus, wo sich einst die Berliner Mauer befand, begegnet dem Besucher eine Black Box aus Holzbohlen, mit der Karavan auf die wechselvolle Geschichte dieses speziellen Ortes Bezug nimmt - auf die nationalsozialistische Vergangenheit, auf die Teilung und auf die Wiedervereinigung.

Im ersten Obergeschoß, gleich zu Beginn der Ausstellung, lernt der Besucher das «Alphabet» Dani Karavans kennen. Eine Installation, zu der auch ein Film gehört, versetzt den Betrachter in eine andere Welt. Ein Raum der Ruhe und der Kontemplation, in dem die Grundelemente seiner auf den Ort bezogenen, begehbaren Kunstwerke, den «Environments», zu sehen sind: Sand, Wind, Licht und die Vegetation, die hier durch Feigenkakteen, der Sabra, vertreten ist. Der Sand steht für Dani Karavan als Sinnbild des Formbaren und des Flüchtig-Vergänglichen zugleich. Karavan, 1930 geboren, wuchs an den Dünen Tel Avivs gemeinsam mit arabischen Kindern heran. Sein Er erinnert sich:

 

«Als Kind traf ich eines Tages eine Entscheidung. Wenn ich einmal groß sein würde, beschloss ich, dann würde ich eine große Zeichnung im Sand machen und diese dann weiterentwickeln. Dies schien mir der ursprüngliche Zustand der Skulptur zu sein, auch wenn die Linien, die ich in den Sand zeichnete, oder die Formen, die ich schuf, vom Wind verweht werden würden.»

 

Karavans Eltern kamen als Pioniere 1920 nach Palästina, wo sein Vater als leitender Landschaftsarchitekt für Tel Aviv maßgeblich von den 1940er bis in die 1960er Jahre tätig war.

Die entscheidenden Jahre seiner Jugend verbrachte Dani Karavan im Spannungsfeld zwischen der Natur, der neu entstehenden, vom Bauhaus-Stil geprägten Stadt Tel Aviv und der politischen Situation in Israel.

Karavans tiefe Verankerung in der Natur, die seine künstlerische Arbeit stets begleitet, beschreibt der Künstler mit folgenden Worten:

 

«Ich habe mich niemals der Natur anpassen müssen, sie war stets Teil meiner Kindheit.»

 

Der große Verdienst dieser Ausstellung ist es, dass sie dem Besucher Karavans Werdegang und seine künstlerische Entwicklung von der Malerei über das Relief, seinen Bühnenbildern hin zum bildhauerischen Werk seiner ortspezifischen Environments veranschaulicht. Zum ersten Mal ist hier auch Karavans Frühwerk zu sehen. Zeichnungen und Aquarelle, die die Natur zum Thema haben und schon auf die spätere Reduktion auf geometrische Formen hindeuten. Klare, sparsame Linien und der Umgang mit der Leere, der stets Teil seiner Arbeiten ist, sind bereits hier schon deutlich ausgeprägt.

Karavan gehörte in seiner Jugend dem ha Shomer ha Tsa'ir (Der Junge Wächter), einer sozialistisch, politisch engagierten Jugendbewegung, die ihn maßgeblich prägte, an. Seine Grundhaltung die von Humanismus, Zionismus und von einem tiefen Wunsch nach einem Frieden zwischen den Kulturen gezeichnet ist, hat hier ihre Wurzeln. Im Rahmen dieser Jugendbewegung schuf er Buchillustrationen, in denen der Einfluss deutscher Expressionisten sichtbar wird. Karavan beschäftigte sich in dieser Phase intensiv mit den Werken von George Grosz und Käthe Kollwitz. Nach einem Kunststudium in Tel Aviv und Jerusalem studiert er 1956/57 in Florenz die Freskotechnik und die Werke der Renaissance. Später gestaltet er Bühnenbilder für Martha Graham und unter anderem auch für die von ihm mitbegründete berühmte Batsheva Dance Company.

Mit seinem Entschluss, Kunst für den öffentlichen Raum zu gestalten, entzog sich Karavan dem Kunstmarkt. Karavans Werk ist stets politisch, jedoch ohne plakativ zu sein. In all seinen Werken setzt er sich für Frieden und Toleranz und die grundlegenden Menschenrechte ein.

Seine Intention ist es, durch die sinnliche Erfahrung eines Environments zur Auseinandersetzung mit dem spezifischen Ort und seiner historischen Bedeutung anzuregen. Seine Herangehensweise beschreibt der Künstler folgendermaßen:

 

«Jede Idee wird für einen ganz bestimmten Ort entwickelt und zwar so, dass sie ein organischer Teil eben dieses Ortes wird.»

 

Mit seinem «Negev Monument» (1963- 1968) zur Erinnerung an den Unabhängigkeitskrieg 1948, Karavans erstem Environment, erlangte der Künstler international große Aufmerksamkeit. Mit diesem Werk, einem begehbaren, aus klaren geometrischen Formen bestehenden «Skulpturendorf», das in der kargen Weite der Wüste, in der Nähe der Stadt Beer Scheva gelegen ist, legte er den Grundstein für all seine späteren Environments. Das Skulpturenensemble steht wie eine Festung in der Wüste. Neben der Landschaft bezieht er das Licht und den Wind, den er durch Windorgeln hörbar macht, sowie Schrift in Form von in die Wand eingeschriebenen Kriegstagebüchern und einer Liste mit den Namen der gefallenen Soldaten mit in seine Skulpturen ein. Der Besucher erfährt, in dem er die Skulpturen begeht, Enge und Weite, Licht und Schatten, Bedrängnis und Befreiung.

Passagen. Hommage an Walter Benjamin, 1990-1994 Portbau. Copyright: Dani Karavan, Foto: Jaume Blasi

All seinen Environments gemeinsam ist der intensive Dialog zwischen Mensch, Natur und Kunst.

 

«Alles, was die Menschen wissen, geht auf die Natur zurück. Alle Formen, ob verborgen oder offen, finden sich in der Natur. Selbst Dinge, die nur in der Imagination oder im Unbewussten existieren, entstammen der Natur.»

 

Ebenfalls aufsehenerregend ist sein Walter Benjamin gewidmetes Werk «Passages» (1990-1994) in Portbou, dem Ort an der spanisch-französischen Grenze, an dem sich der Philosoph Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nationalsozialisten 1940 das Leben nahm.

Hier steigt der Besucher auf einer steilen Treppe, die scheinbar ins Nichts führt, hinab. Unten angekommen, trennt ihn lediglich eine Glasscheibe, in die ein Zitat Benjamins das an die «Namenlosen» erinnert, eingelasert ist, das an die «Namenlosen» erinnert, vom tosenden Meer.

Seit seiner Teilnahme an der documenta 6 in Kassel 1977 sind in Deutschland zahlreiche Werke für den öffentlichen Raum entstanden. Unter ihnen sind «Ma'alot» (1979-1986) in Köln, die «Straße der Menschenrechte» in Nürnberg (1989-1993) «Mima'amakim» in Gelsenkirchen (1997) sowie «Mizrach» in Regensburg (2005).

In Filmen werden diese und viele andere Environments und Installationen Karavans, die über die ganze Welt verstreut in Japan, Israel, Südkorea, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Spanien und Dänemark zu finden sind, für den Besucher ansprechend in Szene gesetzt.

Für das wiedervereinte Berlin schuf Dani Karavan zwei Werke «Grundgesetz 49» (2002) am Jakob-Kaiser-Haus und «Mifgash - Herrenabend » (2004-2005)im Skulpturenpark der Villa Lemm in Gatow. Die Einweihung seines dritten Werkes, «Hommage an den Holocaust der Sinti und Roma», war eigentlich zeitgleich mit der Eröffnung seiner Retrospektive geplant. Nachdem nun schließlich eine Einigung über die Inschrift mit allen Opfergruppen erzielt wurde, soll dieses Jahr noch mit dem Bau begonnen werden. Karavans Projekte, die im öffentlichen Raum entstehen und öffentliche Verbände und Institutionen als Auftraggeber haben, erstrecken sich aufgrund der ihnen innewohnenden demokratischen Prozesse, die Karavan durchaus als Teil seines Kunstwerkes betrachtet, oft über mehrere Jahre, manchmal auch über Jahrzehnte, wie bei seinem Werk «Axe Majeur» in Cergy-Pointoise bei Paris, das 1980 begann und im nächsten Jahr abgeschlossen sein soll. Dani Karavan lebt und arbeitet heute in Tel Aviv, Florenz und Paris.

 

Die Ausstellung ist bis 1. Juni 2008, täglich, außer Dienstag, 10 bis 20 Uhr; im Martin-Gropius-Bau Berlin zu sehen. Führungen: 0172/923 76 76

Sigalit Meidler-Waks

«Jüdische Zeitung», April 2008