Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Es kann wieder passieren»Dennis Gansel, Regisseur von «Die Welle», im Gespräch
Das Experiment aus dem Jahr 1967, das schnell aus dem Ruder lief und vorzeitig abgebrochen werden musste, gilt heute als legendär und diente als Vorlage für einen Roman und einen Film. Eine Neubearbeitung des deutschen Regisseurs Dennis Gansel, der die Handlung in das heutige Deutschland überträgt, läuft seit Mitte März in den deutschen Kinos. Der 1973 in Hannover geborene Gansel studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und machte zunächst mit einer Reihe von Kurzfilmen auf sich aufmerksam. Dennis Gansels - Filmdebüt «Das Phantom», ein RAF-Politthriller mit Jürgen Vogel - der auch seinem jüngsten Film den Lehrer Rainer Wenger spielt - wurde im Mai 2000 im Fernsehen ausgestrahlt und gleich mit drei Adolf- Grimme-Preisen ausgezeichnet. Für den Film «Napola - Elite für den Führer» erhielt Dennis Gansel den Bayerischen Filmpreis 2005. «Napola» sei in verschiedener Hinsicht bemerkenswert, schrieb die Filmkritikerin Andrea Mirbeth: «Gansel hat sich mit dieser Arbeit in die erste Reihe deutscher Nachwuchsregisseure katapultiert. Er widmet diesen Film seinem vor zehn Jahren verstorbenen Großvater, der Ausbilder an einer Reichskriegsschule war. Es ist ein Film übers Erwachsenwerden und eine große Freundschaft. Ein Werk, das nach der Verführbarkeit der Jugend im Dritten Reich fragt - ohne schlau zu tun, denn eine definitive Antwort gibt es nicht.» Auch in «Die Welle» hat Gansel Erzählkino für ein großes Publikum gemacht: spannend und unterhaltsam, nie zynisch oder anklagend. Es geht um Mitläufertum, Widerstand und die Suche nach eigenen Werten im Leben.
Wie sind Sie auf das Buch, auf das Thema der «Welle» gestoßen? Ich kannte das Buch aus der Schule, ich habe es als Schüler mit zwölf Jahren lesen müssen. Es hat mich damals sehr beeindruckt.
Warum haben Sie gerade jetzt das Thema der «leichten Verführbarkeit zum Faschismus» aufgegriffen und verfilmt? Das hat sich alles durch eine Diskussion unter Freunden ganz spontan ergeben. Wir wollten voneinander wissen, wer sich noch an die «Welle» erinnern konnte. Da tauchte die Frage auf, ob so etwas heute wieder passieren könnte. Alle meinten, auf gar keinen Fall, wir hätten schon so viel über die Nazizeit gelernt. Es wäre nicht möglich, da Deutschland, Frankreich, eigentlich wir alle schon so aufgeklärt seien. Je länger wir aber darüber gesprochen haben, umso unsicherer wurden wir. Was passiert, wenn eine große Krise in Deutschland ausbricht? Wenn die Verführung vielleicht unpolitisch daherkommt, wenn der Lehrer extrem charismatisch und ein seelischer Rattenfänger ist und alles gut einfädelt: Zum Beispiel, wenn es weniger um Ideologien, Politik geht, sondern um den Spaßfaktor, nur um gemeinschaftlichen Zusammenhalt.
War es leicht, sich die Filmrechte aus den USA zu holen? Nein, wir haben uns bereits seit Jahren bemüht, den Stoff zu kaufen und zu verfilmen. Die Rechte waren bei den Sony-Filmstudios, und die Amerikaner geben sehr ungern Filme heraus. Unserem Co-Produzenten Martin Moszkowicz (Sohn des jüdischen Film- und Theaterregisseurs Imo Moszkowicz aus München - Red.) ist es dann mit viel Charme und Produzentenscharfsinn doch noch gelungen. Damit war die Auflage verbunden, nur einen deutschen Film zu machen.
Sie haben dabei große Unterstützung von dem Initiator des Experimentes, Ron Jones, erhalten: Aufgrund seiner Protokolle, die der USLehrer selbst zu diesem Thema veröffentlichte, entstand das Drehbuch. Haben Sie sich an diese Vorlage von 1972 gehalten? Unsere neue «Welle» spielt hier und jetzt. Wir wollten zeigen, dass auch 2008 so etwas wieder möglich ist, weil gruppendynamische Phänomene immer wieder gleich ablaufen. Der Unterschied liegt einzig in den Inhalten: Denn entscheidend ist, wofür man sich einsetzt.
Der Schluss ist in ihrem Film viel dramatischer als die US-Vorlage, er endet mit dem bewaffneten Amoklauf eines Schülers. Ja, weil heute oft Schüler arrogant meinen, sie würden nie auf so eine plumpe Agitation hereinfallen. Manche sind durch diverse Auschwitz- Filme geschockt worden und haben, wie ich, im fächerübergreifenden Unterricht - sowohl in Deutsch, Biologie und sogar in Sport - einiges über die NS-Zeit erfahren. Sie glauben einfach, dass eine Diktatur heute nicht mehr möglich ist.
Merken Sie in Deutschland eine Übersättigung an dem Thema? Ja, schon, weil ja auch viele Filme so plakativ daher kommen. Wenn ich mir heute Reden von Hitler anhöre und Filme wie den «Untergang » anschaue, dann wirkt das unfreiwillig komisch. Aber wenn ein faszinierender Lehrer, wie der großartige Jürgen Vogel in unserer «Welle», eine richtige Stammtischrede hält, voll gestopft mit lauter Plattitüden, die wie Titelzeilen von Boulevardmagazinen klingen, dann ist das schon wirksam. Seine Aussage lautet eigentlich: Schaut, wie weit ich euch treiben kann - und wie weit ihr bereit seid zu gehen.
Haben Sie familiäre Erfahrungen mit der NS-Zeit? Meine Großeltern waren von Hitler überzeugt, sie waren keine Nazis, eher konservativ eingestellt. Dafür war mein Vater ein 68er und extrem links eingestellt. Die beiden Generationen konnten überhaupt nicht miteinander reden: Mein Vater sagte, «du bist ein alter Nazi». Und mein Großvater beschimpfte meinen Vater als einen «linken Krawaller». So wird man natürlich beiden Seiten nicht gerecht.
Wie sind Sie als junger Mensch mit diesem Konfliktpotenzial umgegangen? Ich, als dritte Generation, habe eben das Bedürfnis verspürt, die Verführbarkeit aufzuzeigen. Eben nicht alle Leute von damals für Idioten zu erklären, sondern den psychologischen Ursprüngen nachzugehen. Schon mit meinem Film über die Eliteschule Napola habe ich dargestellt, wie die Verführung im Dritten Reich funktioniert hat. Es war das Bemühen, für ein heutiges Publikum das verstehbar und emotional nacherlebbar zu machen, damit sie nicht auf den Mechanismus dahinter hereinfallen.
War die «Welle» eine Folge Ihrer Beschäftigung mit der Napola? Es war der nächste logische Schritt als Filmemacher, die Verführbarkeit zum Faschismus zu zeigen, das diktatorische und gruppenpsychologische in die heutige Zeit zu transferieren. Vor allem, weil bei uns in Mitteleuropa das Gefühl vorherrscht, diese schreckliche Geschichte des 20. Jahrhunderts sei noch so präsent, dass wir alle davor gefeit sind.
Aber wir sind es eigentlich nicht? Ron Jones hat in unseren Gesprächen immer wiederholt, dass diese Gruppendynamik universell sei und daher alles jederzeit wieder passieren kann. Denken Sie an die WM in Deutschland, wie viele plötzlich zu Fussballfans und fahnenschwingenden Patrioten mutierten. Das war diesmal zwar positiv besetzt. Aber Gruppendynamik ist per se steuerbar. Ich bin Unterstützer von Greenpeace und auch ein Globalisierungsgegner - aber im Grunde arbeiten die genau so.
Bleiben Sie an der Thematik dran? Nicht was die Vergangenheit betrifft. Ich möchte einen Film über Terrorismus machen. Ich glaube, das wird das große beherrschende Thema dieses Jahrhunderts. Aber wenn «Die Welle» kein Erfolg wird, werde ich die nächsten zwei Jahre nicht arbeiten können.
Wie sieht es mit dem Verkauf insgesamt und Vorführungen in Schulen aus? Der Film verkauft sich jetzt schon ganz gut, er geht schon nach Großbritannien, Spanien, Kanada und Frankreich. Mit Lehrerverbänden und Schulen haben wir die Kooperation schon gestartet.
Hintergrund «The Third Wave» Im Herbst 1967 führte der Geschichtslehrer Ron Jones an der Cubberley High School im kalifornischen Palo Alto in seiner Klasse eine Projektarbeit zum Thema Nationalsozialismus durch. Einer seiner Schüler stellte eine Frage, die auch der Lehrer nicht beantworten konnte. Sie lautete: «Wie konnten die Deutschen behaupten, nichts von der Judenvernichtung gewusst zu haben? Wie konnten Dorfbewohner, Bahnangestellte, Lehrer, Ärzte sagen, sie hätten nichts von dem Grauen in den Konzentrationslagern gewusst? Wie konnten die Nachbarn und auch Freunde jüdischer Bürger erklären, sie hätten davon nichts mitbekommen?» Ron Jones beschloss daraufhin spontan ein Experiment zu wagen. Er begann die Schüler zu disziplinieren, sie mussten strenge Regeln in der Gemeinschaft befolgen und auch persönliche Einschränkungen in Kauf nehmen. Jones nannte die Bewegung «The Third Wave» und war überrascht, wie schnell, mühelos und begeistert die Schüler auf den geforderten Autoritätsgehorsam reagierten. Dieser beängstigende Test, der ursprünglich nur einen Tag dauern sollte, ergriff aber die gesamte Schule: Plötzlich wurden Andersdenkende ausgegrenzt, die Mitglieder bespitzelten und denunzierten sich gegenseitig, und wer das Mitmachen in der «Bewegung» verweigerte, wurde brutal zusammengeschlagen. Am fünften Tag musste Ron Jones diesen ausartenden Schulversuch abbrechen. Nach dreijähriger Verschwiegenheit schrieb er das «Experiment » nieder, sein Bericht wurde 1972 veröffentlicht. Neun Jahre später veröffentlichte der Schriftsteller Morton Rhue die Erzählung «The Wave» und verschaffte so dem Vorfall weltweite Aufmerksamkeit. 1981 wurde das Buch von dem US-Sender ABC verfilmt. Morton Rhues «Die Welle» ist seit 20 Jahren auch in Deutschland ein Jugendbuch- und Schullektürenklassiker und hat Generationen von Jugendlichen geprägt. In unzähligen Unterrichtsstunden ging es immer wieder um die Frage: Ist Faschismus heute, in unserer so aufgeklärten Zeit, wieder möglich? Wie entsteht Faschismus? Und vor allem: Wie hätte ich mich bei diesem Experiment verhalten? Ron Jones, der zur Österreich-Premiere des Films nach Wien gekommen war, beteiligte sich an einer Diskussion im österreichischen Parlament unter der Leitung von Präsidentin Barbara Prammer. «Faschismus gibt es aber auch in den eigenen vier Wänden, in den Kirchen, Tempeln und am Arbeitsplatz. Wenn man aus dem Experiment Lehren ziehen könne, dann wohl jene, dass wir alle sowohl zum Guten als auch zum Bösen fähig sind», betonte Jones. Gerade deshalb gebe es ja «Checks and Balances» in der Demokratie, die uns helfen, ein Gleichgewicht zwischen Recht und Ordnung, Disziplin und Freiheit zu finden. Die Entscheidung zwischen Gut und Böse liege aber letztlich bei jedem Einzelnen. So einfach sei es jedenfalls nicht, demokratisch und frei zu sein, lautete seine Schlussfolgerung. |