Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Muslime mit der blauen Kippa…»Kamen vor 2000 Jahren Juden nach China?
«Not to understand
In der Volksrepublik China ist in den letzten 15 Jahren ein allgemeines Interesse an der Geschichte der «Nachfahren der Juden», so der offizielle Terminus für die chinesischen Juden, auszumachen. 1994 fragte der Journalist Zhang Tianxin: «Was haben folgende Persönlichkeiten: Karl Marx, Philosoph und Cheftheoretiker des Kommunismus, Albert Einstein, weltberühmter Physiker, Joseph Pulitzer, amerikanischer Journalist, und Franz Kafka, österreichscher Schriftsteller, gemeinsam? Sie alle haben einen großen Beitrag zum Fortschritt der Menschheit geleistet und - sie alle waren Juden.» Ein anderer chinesischer Intellektueller, Xu Xin, neben Ling Jiao Mitherausgeber der chinesischen Version der «Encyclopedia Judaica», 1994 im Schanghaier «People's Publishing House» erschienen, notiert: «Wenn wir die westliche Kultur verstehen wollen, dann müssen wir zunächst die jüdische Kultur verstehen.» Die chinesische, zwei Millionen Schriftzeichen umfassende Ausgabe der «Encyclopaedia Judaica» mit 1.600 Beiträgen liefert darüber hinaus in 50 Spezialaufsätzen Auskünfte über die jüdische Diaspora in China, die man in den nicht-chinesischen Ausgaben der «Encyclopaedia Judaica» vergeblich sucht. Eine erste Veröffentlichung über die Geschichte der Juden in China erschien 1897. Es handelte sich dabei um einen Zeitungsartikel. Von einer systematischen Erforschung des chinesischen Judentums kann jedoch erst ab 1920 die Rede sein: Damals erschienen zwei wichtige Publikationen: «Tablets Postscript of Judaism» und «Textual Research into Judaism» - beide Arbeiten stammen von chinesischen Gelehrten. Von 1920 bis 1949 galt das Hauptaugenmerk der chinesischen Forschung der Frage: «Wann und wie kamen die Juden nach China?» Von 1949 bis in die 70er Jahre war es politisch nicht opportun, sich mit dem Judentum zu befassen. Es gab jedoch Gelehrte, die heimlich ihre jüdischen Studien fortsetzten. Seit den 80er Jahren konnte offiziell wieder über das chinesische Judentum geforscht werden, wobei man sich diesmal auch mit der Entstehungsgeschichte der jüdischen Gemeinden, den Beziehungen zwischen chinesischen Juden und westlichen Missionaren, sowie mit dem Schicksal der aus Europa emigrierten Juden nach Schanghai auseinanderzusetzen begann. Bereits 1989 erschien in der Volksrepublik China ein Buch aus der Feder von Xu Buzeng, das das Emigrantenleben der rund 25.000 jüdischen Flüchtlinge aus Europa dokumentiert, die in Schanghai die Schoa überlebten. Seit 1990 arbeiten in China mehrere Forschungseinrichtungen, die sich mit dem Judentum befassen. Mittlerweile ist «jüdisches Material» aus dem Westen ins Chinesische übersetzt worden. Ebenso wächst die Zahl der Veröffentlichungen zu jüdischen Themen in der Volksrepublik China von Jahr zu Jahr. Bis zum zweiten Golfkrieg unterstützte die Volksrepublik China die Araber im Nahostkonflikt und forderte den Rückzug der Israelis aus den besetzten Gebieten. Erst der Fall der Mauer in Berlin und die Auflösung der Sowjetunion führten in Peking zum Überdenken der bisherigen Israel-Politik, und im Januar 1992 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern etabliert. In Schanghai wurde ein israelisches Generalkonsulat eröffnet - ein zweites soll demnächst in der Provinz Guangdon eingerichtet werden. In den letzten 15 Jahren sind zahlreiche Israelis - Touristen, Wissenschaftler und Geschäftsleute - nach China gereist. Anfang Januar diesen Jahres besuchte Israels Premierminister Ehud Olmert anlässlich der Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen China. Während dieser Reise erklärten die Chinesen: «Wir sind gegen Antisemitismus und lehnen ein militärisches Atomprogramm für den Iran ab.» Wann kamen die ersten Juden nach China? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Westliche Gelehrte gehen davon aus, dass Juden bereits in der Zhou-Dynastie (11. Jhd - 221 v.u.Z.) - nach der Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem nach China gelangten. Dafür spricht eine steinerne Inschrift, die besagt, dass der «Judaismus in der Zhou-Periode» nach China kam. Andere Forscher nehmen an, dass Juden erst ein paar hundert Jahre später in China Fuß fassten - während der Han-Dynastie (206 v.u.Z. - 220 n.u.Z.). Auch sie berufen sich auf ein in Stein gemeißeltes Zeugnis. Weiteres Beweismaterial liefern drei zerbrochene Steinstelen mit Inschriften in hebräischer Sprache; sie sollen ebenfalls aus der Zeit der Han-Dynastie stammen. Unbestritten ist dagegen die Ankunft der Juden während der Tsang-Dynastie (618-907 n.u.Z). Als Beweis wird der Reisebericht des Arabers Abu Said Hassan as-Sirafi aus dem 9. Jahrhundert n.u.Z. herangezogen. In seinen «Reisen in Indien und China» heißt es, dass sich Juden «seit undenklichen Zeiten» in China niedergelassen hätten. Ebenso finden sich in Marco Polos Reiseerzählungen aus dem Jahre 1286 Angaben über die Juden in China. Persische Ursprünge Erst im 17. Jahrhundert brachte der Jesuitenmissionar Matteo Rici (1605) gesicherte Kunde über chinesische Juden nach Europa. In der alten Kaiserstadt Kaifeng, dem ehemaligen Zentrum des chinesischen Judentums, gibt es ein kleines Jüdisches Museum, in dem steinerne Inschriften aus den Jahren 1164, 1488 und 1663 aufbewahrt werden, die Hinweise über die Religion der Juden - Stammvater Abraham, Religionsstifter Moses, Speise- und Festvorschriften - liefern. Es wird angenommen, dass die Juden nicht nur aus Indien, sondern vor allem auch aus Persien kamen, denn die «Nachfahren der Juden» in Kaifeng sprechen bis heute von ihren «persischen Ursprüngen». Untermauert werden diese Aussagen durch ein altes Schriftstück aus Kaifeng, das persische Schriftzüge trägt. Dass die Juden sowohl Land- als auch Seewege benutzen, um ins Reich der Mitte zu gelangen, steht außer Zweifel. In der chinesischen Karawanenstadt Dunhung, an der legendären Seidenstraße gelegen, wurde ein auf Papier geschriebenes «Selicha»-Gebet- gefunden. In Kaifeng wurde während der Sung-Dynastie (960-1279) eine jüdische Gemeinde gegründet, die bis in die Mitte des 19. Jahrhundert existierte. Von Kaifeng aus zogen jüdische Gruppen weiter. Sie ließen sich in vierzehn angrenzenden Provinzen nieder - vor allem in den heutigen Provinzen Hebel, Shanxi, Shandrong und Hubel. Die Chinesen bezeichneten die Juden in Kaifeng gewöhnlich sinngemäß als Muslime mit blauer Kippa, weil sie während des Gottesdienstes blaue Kappen trugen. Die Muslime trugen im Unterschied zu ihnen weiße Kappen. Die Synagoge wurde als Moschee bezeichnet. Für die Chinesen gab es zwischen der jüdischen und islamischen Religion so gut wie keine Unterschiede. Beide Glaubensgemeinschaften aßen kein Schweinefleisch und beschnitten ihre Knaben. Die volkstümliche Bezeichnung für die jüdische Religion lautet, wahrscheinlich in Anlehnung an die Kaschrutgebote, «Tiaojinjiao». Das hängt mit Jakobs Kampf mit Gott zusammen (Bereschit 32). Jakob wurde an der Hüfte verletzt, und aus diesem Grunde wird die Sehne aus der Hüftpfanne herausgezogen: «Tiaojiin» meint «Sehne herausziehen», «jiao» Lehre. Die Geschichte der Kaifenger Juden lasst sich ab dem 12. Jahrhundert einigermaßen sicher rekonstruieren. Vermutlich kamen um 1120 jüdische Kaufleute aus Persien und Indien nach Kaifeng, ein altes kosmopolitischer Zentrum und Hauptstadt der seit 960 regierenden nördlichen Sung-Dynastie, die 1126 von der Jin- (oder Ruzhen-) Dynastie (1115-1234) abgelöst wurde. Die seit 1127 herrschende südlich Sung-Dynastie wurde 1279 von der mongolischen Yuan-Dynastie (1279-1369) verdrängt - die chinesischen Juden lebten zunächst viele Jahre unter fremder mongolischer Herrschaft. Aus dieser Zeit stammt Chinas älteste Synagoge von 1163. Während der Ming-Dynastie (1368-1644) wurden die hebräischen Schriftrollen in der Kaifenger Synagoge Opfer des Gelben Flusses. Sie wurden in der Quing-Dynastie (1644-1911) neu geschrieben, aber im 19. Jahrhundert konnte niemand mehr Hebräisch lesen. Christliche Missionare brachten die Torarollen sowie jüdische Kultgegenstände außer Landes: nach Australien, Amerika und Europa, vor allem nach Großbritannien. 1841 trat der Gelbe Fluss erneut über seine Ufer und zerstörte große Teile der Synagoge, die bis 1849 offiziell benutzt wurde, obwohl der letzte Synagogenvorsteher bereits 1810 gestorben war. An der Stelle, wo einst die Synagoge stand, befindet sich heute ein Krankenhaus. Die Zahl der chinesischen, nichthalachischen Juden, die heute in Kaifeng anzutreffen sind und um ihre jüdische Herkunft wissen, wird auf 200 Personen geschätzt. Polygamie und Konkubinat Waren die Juden in China bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts in jüdischen Gemeinschaften organisiert, die sich als «Teil des jüdischen Volkes» sahen, so trat in der Ming-Dynastie ein entscheidender Wandel ein: eine neue Organisationsform wurde eingeführt: die Hausständefamilien. Ihnen standen Patriarchen vor, die sich chinesische Familiennamen zulegten - Ai, Li, An, Shih, Zhao etc. Mit anderen Worten, die Juden passten sich ihrer chinesischen Umgebung an. 1642 wurden, im Zuge der neuen Zeit, Familienfriedhöfe eingeführt, die von fremden Familienhausständen nicht benutzt werden durften. Es folgte trotz des gemeinsamen Gebets in der Synagoge ein totaler Rückzug auf die Familie. Dazu gehörte auch das Leben in Polygamie und Konkubinat, der allmähliche Verlust des Hebräischen und eine verstärkte Ausrichtung auf chinesische Sitten und Gebräuche. Trotzdem überlebten letzte Reste einer jüdischen Identität, auch wenn zu Beginn des 20. Jahrhunderts. die Beschneidung der Knaben nicht mehr praktiziert wurde. Nach den Regeln der Halacha waren sie schon lange nicht mehr jüdisch, aber das Bewusstsein ihrer jüdischen Abstammung blieb lebendig. Im 13. Jahrhundert, als sich das Reich der Yuan-Dynastie bis nach Osteuropa erstreckte, flohen Juden nach China, um drohenden Massakern zu entgehen. Mongolische Reiterscharen waren 1241 in Deutschland eingefallen, und die Christen mutmaßten in ihrem Judenhass, dass diese Abkömmlinge der zehn verlorenen Stämme Israels seien: Die Juden wurden für die Verwüstungen der Mongolenhorden verantwortlich gemacht. Weitere Juden kamen auch über den Seeweg ins Reich der Mitte. Der «Kolumbus Chinas», der große muslimische Seefahrer Zheng He (1371-1435), gelangte während der Ming-Zeit auf sieben Reisen zwischen 1405 und 1433 nach Südostasien, Indien, zur Arabischen Halbinsel, an die Ostküste Afrikas und in das Rote Meer. 37 Länder wurden von der chinesischen Flotte angelaufen. Zheng He erschloss für China nicht nur eine Seidenstraße auf dem Meer, sondern brachte auch jüdische Kaufleute nach China. Während dieser Zeit wuchs die Zahl der Juden in Kaifeng auf 4.000. In der Mitte des 19.Jahrhunderts trafen irakische Juden in China ein, um hier eine neue Heimat zu finden. Anders als die integrierten Kaifenger Juden blieben sie aber unter sich. Sie gründeten in Schanghai eine aktive Gemeinde mit einem regen Kulturleben. Sie, die «Bagdader Juden», galten als Ausländer und spielten in der blühenden chinesischen Geschäftswelt eine führende Rolle. Das goldene Zeitalter der Bagdad-Gemeinde - in China gab es keinen Antisemitismus - dauerte fast ein Siècle. 1941 endete es abrupt mit dem pazifischen Krieg. Neben der Bagdad-Gemeinde existierte seit Beginn des 20. Jahrhunderts. In Schanghai auch eine kleine russische Gemeinde. Im Gefolge der Oktoberrevolution 1917 flüchteten viele Juden aus Russland, unter ihnen auch die Eltern des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert, und kleinere Gruppen aus Polen nach Schanghai. Weitere jüdische Flüchtlinge trafen um 1930 aus der Mandschurei ein, wo katastrophale Wirtschaftsbedingungen das Leben unerträglich machten. Die Zahl der russischen, polnischen und sibirischen Juden betrug 1937 etwa 4.500, drei Jahre später waren es 8.000. Exil im Exil Die letzte jüdische Einwanderungswelle verzeichnete China nach der so genannten Reichskristallnacht 1938 in Deutschland. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge wuchs bis Ende 1939 auf 25.000 - man spricht sogar von bis zu 30.000, die in Schanghai der Schoa entkamen. Einige wenige Juden aus Polen und den baltischen Ländern konnten noch 1940 entkommen, unter ihnen einige hundert Schüler und Lehrer der legendären Mir-Jeschiwa aus Polen. Die größte jüdische Gemeinde in Schanghai bestand aus deutschen Flüchtlingen, die von der Bagdad-Gemeinde und der Russischen Gemeinde unterstützt wurden. Für die deutschen Juden war Schanghai nur ein Exil im Exil, eine vorübergehende Diaspora. Dass die Nazis sich bemühten, auch im fernen Schanghai eine «Umsetzung der Beschlüsse der Wannseekonferenz» in Zusammenarbeit mit den japanischen Okkupationstruppen zu erreichen, ist wenig bekannt. Josef Meisinger, Polizeiattaché an der deutschen Botschaft in Tokio, unterbreitete den Japanern mehrere Vorschläge, die von der Einrichtung einer Gaskammer auf der Halbinsel Potong, Ausrottung der Juden durch Zwangsarbeit bis hin zur Idee reichten, die Überlebenden auf ein Schiff zu verfrachten und auf dem Meer zu versenken. Die hitlerdeutsche Außenpolitik schaffte es immerhin, zumindest die Einrichtung eines Ghettos in Schanghai, als Auftakt der Vernichtung der Juden gedacht, bei den Japanern durchzusetzen. Erich Wickert, Autor, China-Experte und Ex-Botschafter in Peking, damals Rundfunkattaché am deutschen Generalkonsulat in Schanghai und dann an der deutschen Botschaft in Tokio tätig, bemerkt dazu in seinen Erinnerungen lakonisch: «Verfolgt aber wurden sie nicht.» Nach Kriegsende 1945 verließen fast alle Juden Schanghai. Die meisten emigrierten zunächst nach Amerika und Australien, einige kehrten nach Deutschland zurück - wie zum Beispiel 295 jüdische Flüchtlinge, die, nach einer vierwöchigen Seereise an Bord des amerikanischen Truppentransporters «Marine Lynx» im August 1947 in ihrer Heimatstadt Berlin eintrafen. Nach Gründung des Staates Israel 1948 fanden viele der «Schanghaier» eine neue Heimat im Staat der Juden - in Eretz Israel. Die Synagoge «Ohel Rachel» in Schanghai wird heute nur noch gelegentlich genutzt. Inzwischen bestehen aber neben der jüdischen Gemeinschaft in Hongkong, die dieses Jahr ihren 150.Geburtstag feiert, gleich zwei Gemeinden in Peking: die liberale «Kehillat Beijing» und das Chabad-Zentrum. |