60 Jahre Auge in Auge

 

Ein israelischer Soldat und ein palästinensischer Demonstrant am 11. April auf einer Kundgebung gegen die Errichtung der Sicherheitsmauer nahe Bethlehem.

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In diesem Monat begeht der Staat Israel seinen 60. Geburtstag. Weltweit werden Feiern und Kundgebungen zu Ehren des jüdischen Staates stattfinden. Es ist ein historisches Datum für den kleinen Staat an der östlichen Mittelmeerküste, der bislang sechs Kriege mit den Nachbarländern, zwei palästinensische Aufstände und eine andauernde Sicherheitsgefährdung überstand. Viele ältere Israelis hätten nicht geglaubt, dass der Staat jemals so alt wird. Die jüngere Generation scheint sich mit dem Wechselspiel aus Krisen und Normalität zurechtgefunden zu haben. Es ist eine Mischung aus Pessimismus und tiefer Verbundenheit zum Land, welche die israelische Nationalpsyche dieser Tage ausmacht. Während die Feierlichkeiten in vollem Gange sind, ereignen sich aktuell dramatische Veränderungen in Nahost, die weiterhin von Gewaltausbrüchen überschattet werden. So scheinen Syrien und die Hamas bereit, mit Israel zu verhandeln. Gleichzeitig stiegen im April die palästinensischen und israelischen Opferzahlen weiter an.

US-Präsident George W. Bush, eine ganze Palette von Politikern, Geschäftsleuten und Künstlern werden sich am 8. Mai zu den Festlichkeiten als Gäste von Staatspräsident Shimon Peres in Israel einfinden. Die amerikanische Sängerin Barbra Streisand, die das hebräische Gebet «Avinu Malkeinu», «Unser Vater, Unser König», zu der Feier singen sollte, ließ sich aber im Vorfeld entschuldigen. Dabei ist unklar, ob es die politische Situation in Israel oder die Anwesenheit des US-Präsidenten ist, die Streisand, überzeugte Anhängerin der Demokratischen Partei, sauer aufstießen. Ihr Sprecher nannte persönliche Verpflichtungen als Grund.

Zahlreiche Kulturveranstaltungen finden in diesem Mai in Israel sowie auch weltweit statt, die von westlichen Staaten und den außerhalb Israels lebenden jüdischen Gemeinden organisiert werden. Herauszuheben sind dabei das Konzert auf dem Washington Square in New York, ein Festessen im englischen Windsor Castle nebst Spendensammlung für Israel sowie Straßenparaden in London und Berlin.

Die israelische Regierung hat um die 18 Millionen Euro für die Feierlichkeiten bereitgestellt. Ungefähr 20 Prozent des Budgets sind für Konzerte, Flugschauen und eine landesweite Lasershow zwischen dem 7. und 8. Mai gedacht. Die Planung reicht noch weiter. Die Regierung ernannte ein Komitee unter Leitung der Ministerin Ruhama Avraham Balila von der Kadima-Partei zur Verteilung der Gelder, die sowohl in den Jahren 2008 als auch 2009 in zahlreiche Veranstaltungen und Projekte einfließen sollen. Im Vordergrund steht die Stärkung des israelisch-jüdischen Nationalbewusstseins. Gemäß einer Verlautbarung des Büros des Ministerpräsidenten Ehud Olmert, sollen vor allem die «Kinder Israels gestärkt werden». Aus dem Finanztopf ist außerdem die Schaffung von 60 Picknickplätzen in ganz Israel, besseren Zugängen für Behinderte, ein Fußpfad, der um den See Genezareth führen soll, sowie die Einweihung des «trans-Israel»-Fahrradweges geplant.

Trotz der breit gefächerten Planung sind die Kosten vergleichsweise niedriger als noch für die 50-Jahres- Feier im Jahre 1998. Für die wandte der Staat Israel damals fast 45 Millionen Euro auf. So entbrannte auch bereits eine hitzige innerisraelische Debatte über den Sinn der Feierlichkeiten und die damit verbundenen Ausgaben. Während das Budget bereits seit zwei Jahren feststeht, wurde das Komitee unter Ministerin Balila erst letzten August ernannt. Bislang tat es sich schwer, die angestrebten Projekte zu konkretisieren. Mehr als 90.000 Israelis haben bei einer Unterschriftensammlung unterschrieben, die sich gegen die Verwendung der Gelder für die Geburtstagsfeierlichkeiten ausspricht und dringliche sozialökonomische Probleme im Land als Begründung anführt.

Auch die Schoaüberlebenden in Israel stehen wieder im Zentrum der Feiern. Die Erinnerung an den Genozid an den europäischen Juden ist ein wichtiger Bestandteil der jüdisch-israelischen Identität. Die Regierung steht aufgrund heftiger Kritik, wonach viele Überlebende in Armut lebten, unter Zugzwang, ihnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Deshalb verlautbarte Olmert bereits, sich verstärkt um die Überlebenden zu kümmern, und mit dem Budget der 60-Jahres-Feiern auch Veranstaltungen zu ihren Gunsten zu organisieren.

Während in der westlichen Welt überwältigende politische Solidarität mit Israel vorherrscht, wird die 60-Jahr- Feier unter den arabischen Israelis und Palästinensern sowie breiten Teilen der arabischen und muslimischen Bevölkerungen unterschiedlich wahrgenommen. Das arabisch-israelische 2000-Seelen-Dorf A-Taibeh in Galiläa strich als Zeichen der Verbundenheit mit dem Staat seine Moschee in den israelischen Nationalfarben Blau und Weiß. Für viele Palästinenser herrscht am 8. Mai Grund zur Trauer. Sie empfinden die Schaffung des Staates vor 60 Jahren nicht als «Wunder», sondern als «Katastrophe», arabisch «Nakba», die die Geburt Israels begleitete. Während es sowohl im israelischen als auch im palästinensischen Geschichtsbild um das nackte Überleben inmitten einer feindlichen Umgebung geht, ist es aus israelischer Sicht trotz aller Krisen eine Erfolgsgeschichte. Aus palästinensischer Sicht zeichnen die Fakten dagegen ein Bild des Verlustes und der Niederlage.

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2008