Ausstellungstipp

Einfache Dinge

 

In seinen Aquarellen und Lithographien beschränkt sich Vadim Brodsky ganz auf das Wesentliche. Die Figuren rücken in die Nähe der Karikatur und vermitteln zugleich den Eindruck unbeschwerter Kinderzeichnungen. Details werden auf den Aquarellen mit einem sparsamen Bleistiftstrich gesetzt. Brodsky verzichtet auf expressionistische Ausdeutung der Gesichter, seine Figuren bleiben anonym, oft sind die Gesichter ausgespart, die Mimik ist nur angedeutet. So wird vom Künstler nichts vorgegeben, das Werk bleibt unbestimmt und offen für die Interpretation. Gelegentlich sind die Figuren durch ihre Attribute oder die Kleidung, also durch ihre soziale Maske charakterisiert. Immer wieder taucht der Herr mit Gehrock und Zylinder auf. Frauen erscheinen meist mit aufgetürmtem Haar und Abendkleid. Brodsky schreibt: «Es gibt bestimmte russische Dichter, welche mich durch mein Leben begleiten, so wie es viele Bücher gibt, Bilder oder Musik, die Teil unserer Welt wird. Sie existieren einfach wie andere vertraute Dinge, wie Bäume oder Berge oder deine Freunde und Verwandten. Aber manche Texte sind besonders anziehend und provokativ und in der russischen Prosa muss ich hier neben Gogol die Arbeiten von Tschechow erwähnen, vor allem seine Stücke. Es ist wichtig für mich, Charaktere zu zeichnen, die ich als lebendige Personen erfahre mit all ihren eigenen besonderen Individualitäten. Das gibt mir vielleicht einen Hinweis von ihrer physischen Erscheinung und lässt mich die Person vorstellen, die ich zeichne.» Brodsky ist ein souveräner Zeichner, der seine Virtuosität nie zur Schau stellt. Darüber hinaus lässt er viel Zwischenraum um die Formen, so dass sie sich nie gegenseitig bedrängen. Hier kann sich jede Form entfalten, hier atmet gleichsam jeder Pinselstrich und versprüht Heiterkeit und Gelöstheit. Oft sind die Bildgegenstände frei im Bildraum angedeutet. Sie sind den Gesetzen der Schwerkraft nicht unbedingt verpflichtet. Die Farbklänge sind pastellig weiche Zwischentöne.

In der St. Petersburger Eremitage gibt es eine kleine Sammlung von Matisse, die Brodskys stilistische Entwicklung geprägt hat. Daneben liebt er Kunst von Kindern, naive Malerei und Chinesische Tuschmalerei.

Das inspirierte Bild gilt in der Chinesischen Malerei als das Schwierigste überhaupt, weil sich der Geist des Malers dabei der kindlichen Wahrnehmung nähert in absichtslos unbeschwerter Weise.

 

Bis 18. Mai in der Jüdischen Galerie, Oranienburger Straße 31 in Berlin zu sehen.

Sanna Böswirth

«Jüdische Zeitung», April 2008